Porträt von Friedrich von Bodelschwingh

Ein konservativer Revolutionär
Friedrich von Bodelschwingh

Marco Wagner

Unbeirrt stellte sich Friedrich von Bodelschwingh den diakonischen Aufgaben seiner Zeit und setzte damit bis heute Maßstäbe

Der junge Mann hat ganz eigene Vorstellungen davon, was wichtig ist. Da zieht Friedrich von Bodelschwingh, Kind aus altem westfälischen Adelsgeschlecht, 1854 zum Studium an die Universität Basel, an der so berühmte Leute wie Jacob Burckhardt lehren, doch lässt er sich aus seiner pietistischen Gedankenwelt und seinem Schwärmertum nicht herauslocken. Dem ausgelassenen Studentenleben bleibt er fern. Er hält sich an das Milieu des Basler Missionshauses und dessen pietistische Prägung. Schon bald nach dem Studium wird sich zeigen, dass gerade dies die Triebfeder für sein lebenslanges humanitäres Engagement ist.

Bodelschwingh legt in Basel sein ers­tes theologisches Examen ab, nicht aber das zweite. Denn es drängt ihn als Lehrer und Pastor sofort nach Paris, an die „Gassenkehrerschule“, in die Elendsviertel des Stadtrands, die Banlieue. Die meis­ten der 60 000 Deutschen dort stammen aus der Pfalz und aus Hessen-Darmstadt. Sie leben in erbärmlichen Verhältnissen, arbeiten als Straßenkehrer, Müll- und Lumpensammler, in Fabriken und Steinbrüchen. Bodelschwingh liest ihre Kinder auf den Straßen auf, unterrichtet sie, ist Seelsorger der Familien. Seine Frau Ida, Tochter des preußischen Finanzminis­ters, erträgt die heruntergekommenen Wohnverhältnisse in Paris nicht und muss in eine Klinik.

1864 übernimmt Friedrich von Bodelschwingh eine Pastorenstelle im west­fälischen Dellwig. Und schon reibt er sich an der behäbigen Bürgerlichkeit der Christen. Er nimmt Anstoß an den Alkoholexzessen bei Festen. Die Bürokratie der Amtskirche betrachtet er kritisch. Bodelschwingh redigiert das konservative Sonntagsblatt „Westfälischer Hausfreund“. Seine Themen: Diakonie, Mission und vor allem die soziale Frage. Den Unternehmern wirft er ungebremstes Profitstreben vor, kritisiert, dass sie ihrer Fürsorge für die Arbeiter nicht nachkommen. Er fordert ein Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit, hält aber die Sozialisten für eine politische Gefahr.

Bodelschwinghs unternehmerischen Stil als Vorsteher war sorglos

Dann zu Jahresanfang 1869 eine familiäre Katastrophe: Ida und Friedrich von Bodelschwingh verlieren innerhalb von zwei Wochen ihre vier Kinder. „Stickhusten“ hat bei ihnen zu Lungenentzündungen geführt. Diese Erfahrung führt bei den Eltern zu einer tiefen Sterbefrömmigkeit und einem besonderen Blick aufs Leben. 1872 suchen die Epileptischenanstalt und das Diakonissenmutterhaus in Bielefeld einen neuen geistlichen Vorsteher. Die Bodelschwinghs gehen hin. Und damit beginnt eine außergewöhnliche Weiter­ent­wicklung in Bethel. „In nur zwölf Jahren, zwischen 1872 und 1884, wächst die Epileptischenanstalt Bethel auf 18 Häuser an“, schreibt der Biograf Hans-Walter Schmuhl. Dazu gehören Bauernhöfe, auf denen Epilepsiekranke in familien­ähnlichen Gruppen leben und arbeiten. Bei jedem Jahresfest Bethels wird ein Neubau eingeweiht oder ein Grundstein gelegt. Bodelschwinghs unternehmerischen Stil als Vorsteher kann man nur als sorglos bezeichnen. Das Geld dafür stammt vor allem aus Spenden. Den Löwenanteil der Arbeit leisten Diakonissen.

Hunderttausende arbeits- und obdachlose Wanderer gibt es während der Industrialisierung der 1870er Jahre, Menschen, die von keiner Gemeinde unterstützt werden. Zu ihrer Unterbringung gründet Bodelschwingh 1882 die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf. Weitere medizinische Tätigkeitsfelder kommen in Bethel hinzu, schließlich auch die Fürsorgeerziehung für Jugendliche. Bodelschwingh stößt auch eine evangelische Universität an als konservatives Gegen­gewicht zu den Universitäten. Heute ist die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel weithin anerkannt. Kaiser und Regierung scheinen Armut und soziale Missstände nicht beheben zu können. So lässt sich der Theologe 1903 für den preußischen Landtag aufstellen und wird gewählt. Dort kann er endlich ein Wanderarbeitergesetz auf den Weg ­bringen, 1907 tritt es in Kraft. Obdachlosig­keit ist kein Fall mehr für die kommunale Armenpflege, sondern der Sozialpolitik. Die Errichtung weiterer Anstalten, nun Hoffnungstal bei Berlin, scheint zu sehr an Bodelschwinghs Kräften zu zehren. Er erleidet 1909 und 1910 Schlaganfälle. Sein letztes Schriftstück war ein Aufruf zugunsten der Kongomission. Den konnte er nicht mehr zu Ende formulieren.

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