Impfen gegen Hirntumore

"Diese Zelle bitte weg"
Gehirntumore bekämpfen

Foto: Markus Kollhoff / Plainpicture

Ein Impfstoff zeigt dem Immunsystem, wie es gegen einen Hirntumor arbeitet. Bei Mäusen klappt das schon

chrismon: Herr Bunse, Sie wollen mit Impfungen Hirntumore bekämpfen. Wie funktioniert das?

Lukas Bunse: Zunächst: Bei allen Krebsarten klappt das nicht. Aber man weiß seit acht Jahren, dass bei einigen Arten von Hirntumoren alle Zellen an einer bestimmten Stelle im Genom mutiert sind. Uns Forschern kommt das entgegen, weil man so alle Tumorzellen gleichzeitig bekämpfen kann. Für diese Arten entwickeln wir eine Impfung, die dem Immunsystem zeigt, gegen welche Zellen es gezielt kämpfen soll.

Wie kann das Immunsystem das lernen?

Im Prinzip wie bei einer Masernimpfung: Wir spritzen einen kleinen Proteinbaustein, der einem Baustein im Tumor nachempfunden ist. Er wirkt wie eine Art Fahndungsfoto, das sich verbreitet. Das Immunsystem lernt so, dass es nach diesem Baustein suchen soll. Zusätzlich stimulieren wir das Immunsystem generell, dieses Fahndungsfoto zu verbreiten. Nach einiger Zeit wiederholen wir die Impfung, damit das „Gedächtnis“ des Immunsystems noch besser wird.

So einfach, wie es sich anhört, ist es aber sicher nicht.

Nein. Um Impfungen an Menschen testen zu dürfen, müssen sie bei Tieren erfolgreich verlaufen sein. Dazu mussten wir Mäuse züchten, deren Immunsystem bestimmte menschliche Moleküle trägt. Diese Moleküle spielen vor allem bei Organen, die man von Mensch zu Mensch transplantiert, eine große Rolle. Die zweite Schwierigkeit: Wir brauchten Mäuse mit Tumoren mit eben genau dieser Veränderung in den einzelnen Tumorzellen. Solche Mäuse zu züchten, hat mehrere Jahre gedauert.

Wie hat die Behandlung bei den Mäusen angeschlagen?

Dass Tumore durch unsere Therapie abgestoßen werden, konnten wir noch nicht erreichen, aber immerhin haben sie die Impfung gut vertragen und die Tumore sind nicht weitergewachsen. Schon ein großer Erfolg! So könnte man nämlich nach Operationen verhindern, dass der Krebs wiederkommt. Bei bösartigen Hirntumoren passiert das so gut wie immer. Nun laufen erste Tests mit 39 streng ausgewählten Patienten.

Könnte man auch vorbeugend impfen, damit der Krebs gar nicht erst entsteht – wie bei Gebärmutterhalskrebs?

Theoretisch ja, aber so furchtbar Hirntumore sind: Sie sind glücklicherweise sehr selten. Deshalb ist eine flächendeckende Impfung im Vorhinein nicht sinnvoll.

Und in zehn Jahren?

Wird man hoffentlich noch mehr über die einzelnen Bestandteile vieler Krebsarten wissen, sodass man nach einer kompletten Tumoranalyse jeden Patienten individuell mit allem impfen kann, was sein Immunsys­tem über den Tumor wissen muss. Weiter hoffe ich, dass wir mehr darüber wissen, wie wir dem Immunsystem helfen können, die gesuchten Bausteine besser zu erkennen. Denn das ist noch nicht ganz entschlüsselt.

Lukas Bunse

Lukas Bunse, Jahrgang 1988, forscht am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Als Doktorand war er an der Entwicklung des Impfstoffes beteiligt.
Foto: PR

chrismon fragt junge ­Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können.

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