Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger entdeckt das Glück in kleinen Augenblicken

"Ich glaube an das Humane, das reicht"
Christine Nöstlinger

Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger

Dirk von Nayhauß

Die Kinderbücher von Christine Nöstlinger gehören zu den schönsten der Welt. Jetzt ist sie 80 – und sagt: Nur beim Schreiben war sie mit sich zufrieden

Welche Liebe macht sie glücklich?
Glücklich? Mich macht keine Liebe glücklich, höchstens zufrieden. Wenn sich die Zufriedenheit plötzlich zu etwas ganz Grandiosem aufbaut – das ist für mich Glück. Es dauert oft nur wenige Augenblicke. Ich muss oft an meinen Vater denken, der war mein Lebensmensch, den habe ich übermäßig geliebt. Sicher haben es meine sämtlichen Beziehungen schwer gehabt, weil ich im Grunde genommen immer dachte: So gut wie mein Vater ist er nicht. Ich glaube, dieses enge Verhältnis ist entstanden, weil er mich die ersten drei Jahre betreut hat. Er war arbeitslos, meine Mutter hatte Arbeit. 

Was können Erwachsene von Kindern lernen?
Eigentlich können Erwachsene von Kindern nicht lernen. Aber ich habe mir selber viel Kindliches erhalten.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
Nein, ich komme aus einer Familie, die völlig atheistisch war. Als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, habe ich mich oft gewundert, wenn meine Freundinnen über Gott diskutiert haben. Ich, die eigentlich immer das große Wort geführt hat, ich habe ganz still danebengesessen, weil ich nichts damit anfangen konnte. Dennoch bin ich als Kind oft in die Kirche gegangen, die hat mich schauerlich abgestoßen und zugleich angezogen. Dieser ans Kreuz genagelte Jesus! Und in unserer Kirche stand vorne ein heiliger Sebastian, in seinem Körper steckten Pfeile, aus den Wunden tropfte das Blut. Um dieses Schreckliche zu bekämpfen, haben eine Schulfreundin und ich auf dem roten Teppich zwischen den Sitzreihen Purzelbäume geschlagen – wir kamen uns dabei sehr verwegen vor. Trotzdem wollte ich zur Erstkommunion gehen, ich wollte das weiße Kleid haben. Dafür musste man zur Beichte. In Schlangen standen die Kinder vor den fünf Beichtstühlen. Jedes Kind hat ein Heiligenbild bekommen. Als ich dran war, sind dem Kaplan wohl die Bilder ausgegangen, jedenfalls habe ich keins bekommen.Ich bin halt zum nächsten gegangen, und in dieser merkwürdigen Kinderlogik habe ich mir gedacht, ich kann nicht dieselben Sünden vortragen, also habe ich andere erfunden. Ich bekam ein Bild, und dann bin ich gierig geworden und bin zum dritten gegangen und habe wieder ein Bild gekriegt – und dann war noch einer da. Mir ist aber nichts mehr eingefallen, und so sagte ich: „Ich habe Unkeuschheit getrieben.“ Ich war sechs Jahre alt, ich habe überhaupt nicht gewusst, was das ist. Der Kaplan fragte durch das Gitter hindurch: „In Worten oder in Taten?“ Ich habe wieder nicht gewusst, was das ist, und habe einfach gesagt: „In beidem.“ Da hat er das Türchen aufgemacht, hat mich so angeschaut und gesagt: „Geh mit Gott, mein Kind.“ Ein Bild hat er mir nicht gegeben. Nein, ich glaube nicht an Gott, ich habe auch keine Sehnsucht danach. Ich habe den Glauben, dass Menschen, die in besseren Umständen leben, zu Geschöpfen werden, die zu Empathie fähig sind. Ich glaube an das Humane, ich glaube an Freiheit, an Gleichheit – dieser Glaube reicht mir.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Man fühlt sich ja auch lebendig, wenn es schmerzt. Das ist zwar keine lustige Lebendigkeit, aber da ich allerhand habe, was mich schmerzt, fühle ich mich, mit 80 Jahren, sehr oft lebendig. Es gibt aber auch schöne Momente: Wenn ich am Abend auf meiner Terrasse sitze und der Himmel ist voller Sterne. Das Schreiben hat mir oft mehr Spaß gemacht als alles andere, vor allem in der Zeit, als ich zwei halbwüchsige Töchter hatte und einen relativ in sich gekehrten Ehemann. Ich war gefangen in einem Leben, das ich für mich so nie geplant hätte, ich hatte mich nie als Hausfrau entworfen, das wollte ich einfach nicht. Nur beim Schreiben war ich mit mir selber zufrieden.

Wer oder was hilft in der Krise?
Bisher niemand. Ich bin überhaupt nicht in der Lage, mich an jemanden zu wenden. Das liegt mir nicht. Wenn jemand da wäre, an den ich mich anlehnen könnte, so eine Figur wie mein Vater, dann täte ich das ganz gerne, aber so jemanden habe ich nie gehabt. Meinen Ehemann? Wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gab, dann hat er mich angeschaut und gesagt: „Was wirst du tun?“ Wobei ich ihm das gar nicht zum Vorwurf machen will. Ich glaube, ich hätte es gar nicht so gern gehabt, dass er sich einmischt. Wenn sich jemand einmischt, dann muss man ihm auch Verfügungsgewalt geben.

Information

Christine Nöstlinger, 1936 geboren, schrieb mehr als 100 Kinder- und Jugend­bücher, darunter „Die feuerrote Friederike“, „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ und „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“. In „Glück ist was für Augenblicke“ erzählt sie ihr eigenes Leben. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Astrid Lindgren Memorial Award und den Hans-Christian-Andersen-Preis. Die Verfilmung ihres Roman „Maikäfer, flieg!“ läuft gerade im Kino. Nöstlinger hat zwei Töchter und lebt in Wien.

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Mirjam Unger hat das berühmte Kinderbuch von Christine Nöstlinger verfilmt, in dem ein junges Mädchen das Kriegsende 1945 in Wien erlebt
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