Unser Islambild: Wirklich nur Hassprediger?

Dem TV-Geschäft ist jeder Hassprediger und Botschaftsstürmer lieber als Millionen toleranter Muslime
17. September 2012
Eduard Kopp  –

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chrismon Redakteur Eduard Kopp
  An den Tagen, an denen ein aufgebrachter Mob eine Botschaft stürmt und Menschen erschießt, möchte man kein Nachrichtenredakteur sein. Nicht wegen der Grausamkeit der Bilder – die muss man als Journalist wohl oder übel ertragen -, auch nicht wegen der offensichtlichen Verführung ganzer Bevölkerungsgruppen durch Hassprediger, die den Eindruck spontaner Entrüstung erwecken wollen. Nein, nicht die Brutalität noch die Heuchelei der Täter machen die Arbeit eines TV-Redakteurs schwer, sondern ein selbstgeschaffenes, berufsbedingtes Dilemma. Stets auf der Suche nach der negativen Sensation ist ihnen ein Hassprediger und Flaggenverbrenner allemal lieber als Millionen tolerante Muslime.

Ein Geben und Nehmen

Es ist – so zynisch es auch ist – ein Geben und Nehmen zwischen fundamentalistischen Propagandisten und der internationale TV-Welt. „Gibt es Bilder?“, fragt jede Redakteurin, jeder Redakteur im Studio. Das wissen die Botschaftsstürmer (nicht zu verwechseln mit den tatsächlichen Demonstranten) ganz genau. Sie haben amerikanische Flaggen und Benzinflaschen auf Vorrat, manche auch Waffen. Und auch wenn sie den 15-minütigen Film „Innocence of Moslims“ („Die Unschuld der Muslime“) gar nicht gesehen haben, lassen sie sich doch dazu bestimmen, nun endlich loszuschlagen. Die Reporter des „New Yorker“ haben in Ägypten und Libyen jedenfalls nicht einen Menschen getroffen, der diesen Film gesehen hat. Die Entrüstung ist also gesteuert. Hätten sie den Film gesehen, so könnten sie womöglich von der Scham ereilt werden, dass sie sich wegen eines so dummen und schlecht gemachten Kurzfilms zur Gewalt und Sachbeschädigung hinreißen ließen. Das darf und muss ein TV-Redakteur thematisieren.

Aufrufe zu Besinnung und ToleranzDas Wort Toleranz bezieht sich seiner ursprünglichen Bedeutung nach auf die Duldung religiöser Minderheiten im autoritären Staat. Berühmte Toleranzedikte sind die des Perserkönigs Kyros (538 v. Chr.), der Juden die Heimkehr aus dem Babylonischen Exil gewährte, und das Toleranzedikt von Nikomedia (311 n. Chr.), welches das Christentum im Römischen Reich zur geduldeten Religion erklärte. 1847 erlaubte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in einem Toleranzedikt unter anderem den Kirchenaustritt. In der freiheitlichen Gesellschaft setzt Religionsfreiheit Toleranz voraus. Doch es gibt Grenzen. Wo der Staat bei einem bestimmten Verhaltenskodex Intoleranz vermutet, kann er zum Schutz der Individualrechte die Religionsfreiheit einschränken, wie beispielsweise beim Kopftuchverbot. Heute bedeutet Toleranz, dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen einander dulden. Wo Gleichgültigkeit an die Stelle konkurrierender Überzeugungen tritt, erübrigt sich die Tugend der Toleranz.

Aber warum nicht auch dies: Dass es zugleich eine Mehrheit an Muslimen, auch in den Unruhe-Ländern gibt, die sich nicht von diesem irren Hasstaumel ergreifen lassen? Die im Gegenteil zu Toleranz und Besinnung aufrufen, wie - ein Beispiel für viele - der Prediger der Berliner Sehitlik-Moschee. Oder die Libyer, die offen ihre Trauer über den Mord an dem Botschafter bekunden? Bürger in Benghasi, zehn an der Zahl, die das amerikanische Konsulat verteidigen wollten und dabei starben. Mäßigung, Klugheit, Verstand, Toleranz, für diese Tugenden treten überall in der Welt Muslime ein.

Vielleicht wird eines Tages ein Redakteur in TV-Studio als Spitzenmeldung vorlesen: „Millionen Muslime in aller Welt treten Tag für Tag für Toleranz und Meinungsfreiheit ein.“ Fertig. Und zugleich kämen in der Nachrichtensendung die paar Terroristen des Tages, die von sich behaupten, Muslime zu sein, gar nicht vor. Wetten – dass dieser Journalist noch am selben Tag aus der Anstalt fliegt?

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