Sexueller Missbrauch

"Ich habe die Angst besiegt"
Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg „Ich habe die Angst besiegt“

Christian Grund/13 Photo

Vor fünf Jahren deckte Pater Klaus Mertes etliche Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg auf. Trotz vielfacher Kritik gab er nicht klein bei. Ein Gespräch mit ihm über Gewissensfreiheit, Gehorsam und die Bedeutung von Autorität

Es ist Sonntag. Ich stehe in einem steiner­nen Bogengang und warte auf Klaus Mertes, meinen ehemaligen Lehrer und Schulleiter. (Von 1998 bis 2004 war ich Schülerin am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin.) Mertes beendet soeben die Mittagsmesse im „Dom“ von St. Blasien, einer ehemaligen Klos­terkirche und Teil eines Kollegs, das er heute leitet. Ich muss an die Andachten meiner Schulzeit denken, in denen Klaus Mertes häufig spontan zur Gitarre griff. Es hieß, er habe einmal Rockstar werden wollen. Als Pater und Rektor ist er eine Respektsperson, als Lehrer sehr zugänglich.

Macht war sein großes Thema, schon damals. Er schaute nicht weg, wenn Schüler andere Schüler mobbten. Und er betonte, dass die „Asymmetrie der Macht“ zwischen Lehrer und Schüler gefährlich werden kann. Heute weiß ich, dass er damals bereits begonnen hatte, den „Mythos Canisius“ öffentlich zu kritisieren. Die Schule bezeichnete sich selbst als Eliteeinrichtung, stand für strenge Bildung und christliche Werte. Trotzdem stimmte etwas „atmosphärisch“ nicht, wird Mertes später sagen. Es gab Dinge, über die man nicht sprach. 

Als Mertes den Flur heraufkommt, wirkt er fast wie früher: sehr bestimmt, sehr energisch, ein Mann, der den Raum ausfüllt. Er lächelt über das ganze Gesicht. Nur sein Haar ist weißer und die Falten um die Augen sind zahlreicher geworden. Und er wirkt ruhiger, sein Lachen ist leiser. Wir gehen im Wald spazieren, der hinter der Schule beginnt.

chrismon: Pater Mertes, wenn ich an Sie als Klassenlehrer denke, fallen mir auf Anhieb drei Adjektive ein: selbstbewusst, willensstark, laut.

Klaus Mertes: Laut? Das ist schön (lacht). Stimmt ja auch.

Sie sind niemand, der sich gern unterordnet. Trotzdem sind Sie mit 23 Jahren Jesuit ge­worden. Warum?

Ich hatte schon als Kind eine tiefe religiöse Sehnsucht. Ich war neidisch auf die Jünger, weil die dem auferstandenen Herrn leibhaftig be­gegnet sind. Irgendwie war mir immer klar: Für religiöse Erfahrung muss man etwas einsetzen. Ich habe dann überlegt, in die Wüste zu gehen, Eremit zu werden. Oder eben Mönch. Ich wollte nicht nur von den Geschichten anderer leben.

"Man findet Sicherheit und Zugehörigkeit, indem man sich einer Autorität unterwirft"

Sie haben damals Armut, Keuschheit und ­Gehorsam gelobt. Haben Sie die Entscheidung je bereut?

Nein, nie. Obwohl ich keine Ahnung hatte, worauf ich mich einließ. Im Nachhinein war es wirklich völlig verrückt. Aber Glauben ist eben ein Akt des Vertrauens. Man wirft sich hinein in die Arme Gottes und vertraut darauf, in ­guten Händen zu landen. Und ich habe immer geglaubt, dass ich alles, was ich aufgebe, irgendwann anders zurückbekomme.

Die Jesuiten verpflichten sich zu Gehorsam gegenüber ihren Oberen und dem Papst. Ist Ihnen das schwergefallen?

Unterwerfung hatte für mich immer auch etwas Faszinierendes: sich vollkommen in den Dienst einer glaubwürdigen Autorität zu stellen. Heute erlebe ich das stärker als ambivalent, aber damals war es eben so.

Woher kam Ihr Wunsch, sich zu unterwerfen?

Den hatte ich von Kindesbeinen an. Ich glaube, dass jeder Mensch damit in seiner Biografie ­zu tun hat – vielleicht Jungs noch mehr als Mädchen. Man findet Sicherheit und Zugehörigkeit, indem man sich einer Autorität unterwirft.

Und diese Bindung besteht fort, auch nach den Missbrauchsvorfällen?

Ja, das tut sie. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits begriffen, dass bedingungslose Unterwerfung falsch ist. Auch Autoritäten müssen sich vor Argumenten verantworten. Und sie müssen der Gewissensentscheidung des Einzelnen Raum lassen, gerade auch in seiner Beziehung zu Gott. Das ging bei den Jesuiten, man konnte sich dort stets mit tausend Fragen kritisch auseinandersetzen.

Wie war es für Sie, von den Missbrauchsfällen zu erfahren?

Es war ein Schock. Ich war ja früher selbst Schüler einer jesuitischen Schule in Bonn. Die Patres dort waren meine Vorbilder, durch sie bin ich zum Orden gekommen. Mitzubekommen, dass manche von ihnen in den Missbrauch verwickelt waren, führte auch zu einem Verlust an Geborgenheit.

"Ich begriff erst allmählich, wie viel Ausgrenzung und Gewalt es in der Kirche gibt"

Was bedeutet Ihr Versprechen, dem Papst gegenüber gehorsam zu sein?

Nicht, dass ich alles für richtig halte, was er denkt und sagt. Sondern, dass er grundsätzlich das Recht hat, mich am Schopf zu ergreifen und zu sagen: Ich brauch dich jetzt hier oder dort.

Ein Jahr nach der Aufdeckung des Missbrauchs wurden Sie von Berlin nach St. Blasien in den Südschwarzwald versetzt. Eine Strafe?

Nein. Ich bin gebeten worden, ans Kolleg nach St. Blasien zu gehen, weil mein Vorgänger an die Jesuitenschule in Bonn versetzt wurde. Ich wäre allein nicht auf die Idee gekommen, diesen Wechsel zu vollziehen. Aber in Anbetracht der Gesamtsituation hat er Sinn gemacht.

Wie schwierig war es für Sie, den Missbrauch innerhalb der Kirche anzusprechen?

Sehr schwierig. Das war mit großen Ängsten verbunden, aber auch mit einer Veränderung meines Selbstbildes. Als 2010 drei ehemalige Schüler zu mir kamen und mir von den Vor­fällen erzählten, habe ich glücklicherweise richtig gehandelt und ihnen geglaubt. Aber dem ging ein langer Prozess voraus, fast 20 Jahre.

Worin bestand dieser Prozess?

Mir war zum Beispiel lange nicht klar, dass es schwule Priester gab. Bis ich Ende der 90er mal mit einem Mitbruder vor dem Fernseher saß. In der Sendung sagten katholische Würden­träger, dass schwule Priester in der Kirche nicht erwünscht seien. Dem Mitbruder lief eine Träne übers Gesicht. Das war ein Schlüsselmoment. Ich begriff erst allmählich, wie viel Ausgrenzung und Gewalt es in der Kirche gibt.

Sie haben 2009 ein Buch geschrieben, schon vor dem Missbrauchsskandal. Es hieß „Wider­spruch aus Loyalität“. Darin kritisieren Sie Papst Benedikt XVI. dafür, dass er einen exkommunizierten Holocaust-Leugner, einen amerikanischen Bischof, rehabilitiert hat. War das schon eine Feuerprobe?

Ja, bestimmt. Eine Woche nach der Entscheidung des Papstes musste ich in Maria Regina Martyrum predigen, einer katholischen Gedenkkirche für die Opfer des Nationalsozialismus. Mir war damals klar: Wenn ich das Thema in diesem Umfeld nicht anspreche, sage ich damit auch etwas. Es gab dann tumultartige Szenen, einige Zuhörer haben geweint, weil endlich jemand das Schweigen brach. Damals hatten ja alle Angst, den Papst zu kritisieren, weil dann die turbokatholische Meute über einen herfiel.

Die Predigt gipfelte in der Parole: „Auftreten, nicht austreten.“ Wieso sind Sie bis heute nicht ausgetreten?

Das hat etwas mit Verantwortung zu tun – mich nicht zu entziehen, wenn es schwierig wird. Aber es hat auch mit Identität zu tun, der Orden ist für mich Heimat. Der Weg, den ich bis zu den Missbrauchsfällen gegangen bin, wäre mir ohne die Jesuiten gar nicht möglich gewesen. Dort habe ich gelernt, kritisch zu fragen und Verantwortung für Fehler zu übernehmen.

Gibt es einen Punkt, an dem die Institution für Sie so untragbar wäre, dass Sie austreten würden?

Ich sehe diesen Punkt nicht. Ich sage es ungern, aber: Ich lasse mich da nicht rausdrängen. Es gibt dazu eine Geschichte aus den Exerzitien von Ignatius, dem Gründer des Jesuitenordens: Der Versucher steigt einem Mann, der gerade eine Predigt hält, auf die Schultern und flüstert ihm zu: „Du bist wirklich ein toller Prediger.“ Der antwortet dem Versucher: „Wegen dir habe ich nicht angefangen, wegen dir werde ich auch nicht aufhören.“ So geht es auch mir. Ich sage denen, die mir mit Hassgefühlen entgegen­kommen: „Wegen dir bin ich nicht in der Kirche, wegen dir trete ich auch nicht aus.“

"Die katholische Kirche ist eine geschwächte Insitution"

Gab es Versuche, Sie zum Schweigen zu bringen?

Ja, die gab es. Allerdings nicht von Ordens­oberen, die haben mich aktiv unterstützt. Ich erhalte bis heute Hassmails aus konservativen katholischen Kreisen, darin nennt man mich „Verräter“ und „Nestbeschmutzer“. Gelegentlich gab es auch Druck aus der Hierarchie selbst: Ein Pfarrer, der mich zu einem Vortrag eingeladen hatte, musste mich wieder ausladen.

Kann man auch ohne Kirche Christ sein?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Evangelium ohne eine Institution überliefert wird. Für mich würde das bedeuten, Charismatikern ausgeliefert zu sein. Institutionen sind dazu da, Schwache vor Starken zu schützen. Sie sind die beste Antwort auf die Frage nach der Kontrolle von Macht.

Nur ist in der katholischen Kirche genau das Gegenteil geschehen: Die Institution hat ihre Macht genutzt, um die Schwachen zu missbrauchen.

Deshalb zeigt die Krise der katholischen Kirche auch, wie geschwächt die Institution ist. Eben weil die Verantwortlichen die richtigen Ver­fahren nicht angewandt haben. Weil sie informelle Machtzirkel und Seilschaften gebildet haben. Um das zu vermeiden, brauchen wir transparente Verfahren und Öffentlichkeit. Machtmissbrauch muss geahndet werden können, auch mit Strafverfahren.

Hat sich Ihr persönliches Verhältnis zur Kirche durch den Missbrauch geändert?

Ja, sogar grundlegend. Für mich ist die Institution als Mittler zwischen mir und Gott, oder mir und meinem Gewissen, in ihrer Bedeutung erheblich gesunken. Ich brauche die Institution nicht mehr so sehr, um mich zu definieren. Ich bin heute viel freier.

Sind Sie Jesuit geblieben, um die Kirche von innen heraus zu verändern?

Ja, die Freiheit habe ich heute. Ich habe nicht mehr viel Angst. Das ist jetzt ein großer Satz, aber in gewisser Weise kann ich das sagen: Ich habe die Angst besiegt.

Nach vier Stunden gehen wir zurück zum Auto. Ich bedanke mich für die Zeit, die er sich genommen hat. Mertes lacht: „Ach, ich bin ja irgendwie auch eine Rampensau.“ Plötzlich fällt ihm noch etwas anderes ein: „Es gab noch eine Motivation für meine Entscheidung, den Missbrauch zum Thema zu machen. Da war das Leid an der Ungerechtigkeit. Aber da war auch eine starke religiöse Sehnsucht. Ich wollte erfahren, was Jesus erlebt hatte. Man kann das nicht vergleichen, aber das habe ich in den letzten Jahren gelernt: Was es bedeutet, gehasst zu werden.“

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