Wie geht es mit den Gletschern weiter?

Dynamische Riesen
Das Eis in den Alpen kommt und geht. Ob die Gletscher bleiben, liegt nicht allein in unserer Hand
Der Aletschgletscher in den Alpen – um 1900

Foto: Library of Congress

Der Aletschgletscher in den Alpen – um 1900

Dr. Andrea Fischer

Dr. Andrea Fischer ist ­Glaziologin am Institut für ­Interdisziplinäre Gebirgs­forschung in Innsbruck, Tirol.

chrismon: Gibt es immer schon Gletscher?

Andrea Fischer: Sicher nicht, wenn man geologische Zeiträume betrachtet, die Millionen von Jahren umfassen. Es gab heiße Zeiten, als die Dinosaurier lebten. Für das Holozän, die seit mehr als 11 000 Jahren andauernde warmzeitliche Epoche, gibt es noch keinen Nachweis für völlig eisfreie ­Alpen. Die ältesten Eismassen, die man in den Alpen gefunden hat, reichen mindestens 7000 Jahre zurück. Klar ist: Gletscher sind sehr dynamisch. Der Weg einer Schneeflocke, die am Gipfel fällt, zu Eis wird, herab­rutscht und an der Gletscherzunge abschmilzt, dauert einige Hundert Jahre. Der Gletscher als Landschaftsbild ist viel älter als die Eiskristalle, aus denen er besteht.

Wann waren die Gletscher am größten?

Vor dem Holozän waren sie so groß, dass sie Landschaften in Deutschland geprägt haben. Von Norden kam das skandinavische Eisschild, vom Süden das der Alpen. Dort haben sie Täler geformt. Im Inntal erkennt man noch die Eisrandterrassen.

Werden die Gletscher mit der Erderwärmung verschwinden?

Pro Jahr werden sie in den Alpen um einen Meter dünner. Aber das ist ein Mittelwert. Viele Faktoren sind wichtig, zum Beispiel die gesamte vorhandene Eisdicke. Im Durchschnitt sind das in den Ostalpen 60 bis 70 Meter, an den dicksten Stellen auch über 200 Meter. In Schattenlagen oder wo große Lawinen niedergehen, bildet sich auch in warmen Jahren neues Eis. Die meisten Gletscher werden kleiner, weil an den Zungen mehr Eis schmilzt als sich neu bildet.

Früher hieß es, die Alpengletscher würden bis 2050 abgeschmolzen sein. Heute nehmen wir an, dass am Ende dieses Jahrhunderts noch etwa 30 Prozent des Eises da sein werden. Aber auch bei dieser Prognose gibt es große Unsicherheiten. Steigt die Temperatur im globalen Mittel um 6,5 Grad? Oder schaffen wir das 2-Grad-Ziel, das in Paris beschlossen wurde? Wie wirkt sich die Erwärmung auf die Luftströmungen in den Alpen aus? Schneit es im Winter vielleicht sogar mehr?  

Klingt fast so, als sei Klimaschutz nicht so wichtig für die Gletscher.

Es ist fraglos riskant, noch mehr Klimagase auszustoßen. Das ist an globalen Größen ablesbar, an der Durchschnittstemperatur oder dem Meeresspiegel. Kleinräumig ist der Einfluss des Menschen viel schwieriger von anderen Schwankungen zu unterscheiden. Ich kann nicht konkret für Einzelgletscher versprechen, dass wir sie erhalten können, wenn wir alle brav und vernünftig werden. Oder dass die Gletscher wieder vorstoßen, wenn wir das Klima schützen. Der Mensch kann im Sommer Teile der Gletscher abdecken oder Schnee aufbringen, aber ­damit schützt er nur kleine Mosaikteilchen.

Brauchen wir die Gletscher?

Können wir das entscheiden? Die Natur ist variabel. Vielleicht entsteht dort, wo heute Gletscher sind, einmal ein Wald. Das wäre auch faszinierend. Mir sagen die Gletscher vor allem eines: Der Mensch sollte nie glauben, dass er allein am Rad der Natur dreht. Das sollte uns aber nicht daran hindern, das Beste zumindest zu versuchen!

Information

chrismon fragt junge ­Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können.

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