Bosse, rechnet doch mal nach!

Kompromissbereitschaft bringt Unternehmer langfristig weiter: Es kann sich lohnen, neben dem Profit an die Moral zu denken

Foto: Reality/F1 online

Martin Schröder

Martin Schröder, 32, ist Juniorprofessor am Institut für Soziologie an der Universität Marburg.

chrismon: Herr Schröder, was wollen Sie herausfinden?

Martin Schröder: Ich untersuche, von welchen Mechanismen es abhängt, ob Firmenchefs bei Konflikten mit ihren Arbeitnehmern Kompromisse erzielen oder nicht. Etwa wenn es darum geht, Mitarbeiter zu entlassen oder die Produktion ins Ausland zu verlagern.

Eine Betriebsverlagerung kann teure ­Arbeitsausfälle bedeuten. Ihre Unter­suchungen zeigen: Einigen sich Arbeit­nehmer und Arbeitgeber, kann das viel Geld sparen. Schließen Firmen künftig häufiger Kompromisse?

Das hängt davon ab, was ein Unternehmen produziert. Bei einem einfachen Produkt kann der Chef eher riskieren, seine Belegschaft rauszuwerfen und in einem Billiglohnland Arbeiter anzulernen, als bei komplexen Produkten. In solchen Fällen ist es wichtiger und kommt häufiger vor, dass beide Seiten Kompromisse schließen. Kurzfristiger Profit ist langfristig nicht das Beste für Firmen.

Viele Vorstände führen den starken Wettbewerbsdruck ins Feld, wenn es um Betriebsverlagerungen geht...

In vielen Fällen können Unternehmer schlecht berechnen, ob sich eine Verlagerung wirklich lohnt. Etwa 20 Prozent davon werden rückgängig gemacht. Erst diese Unsicherheit bietet Spielraum für moralische Argumente und Kompromisse.

Warum?

Ein Unternehmer muss seine Handlungen fast immer rechtfertigen – gegenüber Mit­arbeitern, Aktionären, der Öffentlichkeit. Die meisten Chefs tun das mit gesellschaftlichen Normen und Werten. Sie sagen: Ich entlasse meine Leute nicht gern, aber wirtschaftliche Gründe zwingen mich dazu. Kaum einer wird sagen: Mich interessiert nur der eigene Gewinn. Die Beschäftigten können die Geschäftsführung auf solche moralischen Argumente festnageln, wenn es zum Konflikt kommt.

Wenn Chefs engen persönlichen Kontakt zu der Belegschaft haben, sind sie kompromissbereiter. Und selbst wenn ich einen Teil meiner Mitarbeiter entlassen muss, möchte ich, dass die anderen motiviert weiter­arbeiten.

Und wenn die Verantwortlichen von ­ihrem Weg überzeugt sind ?

Dann spielen Eigentumsverhältnisse eine Rolle. Gehört eine Firma mir, kann ich entscheiden, dass ich weniger Gewinn mache und dafür vielleicht keine Mitarbeiter ent­lasse. Wenn Aktionäre hohe Renditen erwarten, ist ohne unternehmerische Ungewissheit kaum Platz für moralische Argumente.

Abgesehen vom äußeren Druck - welche Rolle spielt die Moral des Unternehmers?

Moral definiere ich als Eingehen auf gesellschaftliche Interessen und Werte, statt im unmittelbaren eigenen Interesse zu handeln. Sie ist aber eine Frage des Umfeldes. In einem System, in dem materielle Nutzen­maximierung oberstes Ziel ist, handle ich auch so. Sie kaufen bei E-Bay doch auch das günstigste Angebot.

Natürlich.

Deshalb sind Sie aber kein unmoralischer Mensch. Die Plattform zwingt Sie quasi zu diesem Denken, und Ihre Mitmenschen akzeptieren das in diesem Umfeld. Anders beim Bäcker um die Ecke: Wenn Sie ihn mögen und seine Brötchen auch, sind Sie eher bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen.

Und was haben wir in zehn Jahren von Ihrer Forschung?

Sie zeigt, wie wichtig Institutionen wie Betriebsräte und Gewerkschaften sind, um Kooperation zu erreichen. Hätten sie keine Möglichkeit zu sagen: „Denkt noch mal über die Verlagerung nach“, wären Kompromisse seltener. Ich hoffe, meine Ergebnisse tragen dazu bei, von einer rein auf Profitmaximierung fokussierten Denkweise wegzukommen – auch an den Unis, wo wir die Ökonomen von morgen ausbilden.

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