Adel Tawil über seine islamisch-liberale Erziehung und das Gerechte

"Hey, lass mich wieder runterkommen"
Adel Tawil

Dirk von Nayhauß

Adel Tawil gehört mit seiner Musik quasi zum deutschen Kulturgut. Doch dann wurde ihm geraten, nicht alleine in Dresden durch die Straßen zu laufen. Da hatte er zum ersten Mal das Gefühl: Jetzt reicht’s!

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich durch den Wald laufe. Wenn ich nicht nur kurz, sondern vier, fünf Stunden an einem Stück unterwegs bin. Früher dachte ich: So lange? Das ist langweilig! Wir haben verlernt, Langeweile zu haben. Wir denken, wir würden was verpassen. Ich war immer auf der Suche: Wo ist das nächste Ding? Bist du aber mal ein paar ­Stunden im Wald, dann passiert was. Du entwickelst ­einen anderen Blick, du guckst dir die Bäume viel genauer an, ihre Wipfel, ihre Wurzeln. Ich höre das Rauschen des Windes und meine eigenen Schritte. Irgendwann kommt das alles zusammen, das sind besondere Momente. 

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich bin von meinen Eltern islamisch, aber sehr liberal ­erzogen worden. Meine Mutter hat mir gesagt: „Versuche immer, ein guter Mensch zu sein. Versuche ­immer, ­gerecht zu sein.“ Adel ist das arabische Wort für das Gerechte. Ich habe schon als kleines Kind gelernt, mich ständig zu fragen: Wenn ich jetzt das oder das mache, wie fühlt sich der andere dabei? Im Kern sind die Botschaften der monotheistischen Religionen dieselben. Ich war auf einer katholischen Schule, in meiner Kindheit hat sich das überhaupt nicht ausgeschlossen. Ich habe Allah gesagt und der Lehrer Gott. Irgendwann habe ich aber angefangen, mir Gott als universelle Kraft vorzustellen. Von der wir auch Zeichen bekommen, wenn wir unsicher sind. Manchmal bete ich, zum Beispiel vor der Bühne – dass alles gut wird, dass nichts Schlimmes passiert. Und ich kann nicht fliegen ohne ein kurzes „Hey, lass mich wieder runterkommen“. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass wir in den Himmel aufsteigen. Wenn wir da schon reinfliegen, dann hat das ein bisschen was von: Klopf, klopf, ich fliege mal kurz durch deine Wohnung, aber lass mich bitte wieder heile runterkommen.

Muss man den Tod fürchten?

Nein, ich bin ihm schon oft von der Schippe gesprungen. Mit fünf Jahren bin ich aus dem ersten Stock gefallen. 2013 ist mir im Flugzeug der Blinddarm gerissen. Und dann kam 2016 der Unfall: Ich bin in Ägypten in den Pool gesprungen und mit dem Kopf gegen die Wand geknallt. Mit einer Platzwunde bin ich ins Krankenhaus, und da haben sie festgestellt, dass der erste Halswirbel an vier Stellen gebrochen war. Ich hatte riesiges Glück! Wochenlang lag ich in der Berliner Charité. Zuerst dachte ich, das sei eine Strafe. Leute sagten mir: „Adel, da musste dich jetzt mal fragen, woher das kommt!“ Irgendwann wusste ich aber: Was für ein Quatsch! Frag dich lieber: Warum bin ich noch hier? Und meine Antwort war: Anscheinend will der da oben, dass ich noch ein bisschen was mache. Dieser Unfall hat ganz viel verändert. Ich habe eine Ehrfurcht, eine Demut vor dem Leben gespürt. Und der Tod war so präsent, der hat seinen Schrecken verloren.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die von Mensch zu Mensch. Ich erlebe sie jeden Tag, bei vielen Begegnungen: mit der Familie, mit Freunden, mit Fremden. Andere würden sagen: Nee, das ist nur Sympathie. Ich spüre das aber in der Art, wie man sich anschaut und miteinander spricht, am Klang der Stimme. Man weiß, dass der andere es gut mit einem meint - dass wir connected sind. Man ist sozusagen an das Universum angeschlossen. Ich bin kein Freund der Esoterik, aber trotzdem empfinde ich die Welt als sich ständig be­wegendes Energiezentrum. 

Wo ist Ihre Heimat?

Dort, wo meine Freunde sind. Und in Berlin. Natürlich war ich als Jugendlicher auf Identitätssuche. Habe ich meine Familie besucht, war ich immer der Deutsche. Und in Deutschland der Ausländer. Heute ist es anders, mit meiner Musik gehöre ich quasi zum deutschen Kulturgut. Ich betrachte aber mit extremer Sorge, was auf der Welt passiert. In Dresden habe ich eine unfassbare Geschichte erlebt. Mittags wollte ich zur Frauenkirche, und dann sagte der Hotelportier eines sehr renommierten Hotels zu mir: „Sind Sie allein? Dann würde ich Ihnen raten, nicht durch die Stadt zu gehen. Ab 13 Uhr rennen die ersten Jungs von der Pegida los, das kann gefährlich werden.“ Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Jetzt reicht’s! Wir müssen zeigen, dass wir mehr sind: „Wir sind mehr Tänzer als Soldaten“, wie eins meiner Lieder heißt.

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