"Lebenszeichen" statt "Alterserscheinung"

Von wegen reif!
Mit Schwung in den Herbst

Foto: Lubitz+Dorner / plainpicture

"Alterserscheinung“ ist ein hässliches Wort! Drum habe ich es gerade erledigt (die Kolumne ist unten verlinkt!) - und eine Schachtel Pralinen ausgesetzt auf den besten Vorschlag, das ungeliebte Wort zu ersetzen.

Ich bin begeistert. 25 Wörter wurden mir geschenkt, dafür ein herzliches Dankeschön! In einer turbulenten Jurysitzung mit mir selber habe ich ohne notarielle Aufsicht entschieden: Die Pralinen gehen an Brigitte Elchlepp aus Bergisch Gladbach für das Wort Lebenszeichen. Das hätte ich lustig gefunden, wenn der Apotheker – wie in meiner Kolumne beschrieben – gesagt hätte: Tränen in den Augen? Das ist ein Lebenszeichen. Denn weinen, lachen, das ist ja leben live. Außerdem ist das Wort schön ironisch, ein Lebenszeichen ist ja auch, wenn man sich nach langer Zeit mal wieder bei der besten Freundin meldet.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin
Knapp dahinter auf meiner Hitliste liegt Entwicklungsblüten – schön poetisch. Und Späti-Spuren – das erinnert an die sympathischen Berliner "Spätis“. Aber insgesamt hab ich bei spät ehrlich gesagt die Assoziation "spätes Mädchen, nicht gut.

Die meisten Vorschläge kamen aus der Wortfamilie "Reife“. Für andere mag das passen, ich selber fühle mich nicht wirklich gereift. Ich bin älter, aber jeden Tag passiert so viel Neues, dass wenige Dinge so richtig "ausgereift“ sind. Das Kind geht ins Ausland, wir basteln eine neue App, ich habe schon wieder eine Macke ins Auto gefahren, ich gründe eine WG, das Leben ist ein Wechselspiel von Versuch und Irrtum, drum leider zero points für Reifezeichen, Zeichen der Reife, Lebensreife, Reifeprivileg, Reife-Erscheinungen, Hochreife, Raureif, Strahlungsreif, Reifeprozess und Reifespuren. Sorry. Und Reifespuren klingt nach Reifenspuren. Eher was für den ADAC.

Alles mit silber und silver ist ok, aber nicht meins; noch bin ich blond. Und zu abstrakt, zu Business-Sprech, finde ich Neuland, Übergangs-Erscheinung, Folgen der Jugend, Lebensentwicklungs-Phänomen und Senioritätsbeweis. 

Allzu bürokratisch klingt mir auch  Wertemerkmale , Zeitzeichen und Aneinanderreihung von Sinnespräferenzen. Oder  gar geriatrische Marker, das ist mir zu medizinisch und lässt mich eher an Alterskrebs denken.

Bleibt noch der Indian Summer, wenn sich an der amerikanischen Ostküste die Blätter golden färben. Hübsch, aber zu englisch. Dann lieber das gute alte Zipperlein. Auch hübsch. Aber "Lebenszeichen“ ist noch hübscher.

Herzlichen Dank für so viel Hirnschmalz! Zusammen werden wir das schon wuppen, das Älterwerden. Und lebendig bleiben.

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