Warum haben die Russen den Zweiten Weltkrieg gewonnen?

Wieso die Sowjetunion den Krieg dann doch gewann

Straßenbarrikaden in Moskau im Sommer 1941. Foto imago/ITAR-TASS

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Hätte Nazi-Deutschland die Sowjetunion besiegt, hätte das den Völkermord an den Slawen bedeutet. Mit den jüdischen Bürgern und Bürgerinnen der Sowjetunion hatte man schon angefangen. Ein paar Slawen hätte das Deutsche Reich wohl leben lassen – als Sklaven. Millionen hatte man ja schon als ZwangsarbeiterInnen ins Reich deportiert.

„Überflüssige Esser“

Ansonsten sah das Deutsche Reich die Bevölkerung der Sowjetunion als „überflüssige Esser“, vor allem die Städter.  Schließlich brauchte die Wehrmacht Essen für ihre Soldaten und Futter für Hunderttausende von Pferden. Also senkte man die Lebensmittelrationen in Kiew auf 200 Gramm Brot pro Woche.

Danke, Viktor!

 Foto: Kirill Golovchenko

Vor 70 Jahren gab sich das faschistische Deutschland endlich geschlagen. Das Kriegsende war nicht schön für die meisten Deutschen. Und es war eine Befreiung, für die die Soldaten der Roten Armee einen hohen Preis zahlten. Zum Artikel.

Fast hätte es geklappt mit der deutschen Weltherrschaft. Nach den ersten fünf Tagen im Juni 1941  hatte die Wehrmacht bereits Minsk erreicht, die Hauptstadt Weißrusslands, war also 500 Kilometer tief in sowjetisches Territorium vorgedrungen. So ging das weiter, anderthalb Jahre lang Sieg um Sieg, bis zum Winter 1942, bei der Schlacht um Stalingrad. Doch auch Stalingrad bedeutete noch nicht die Wende.

Wie konnte das passieren? Wieso konnte die Rote Armee sich nicht von Anfang an effektiv verteidigen?

Der russische Staatschef Stalin hatte einen Krieg unbedingt vermeiden wollen. Das Land steckte mitten in der Modernisierung, einen teuren Krieg konnte man sich nicht „leisten“. Deswegen hatte Stalin 1939, nachdem Deutschland vollends den tschechischen Staat besetzt hatte, England und Frankreich ein Bündnis angeboten: Sollte einer der drei Saaten von Deutschland angegriffen werden, würden alle drei Länder Deutschland den Krieg erklärten. Die Konferenz scheiterte. Im August 1939 schloss Stalin dann den Hitler-Stalin-Pakt ab, einen Nichtangriffspakt. Darauf hatte Stalin vertraut.

Was Stalin als Kriegsherr falschgemacht hat

Stalin und seine Führungscrew trafen schlimme Fehlentscheidungen, die viele der sowjetischen Bürger und Bürgerinnen das Leben kosteten. Um nur einige Fehler zu nennen – entnommen dem äußerst detailreichen Buch des britischen Militärhistorikers Richard Overy: „Russlands Krieg 1941 – 1945“:

  • Stalin hatte das Militär geschwächt dadurch, dass er bei seinen „Säuberungs“-Aktionen Ende der 30er Jahre  720 von insgesamt 837 Kommandeuren des Heeres entließ, einkerkerte oder hinrichtete.
  • Er zog keine Lehre aus dem Polenfeldzug der deutschen Wehrmacht – die moderne mechanisierte Armee hatte Polen sehr schnell eingenommen gehabt. Stalin ging vielmehr weiterhin davon aus, dass ein Angreifer sich zunächst zehn Tage Vorhutgefechte mit der Sowjetunion liefern würde, bevor es zum Zusammenprall zweier Heere käme. Die meisten Offiziere waren auch nur im Angriff geschult bzw. in der Vorwärtsverteidigung (= bei Angriff sofort weit in das Territorium des Gegners vordringen)Die sowjetische Führung legte eine neue Verteidigungslinie an und ließ die alte schon abbauen, bevor die neue fertig war. Die Folge war, dass 1941 an den neuen Stellungen fast alles fehlte: Geschütze, Funk, Elektrizität. Luftfilter, Tarnung
  • Stalin wischte die vielen Warnungen vor einem deutschen Angriff im Sommer 1941 beiseite, zog also nicht, wie es richtig gewesen wäre, alle Kräfte an der Grenze zusammen; währenddessen marschierte auf der deutschen Seite der Grenze das größte Invasionsheer auf, das jemals zusammengezogen worden war: mehr als 3 Millionen Soldaten.
  • Die Sowjetunion hatte noch nicht mal die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen getroffen – so standen die Kampfflugzeuge auf den großen Stützpunkten ungetarnt aufgereiht und konnten von deutschen Fliegern bequem vernichtet werden
  • Das Nachrichtensystem war kaum der Rede wert. Viele Panzer und Flugzeuge waren nicht mit Funk ausgestattet; sie hatten keinen Kontakt zu ihrem Kommando.

Ein toter Deutscher auf 20 tote Sowjetsoldaten

Was folgte, war das pure Grauen. Die Infanteristen wurden an die Front geschickt, ohne dass Flugzeuge sie gedeckt hätten, ohne dass sie angemessen bewaffnet gewesen wären, ohne dass sie durch Luftaufklärung überhaupt gewusst hätten, wo gerade welche Einheiten sind. Folge: Die  Truppen wurden oft in wenigen Stunden „aufgerieben“, wie das in Militärsprache heißt.

Zwischen Juni und Dezember 1941 fielen 2,6 Millionen Rotarmisten, für jeden gefallenen deutschen Soldaten mussten 20 sowjetische Soldaten ihr Leben lassen. Weitere 3,3 Millionen gerieten in Gefangenschaft. Die meisten ließen die Deutschen einfach hinter Stacheldraht verhungern.

Stalingrad war nicht die Wende

Der Kampf um Stalingrad im Winter 1942/1943, den die Wehrmacht verlor, war nicht die Wende. Es war ein Winterkrieg, und die Rote Armee war für den Winter besser ausgerüstet als die Wehrmacht, schon von der Kleidung her.

Die Wende kam erst im Laufe des Jahres 1943, etwa mit der Schlacht um die Stadt Kursk. Grund: Die ungeheuren Kriegsanstrengungen der Sowjetunion zeigten allmählich Früchte. Zum einen strategisch: Die Rote Armee schaute sich von der Wehrmacht die tragende Rolle der Panzer ab und bündelte die Panzer zu ganzen Verbänden.

Vor allem aber schaffte es die Sowjetunion endlich, mehr Panzer, Flugzeuge und Artilleriewaffen zu produzieren als die deutsche Wirtschaft. Man hatte 1941 nach dem deutschen Angriff ganze Fabrikanlagen in den von Besatzung bedrohten Gebieten abgebaut und möglichst mitsamt der Belegschaft in Zügen in den Ural, nach Kasachstan oder Sibirien gefahren. Dort kletterten die Menschen heraus und bauten ihren Arbeitsplatz neu auf – unter unvorstellbaren Bedingungen: bei Schnee, gefrorenem Boden, unerschlossenem Grund, die ArbeiterInnen lebten in Erdlöchern.

Spannende Details für militärisch Desinteressierte

Solche Details kann man auf 500 Seiten nachlesen in dem großartigen Buch „Russlands Krieg“ von Richard Overy. Der britische Militärhistoriker fasst alle Forschungserkenntnisse aus den vergangenen Jahren zusammen und erzählt in einer Weise, dass man als Leserin mitfiebert, mitleidet, weitererzählen muss …

Details wie dieses: 1943 lief endlich die Hilfe aus den USA und dem britischen Commonwealth an – so wurden zum Beispiel 380 000 Feldtelefone und 35 000 Funkstationen geliefert, damit konnten die Sowjets ein leistungsfähiges Fernmeldenetz aufbauen. Auch ein Drittel der sowjetischen Fahrzeuge kam aus dem Ausland, die meisten erst 1943 und 1944: Jeeps, leichte Lkw, Studebaker-Militärlastwagen. Dazu Flugbenzin, Sprengstoffe, Schienen, Lokomotiven …

Sicher hat die Drohung mit stalinistischem Terror auch einiges zum Sieg beigetragen – aber, so der Militärhistoriker Overy: „Nicht jeder Soldat hatte einen Gewehrlauf im Rücken, nicht jeder Fall von Opferbereitschaft und beherztem, erbittertem Widerstand war auf die Furcht vor Repressalien zurückzuführen.“

Wenn Hitler nicht so ein mieser Kriegsherr gewesen wäre, dann…

Nach dem Krieg sagten deutsche Generäle gern, die Sowjetunion habe den Krieg nicht gewonnen, sondern Deutschland habe ihn verloren. Hitlers unberechenbare Kriegsführung und der Mangel an Waffen habe zur Niederlage geführt. Doch HistorikerInnen heute sehen das anders. Natürlich habe, so schreibt der britische Militärhistoriker  Overy, die Zersplitterung der deutschen Kräfte die Niederlage der Wehrmacht wahrscheinlicher gemacht. Er meint damit zum Beispiel die Zersplitterung durch die Kämpfe am Mittelmeer. Trotzdem: Die Wehrmacht hat ihre größten Verluste an der Ostfront erlitten – 80 Prozent ihrer Gefallenen sind dort ums Leben gekommen.

Overy sagt sogar: „Die Sowjetunion musste den Krieg gewinnen.“ Obwohl niemand den sowjetischen Staat mit seiner Bürokratie für leistungsfähig hielt, legte er dann doch genau die Fähigkeiten an den Tag, die notwendig waren, um eine riesige Bevölkerung für ein einziges gemeinsames Ziel zu mobilisieren.

Buchtipp

Richard Overy: Russlands Krieg 1941 – 1945. Rororo 2011, 14,99 Euro

Der Preis für den Sieg war hoch. Das Leben war extrem hart geworden. Es galt die 66-Stunden-Woche bei einem Ruhetag im Monat. In den Fabriken arbeiteten praktisch nur noch Frauen und Jugendliche. In der Landwirtschaft zogen Frauengruppen die Pflüge – die Tiere hatten die Deutsche ihnen weggenommen.

Am Ende hatten 27 Millionen Bürger und Bürgerinnen der Sowjetunion ihr Leben verloren. Soldaten und Soldatinnen und noch mehr Zivilisten, also nicht bewaffnete Menschen.

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Lesermeinungen

wenn sie schwierige Themen vorstellen müssen ? oder Von der Mähr, dass Lügen kurze Beine haben, und die Wahrheit zu sehr schmerzt ...
Frau Holch würde ihre eigene Familie verkaufen, und dabei die Käufer in den strahlendsten Farben schildern, darin ist sie sicher Vollprofi, aber ich finde, dass ein Sachbuch zum Thema der vergangenen Kriege keine so blöde Kritik nötig hat, im Gegenteil, es spricht für sich. Übertreibungen wirken leicht wie Kaltschnäuzigkeit, und liegen hart an der Grenze des Tolerablen. ---------------------------------------------------------------------
"Spannende Details für militärisch Desinteressierte ", oder der feine Unterschied zwischen Empfindung und Fernbedienung. Ich finde es besser, in Buchhandlungen, oder Internet nach geeigneten Büchern herumzustöbern, denn mich als Leser, auf der Suche nach spiritueller Anregung, derart platt abspeisen zu lassen ! Da ist selbst Fastfood gesünder als die automatisch betriebene scheinevangelische Schreibe ! ------------------------------------------
Abgesehen davon : "Das Kriegsende war nicht schön, für die meisten Deutschen ..." Allein die Tatsache, dass solche Sätze überhaupt noch geschrieben werden, zeigt eine erschreckende Distanz zu den KZ Lagern, zum Holocaust, überhaupt zu dem geisteskranken deutschen Führer (!!!) , zu den Schrecken der NS Zeit überhaupt. Stattdessen macht sich hier eine reine Veteranen ROMANTIK breit, die dazu führt, dass die militärische Seite in den Focus gerät, und vor allem der Blick wieder frei wird auf das, was bisher im Verborgenen lag : dass keine Aufarbeitung statt gefunden hat, sondern lediglich Krankheit; Alter, Verdrängung und ein unaufhörliches Messerwetzen ! Heute sind die Helden von einst müde geworden, die Geschichtsschreibung abgebrüht genug, um schonungslos Detail für Detail offen zu legen. ------------------------------------------------------------
Das ist absolut ärgerlich. Wo liegt der Sinn des Ganzen ? !