Der leuchtende Himmel nach einem überstandenen Streit

Shaun Tans neues Bilderbuch eröffnet einen gewaltigen Kosmos an Bildern und Gefühlen

Illustration aus dem Buch "Die Regeln des Sommers" von Shaun Tan

Shaun Tan

Shaun Tan wurde 1974 in Fremantle, Australien, geboren. Er hat Kunst und Literatur studiert und als Bühnen­designer, Konzept-küns­tler und Filmregisseur gear­beitet. In seiner Heimat ist er vielfach ausgezeichnet worden. Sein Bilderbuch „Die Regeln des Sommers“ (Aladin Verlag, 2014) erzählt von zwei Brüdern, es geht um Misstrauen und Vertrauen, um Rivalität und Liebe, in großformatigen Bildern und wenig Text. Shaun Tan erhält am 19....

chrismon: Sie erzählen mehr in Bildern als in Wörtern. Trauen Sie Bildern mehr?

Shaun Tan: Nein, ich traue Wörtern eigentlich ein bisschen mehr. Und das ist auch schon Teil des Problems. Wörter sind so überzeugend, sie erklären gleich alles. Nehmen wir an, Sie sehen in der Zeitung ein Bild von einem Mann, und in der Schlagzeile steht, dass er einen Preis für soziales Engagement bekommen habe. Dann interpretieren Sie das Bild anders, als wenn in der Schlagzeile steht, dass er ein Massenmörder sei. Wörter haben so eine große Macht. Deshalb kommen sie in meinen Büchern so wenig vor. Oft stehen in der ersten Fassung eines Buches mehr Wörter, und dann streiche ich sie wieder. Wörter schränken die Fantasie ein. Sie enthalten zu viel eigene Interpretation, die für andere irrelevant ist.

Wie meinen Sie das?

Der erste Satz in „Die Regeln des Sommers“ hätte zum Beispiel lauten können: „Das habe ich in diesem Sommer von meinem Bruder gelernt.“ Auf mich würde das zutreffen, denn ich habe tatsächlich einen älteren Bruder. Aber jemand, der keinen Bruder hat, könnte damit nichts anfangen und wäre schon ausgeschlossen. Deshalb heißt der erste Satz: „Das habe ich in diesem Sommer gelernt.“ Ich versuche auch immer Wörter zu vermeiden, die zu emotional sind: glücklich, traurig, Liebe, Verzweiflung – das wäre mir viel zu viel Festlegung. Ohne Wort kann ein Bild erschreckend und komisch zugleich sein.

"Es geht um Angst. Angst ist ihre größtmögliche Reaktion."

Das Ich in Ihrem Buch lernt lauter seltsame Ein-Satz-Regeln. Warum?

Wenn wir etwas erst einmal nicht verstehen, gibt das unserer Fantasie mehr Raum. Ich bin vielleicht zehn Jahre mit der Idee zu diesem Buch schwanger gegangen und habe über zwei Jahre Skizzen gemacht, bis ich die Bilder und Sätze gefunden habe, die ich am interessantesten fand. Also die, die am meis­ten an Träume erinnern und mit denen sich die Leser länger auseinandersetzen können.

Die erste Regel des  Sommers lautet: „Nie eine rote Socke auf einer Wäscheleine hängen lassen.“ Das Bild dazu: Die Brüder kauern ängstlich in einem öden Innenhof vor einer Wäscheleine mit einer roten Socke. Hinter der Mauer in ihrem Rücken ein riesiger flammend roter Hase mit rotem Auge. Was bedeutet das?

Ich weiß es auch nicht genau. Ich probiere immer mehrere Bildelemente aus. Anfangs war der Hase ein schwarzer Wolf. Aber der war mir dann zu bekannt durch die Märchen, zu symbolisch. Der Hase ist mehrdeutiger, zumal er ja nicht die üblichen Hasenattribute hat, sondern riesig, rot und unbeweglich ist. Die Jungen sehen ihn nicht direkt an, sind sich aber bewusst, dass er da ist. Angst ist ihre größtmögliche Reaktion. Das wirkt natürlich viel stärker, als wenn sie einen kuschligen Hasen streicheln oder wenn der einfach vorbeihoppeln würde. – Es geht um Angst.


Der Gegensatz von kleinem Söckchen und riesigem Hasen reizt auch zum Lachen. Ist das Ihre Kunst, Verspieltheit?

Schon auch, aber ich lege sie nicht absichtlich in meine Bilder hinein. Sie entsteht einfach so während des Malens und sorgt dafür, dass ein Bild nicht zu prätentiös wird. Ein bisschen Humor wirkt befreiend. Man kann einen Leser dazu bringen, über ernste Themen nachzudenken, aber wenn eine Geschichte sehr dunkel ist, muss es zumindest Spaß machen, sie anzusehen. Außerdem handelt dieses Buch mehr oder weniger von der Kindheit. Meine Kindheit war fröhlich. Ich habe viel mit Freunden herumgeblödelt und mich amüsiert. Jedenfalls mehr als heute als Erwachsener.

Information

Shaun Tan wurde 1974 in Fremantle, Australien, geboren. Er hat Kunst und Literatur studiert und als Bühnen­designer, Konzept-küns­tler und Filmregisseur gear­beitet. In seiner Heimat ist er vielfach ausgezeichnet worden. Sein Bilderbuch „Die Regeln des Sommers“ (Aladin Verlag, 2014) erzählt von zwei Brüdern, es geht um Misstrauen und Vertrauen, um Rivalität und Liebe, in großformatigen Bildern und wenig Text. Shaun Tan erhält am 19. September den Illustrationspreis des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik – für eine, so die Jury, „Brudergeschichte von alttestamentarischer Wucht“.

Kinder und Jugendliche erzählen, wie ihnen das Buch gefällt chrismon.de/tan

Weitere Werke von Shaun Tan: Die Graphic Novel „The Arrival“ ist 2008 unter dem Titel „Ein neues Land“ im Carlsen Verlag erschienen, zeitgleich mit den „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“. Beide Bücher wurden für den Deutschen Jugend­literatur­preis 2009 nominiert, Kategorie Bilderbuch. 2013 erschienen im Aladin Verlag „Grimms Märchen“

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