Die sanfte Stimme des Islam

Gott ist an Macht und Strafe nicht gelegen, sagt Islam-Professor Mouhanad Khorchide. Viele Muslime sind da ganz anderer Ansicht

"Gott würde heute nicht dieselben Worte verwenden". Foto: Maike Brautmeier

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 in ­Beirut, stammt aus einer palästinensischen Familie. Aufgewachsen in Saudi-Arabien und Österreich, studierte er erst Soziologie und dann islamische Theologie. Er forschte und lehrte in Wien, war dort auch einige Zeit Imam und Religionslehrer. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädago­gik an der Universität Münster. Bei ihm studieren die künftigen islamischen Religionslehrer und Imame. Seine Bü...

chrismon: Herr Professor Khorchide, wie viele begeisterte und wie viele besorgte Briefe und E-Mails haben Sie in den vergangenen Monaten von Menschen erhalten, die Angst haben, Ihre Arbeit als Professor in Münster könnte gefährdet sein?

Mouhanad Khorchide: ­Ich habe sehr viele begeisterte und weniger besorgte ­E-Mails bekommen. Gerade Muslime, die mein Buch gelesen haben, berichteten, dass es ihnen eine neue Perspektive auf ihren Glauben eröffnet hat. Es kamen sehr viele Mails des Inhalts: „Ich habe ange­fangen, meine Religion zu verstehen. Vorher hatte ich viele Probleme mit meiner Religion. Sie sprechen mir aus der Seele. Bitte machen Sie weiter!“ Es kamen Hunderte E-Mails und Facebook-Nachrichten dieser Art, hauptsächlich von Muslimen. Es kamen auch Mails aus dem salafistischen Lager, von Leuten, die neugierig Fragen gestellt und Bereitschaft gezeigt haben, ihre Meinungen zu überdenken, aber auch oft Beschimpfungen und Drohungen. Darin stand, dass ich einen falschen Islam lehre. Vermisst habe ich bei allen Kritiken allerdings die sachliche Ebene, also inhaltliche Argumente. 

Ihr Buch über die Barmherzigkeit ist das interessanteste theologische Buch der jüngsten Zeit über den Islam. Ist schon dieser Titel zu viel für die muslimische Welt?

Die Aussage „Islam ist Barmherzigkeit“ wird dem Islam vollkommen gerecht. Gott stellt sich im Koran mit den Worten vor: Ich bin der Allbarmherzige. Auf nichts ­anderes hat sich Gott verpflichtet als auf die Barmherzigkeit.

Und doch stößt gerade die Betonung der Barmherzigkeit Gottes bei manchen ­Muslimen auf Unverständnis.

Sie stößt auf Unverständnis bei manchen Muslimen, die nicht wegen der Inhalte des Buches verunsichert sind, sondern durch die Resonanz. Das Buch wurde weithin wohlwollend aufgenommen, von Muslimen und Nichtmuslimen. Da gerät man als Autor sehr schnell in den Verdacht: Wenn die Mehrheitsgesellschaft das Buch gutheißt, dann scheint daran irgendetwas nicht zu stimmen. Der Fehlschluss ist: Wenn der Westen den Islam nicht will – aber den Khorchide und sein Buch, dann stimmt etwas nicht. Das müssen wir bekämpfen. Ich sage: Das sind politische, keine theologischen Überlegungen. Es sind Überlegungen von Menschen, die sich ihrer Sache nicht ­sicher sind und im Grunde in Europa längst noch nicht angekommen sind, auch wenn sie ­dies nicht einsehen. Sie haben ein Problem mit Europa, nicht mit mir. 

Lesermeinungen

Gott kann nicht restlos alles. Gott hat z. B. nicht die Macht, den Menschen in ein perfektes Wesen zu verwandeln. Gott ist unpersönlich.
Christus ist nicht der "Sohn Gottes". Das höchstentwickelte Lebewesen wird dort geboren, wo die Not am Größten ist. Christus ist vielleicht das höchstentwickelte Lebewesen, vielleicht aber auch nicht.
Der Koran, ebenso wie die Bibel, müssen kritisch betrachtet werden. In der Bibel steht z. B., dass man die Heiden töten soll. Von dieser Aussage muss man sich distanzieren.
Es ist eine praxisorientierte Religion nötig. Der Gottesdienst muss durch das Geistheiler-Seminar ersetzt werden.

So spricht in Ihrem Interview Herr Khorchide, Professor für islamische
Theologie: "Gott ist nicht manchmal barmherzig, und manchmal straft er.
Sondern er ist immer barmherzig. Und er straft nur aus Barmherzigkeit."
Schlagen wir nun einmal im heiligen Buch des Islam, dem Koran (Reclam-Ausgabe), nach, wie der barmherzige Gott die Sünder am Jüngsten Tag straft, insbesondere diejenigen, die nicht an ihn glauben wollten, obwohl sie Zeichen genug hatten und sie diese - vielleicht aus freier Gewissensentscheidung? - nicht angenommen hatten. Das blüht ihnen:

Sie werden in das „ewige Feuer geworfen", mit „Eiterfluss“ und „Jauche“ getränkt (Suren 14,19f., 78,25), sie erhalten einen „Trunk aus siedendem Wasser“, der ihnen „die Eingeweide zerreißt“ (Sure 47,17), sie müssen Kleidungsstücke aus Feuer tragen (Sure 22,20), sie werden im Feuer brennen, und "sooft ihre Haut gar ist, geben wir (scil. Allah) ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe schmecken (Sure 4,59), und darüber hinaus werden die auf solch erfinderische Art Gepeinigten bei ihren Qualen von den erfreut zuschauenden Gläubigen verlacht (Sure 83,34). Denn: "Siehe, Allah ist mächtig und weise" (Sure 4,59).

Ähnliches hält auch die Bibel bereit, wenn auch nicht ganz so sadistisch ausgefeilt, dieses Qualitätsniveau sollt erst Dante in seiner "Divina Commedia" erreichen. Daraus ziehe ich für mich den Schluss: Lieber keinen Gott, als so einen.

Mit freundlichen Grüßen
Hermann Engster
Göttingen

Ich finde es gut,wenn ein evangelisches Magazin auch über andere Religionen berichtet.Wenn aber in einem honigsüßen Schalmeienklang über den Islam berichtet wird, in dessen Namen fast jeden Tag in der islamischen Welt Christen ermordet werden, dann soll etwas verschleiert werden.Es gibt im Islam Grenzen ,die nicht verhandelbar sind ,so heißt es in dem Artikel. Diese werden jedoch nicht genannt,weil dann nämlich die “Freundlichkeit” dahin ist. Im Buch “Das Gesetz Allahs” von Hiltrud Schröder öffnet jedem die Augen .Wenn wir den Koran nur falsch lesen – wie in dem Artikel behauptet - dann wundert es mich ,daß so viele Imane das predigen ,was wir fast jeden Tag in den islamischen Ländern erleben. Wenn der Besitz einer Bibel einem Todesurteil gleichkommt, dann kann von Freundlichkeit nicht mehr gesprochen werden.
Eine fundierte Darstellung des Islam mit Zitaten aus dem Koran auch im Vergleich zum Christentum halte ich zur Aufklärung ihrer Leser für dringend erforderlich.

L.Hoppe

Stellen Sie sich bitte Folgendes vor:

In einem fiktiven überwiegend islamischen Land ist die Kritik am Christentum verbreitet. Man hält es für abergläubisch und für - schon an der Verehrung des Kreuzestodes erkennbar - lebensfeindlich und masochistisch. Christen werden scheel angesehen, man hält sie für Psychopathen. In dieser Kultur tritt nun ein christlicher Religionspädagoge als Professor auf, der - ohne sich je als Theologe durch einen Abschluss in diesem Fach qualifiziert zu haben oder seine Thesen im fachinternen Diskurs durch eine Hablititationsschrift zu begründen - sich vor der (in diesem Land mehrheitlich islamischen) Öffentlichkeit als Fachmann für christliche Kernfragen darstellt. Das Professorenamt hat er von einem islamischen Gremium übertragen bekommen, bestätigt wurde das durch die Christen, die allerdings von ihm verlangten, seine Thesen in den christlichen theologischen Diskurs einzubringen und dort zu verbreiten. Er jedoch schreibt Bestseller für das mehrheitlich islamische Publikums. Darin erzeugt er Aufsehen mit der These, das Christentum sei nur immer falsch verstanden worden, den Kreuzestod müsse man metaphorisch verstehen, auch sei Jesus selbstverständlich kein Gottessohn, sondern "nur" ein von Gott besonders begnadeter Mensch gewesen, wie seine Mutter übrigens auch. Man müsse endlich die Bibel neu interpretieren und die christlichen Dogmen überdenken, nie habe Jesus selbst sich eine besondere Gottessohnschaft angemaßt. Mit anderen Worten: Das Christentum sei eigentlich islamisch.
Wie würden Sie sich dabei fühlen - als Christ???? In eben diesem Land, in dem Sie es sowieso schon schwer genug haben? Wenn Sie sich das vorstellen können, dann können Sie auch die muslimische Kritik an Khorchide verstehen, der genau das in umgekehrter Richtung tut: Die Kernaussagen der eigenen Religion umdeuten und das Resultat publikumskonform vermarkten.
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Es wäre völlig sinnvoll, seine Ideen in den innerisamlischen Diskurs einzubringen, sich mit deren Gegnern im Fach auseinander zu setzen und sie tatsächlich theologisch zu untermauern. Und es ist empörend, was statt dessen vor sich geht. Und tragisch für beide Seiten, denn wenn sowieso alles Jacke wie Hose sein soll, dann ist die Chance einer gegenseitigen Erhellung vertan.

Kathrin Ehrenspeck

Scharia. Ein Begriff, was nicht nur in der Öffentlichkeit Angst und Schrecken verbreitet, sondern auch durch die Art und Weise der Praxis als solches was man darunter verstanden hat, führte letzten Endes auch Muslime durch die archaische Anwendung in Angst und Schrecken.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide gelingt es in seinem neuen Buch “Scharia – der missverstandene Gott” nicht nur hermeneutische Denkansätze erfolgreich darzustellen, sondern auch “die missverstandenen Begriffe” die zu einem “missverstandenen Gott” geführt haben, mit starken Primärquellen aus dem Koran und der Sunna zu erläutern. Scharia bedeutet “Weg zur Quelle” (S. 73). Um diesen Begriff als ein juristisches Instrument zu widerlegen, bezieht er sich zum Beispiel auf die Stelle 5:48 im Koran, wo es darin heisst, dass verschiedene Gesetze und Wege unter den monotheistischen Religionen wie dem Christentum, Judentum und Islam bestimmt wurde, wobei der Begriff “Schir’a” was “Scharia” bedeutet im Arabischen vorkommt, im selben Vers jedoch von derselben Botschaft die Rede ist. Diese Interpretation von Ihm findet seine Unterstützung im Vers 13 der Sure 42 wo es darin ebenfalls heisst, dass den Früheren Propheten wie Noah, Moses und Jesus und Mohammed das gleiche Gesetz gegeben worden ist. Mit diesen Beispielen ist es dem Islamwissenschaftler gelungen, aus dem Koran selbst den Begriff “Scharia” zu definieren. Denn es kann nicht von juristischen Mitteln die Rede sein, da in der Thora und im Evangelium verschiedene Bestrafungen wie z.B. bei Unzucht definiert worden ist. Eine sehr wissenschaftliche Vorgehensweise konnte man bei der Differenzierung der früh mekkanischen und den medinensischen Suren beobachten. Solch eine Annäherung zum Koran ist von großer Bedeutung, um eine Kontextualisierung wie auch die Offenbarungsanlässe auf wissenschaftlicher Basis darstellen zu können, um die Begrifflichkeit wie die “Scharia” nicht im Sinne einer Ansammlung von detaillierten juristischen Regelungen zu verstehen. Einer seiner mutigsten Schritte war eine kritische Auseinandersetzung der Hadithwissenschaft. Er kritisiert die im sunnitischen Islam für “unantastbar” geltenden Autoritäten wie die Sammlungen von Bucharyy und analysiert die Niederschrift der Hadithe, deren Quellen ebenfalls eine Authentizität bei den Sunniten darstellen. Es führt tatsächlich kein Weg daran vorbei, dieses kritisch zu hinterfragen um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die “Sunna in einer politisch sehr angespannten Lage systematisch gesammelt und verschriftlich wurde“.

Er kritisiert bei vielen Muslimen die fehlende Selbstreflexion und fordert zu Recht, dass eigene Intentionen stets neu hinterfragt werden sollten. Denn “die koranische Botschaft ist auf Veränderung und Entwicklung des Menschen und seiner Gesellschaft ausgerichtet, nicht auf Stillstand und Herkommen” (S. 54).

Ein Buch, das viele Fragen formuliert und sie dann auf Beste Art beantwortet. Ein Buch, worin die Scharia als ein dynamisches Modell, das neben dem Weg des Herzens zu Gott das Prinzip “Gerechtigkeit” beschreibt. Ein Buch, dass die Gott-Mensch-Beziehung zwischen hinterfragten und unhinterfragten differenziert. Ein Buch, was ich niemanden vorenthalten möchte.

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