Echt oder gepanscht?

Wie ein Gencode hilft, die Herkunft von Olivenöl zu überprüfen – und warum das der Anfang einer Debatte ist

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Dr. Robert N. Grass

Dr. Robert N. Grass, 34, forscht am Department Chemie und angewandte Biowissenschaften („Functional Materials Laboratory“) der ETH-Zürich

chrismon: Warum wollen Sie die Herkunft von Olivenöl zurückverfolgen?

Robert N. Grass: Hintergrund war der Ausbruch des EHEC-Erregers, weil über mehrere Wochen nicht klar war, woher die Gefahr konkret kam. Weil der Handel mit Lebensmitteln mittlerweile weltumspannend ist, gibt es absehbar außer unserer Technologie keine Möglichkeit, einzelne Zutaten zurückzuverfolgen. Würden wir alle unsere Milch noch beim Bauern um die Ecke kaufen, bräuchte es unsere Forschung nicht.

Warum der Fokus aufs Olivenöl?

Das passte gut, weil wir eine Italienerin im Team haben, sie liebt Olivenöl! Und es eignet sich gut für Grundlagenforschung. Zudem vermutet man, dass 30 Prozent der Öle mit anderen, billigeren Ölen gepanscht sind. Ein ärgerlicher Verdacht für die Kunden!

Wie funktioniert Ihre Technologie?

Wir arbeiten mit winzigen Teilen von Kieselsäure, und zwar im Nanobereich. Ein Nano-teilchen ist 1000-mal kleiner als ein menschliches Haar dick ist. Im Prinzip reden wir bei Kieselsäure von Glaskügelchen. Glas hat ­eine Eigenschaft, die es erlaubt, kleine DNA-Moleküle darin einzubauen und zu speichern. Ein DNA-Molekül besteht aus vier Buchstaben, die man beliebig kombinieren kann. So können wir jedem Öl einen unverwechselbaren DNA-Code einbauen.

Muss es bei Olivenöl bleiben?

Nein. Alle Stoffe lassen sich so markieren. Gerade arbeiten wir mit Milchprodukten. Es wäre ja ärgerlich, wenn im Schweizer Käse gar keine Schweizer Milch steckt.

Wie lässt sich ein eingebauter Code später überprüfen?

Mit einer biochemischen Methode namens PCR. Das steht für „Polymerase Chain Reaction“ und lässt sich mit einem Vaterschaftstest vergleichen. Da reichen auch winzige Mengen an DNA aus Spucke, um eine genetische Übereinstimmung nachzuweisen. Wir machen das auf synthetischer Basis.

Wie viele Moleküle müssen Sie denn beimengen, um sie später wiederzufinden?

Ein Mikrogramm pro Liter. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Der Nachweis klappt nur im flüssigen Zustand. Feste Stoffe müssen dafür verflüssigt werden.

Die Konsumenten werden Angst haben, wenn Gencodes ins Essen gebaut sind!

Ein wunder Punkt. Wir sind Wissenschaftler und können nicht entscheiden, ob die Gesellschaft das will. Aber: Unsere Techno­logie ist ungefährlich. Sie ist nicht giftig. Man sieht, fühlt und schmeckt die Moleküle nicht.

Wie weit sind Sie in zehn Jahren?

Technisch wird unsere Methode in zwei, drei Jahren sicher umsetzbar sein. Wir sind in der Diskussion mit Unternehmen, die sich für unsere Forschung interessieren. In zehn Jahren wird vermutlich die Diskussion laufen, ob und was wir überhaupt alles überprüfen wollen. Die Debatte ist wichtig, wir sollten uns Zeit nehmen. Diese Technologie ist sehr mächtig.

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