"Sturheit wird völlig unterschätzt. ..."

Foto: Dirk von Nayhauß

David Garrett

David Garrett, 1980 geboren, hatte mit 13 Jahren einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon – ein Wunderkind. Mit 18 brach er aus der Karriere des klassischen Geigers aus und studierte in New York Musikwissenschaft und Komposition. Nachdem es still um ihn ge­worden war, gelang ihm 2007 ein neuer Durchbruch mit Versionen bekannter Popsongs und Melodien. In dem Kinofilm „Der Teufelsgeiger“ spielt er den Geigenvirtuosen Niccolò Paganini (Start: 31. Oktober), dazu...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Auf der Bühne, wo die Konzentration den Moment gestaltet. Manchmal sind Körper und Verstand in einem solchen Einklang, dass alles fast wie in Trance funktioniert. Das passiert mir nicht oft, aber es kann sein, dass ich von Anfang an in einer entspann­ten Konzentration bin und spüre: Es läuft, es läuft, es läuft. Den ­Applaus spüre ich in dem Augenblick nicht. In erster Linie versuche ich, mit den Musikern toll zu musizieren.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nein. Für mich muss etwas Materie haben, und ich habe Gott noch nicht getroffen. Aber ich weiß natürlich, dass viele Menschen
an etwas Höheres glauben. Das ist völlig in Ordnung, wenn der Glaube an Gott einem Sinn gibt, wenn er motiviert und anspornt. In sehr vielen Situationen ist es sicherlich hilfreich, eine Instanz zu haben, auf die man vertrauen kann. Gerade wenn es einem nicht so gut geht; vielleicht gibt es einem dann die Kraft, da rauszukommen.

Sie spielen im Kino jetzt den „Teufelsgeiger“. Wie viel Paganini steckt in Garrett?

Man muss obsessiv sein, um Paganini zu spielen. Wenn du nicht Fanatiker mit beiden Händen bist und extrem gute Ohren hast, wirst du es niemals schaffen, wirklich virtuos zu spielen. Wir hatten beide strenge Väter. Mein Vater hat mich anfangs unterrichtet, und er war sehr streng. Aber hätte ich als Kind nicht bis zu acht Stunden am Tag üben müssen, wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Ich bin nicht in der Vergangenheit, sondern im Heute, und ich fühle mich heute wohl.

Hat das Leben einen Sinn?

Ich habe lange an mir gezweifelt, bevor ich begriff, dass sich Arbeit auszahlt. Jeder definiert sich über etwas anderes, in meinem Fall spielt die Arbeit dabei eine wichtige Rolle. Wenn ich mal weniger Erfolg haben sollte und wieder vor 200 Leuten spiele, ist mir das unwichtig, denn solange ich auf der Bühne spiele, bin ich nicht unglücklich.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Keine Vorurteile zu haben. Menschen anzuschauen – ein Kind guckt dir direkt in die Augen. Nicht die Probleme zu sehen,
sondern das, was am Ende steht. Wenn du erwachsen bist und eine Idee hast, werden dir 200 Leute sagen: Nein, das funktioniert nicht! Man muss aber das Resultat sehen und nicht diese vielen kleinen Schritte, und das können Kinder.

Muss ich den Tod fürchten?

Ich hätte kein Problem damit, wenn es, zack, vorbei ist. Eigentlich waren wir ja alle schon einmal tot, wir haben alle schon einmal nicht existiert. Ich erinnere mich nicht daran, wie es vor meiner Geburt war, also kann es nicht allzu schlimm gewesen sein. Ich versuche jedenfalls, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Man verliert Zeit, wenn man nicht im Jetzt lebt, sondern für die Zukunft arbeitet.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe von Freunden. Ich möchte das Gefühl haben, dass die Menschen, die um mich herum sind, mich mögen – es muss nicht immer die große Liebe sein. Natürlich muss mich nicht jeder ­mögen, und andersherum ich auch nicht; von dem Standpunkt bin ich schon lange weg.

Wie wäre ein Leben ohne Disziplin?

Disziplin hilft dir, dich selbst zu mögen, denn damit ist eine Aufgabe verbunden. Man sieht, dass man etwas erreicht, das steigert das Selbstwertgefühl. Das ist, wie wenn du dir abends nicht die Zähne putzt. Dann stehst du morgens auf und merkst: Oje, habe ich Mundgeruch! Das ist unangenehm, für dich und für alle um dich herum. Wenn du deine Arbeit nicht machst, hast du Arbeitsmundgeruch. Bist du aber produktiv, steckst du andere an.

Sind Sie stur?

Sturheit wird völlig unterschätzt. Ich bin jeden Tag stur. Eltern sagen immer: „Sei nicht so stur!“, aber mal ganz ehrlich: Will man etwas erreichen, etwas, das über die Norm hinausgeht, dann muss man stur sein, dann muss man an sich glauben. Und dann ­müssen einem die Meinungen anderer bis zu einem gewissen Grad egal sein. Du musst an dich glauben. Das funktioniert bei mir jeden Tag, Gott sei Dank.

Lesermeinungen

Würde ich an Gott glauben , hätte ich es nicht nötig, hier hereinzuschauen . Vielleicht aber lohnt es sich, darüber nachzudenken ? !

Ein ganz besonders schönes Interview mit relativ neuen Fragen. Vielen Dank!

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