Blumio und Wilhelm Heitmeyer über Rassismus

Hallo, Mister Nazi!
Der Hiphopper und der Jugendforscher über rassistische Normalos und nützliche Japaner

Christina Lux

Blumio

Blumio ist Hiphopper aus Düsseldorf. Sein bürgerlicher Name lautet Fumio Kuniyoshi, seine Wurzeln sind japanisch, geboren wurde er in Hilden. Er rappt, seit er 14 Jahre alt ist, sein bekanntestes Lied ist „Hey Mr. Nazi“, in dem er Nazis einlädt, ihn besser kennenzu­lernen. Gerade ist Blumios neues Album „Drei“ bei seinem eigenen Label Japsensoul erschienen.

Wilhelm Heitmeyer

Wilhelm Heitmeyer ist Professor und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Seit 30 Jahren forscht er zu Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Mit der zehnjährigen Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ über die Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen von ­Vorurteilen zeigen er und sein Team, wie es um Deutschland steht.

chrismon: In Ihrem Lied „Hey Mr. Nazi“ fragen Sie Nazis, was die über Sie denken . . .

Blumio: Ja. „Hey Mr. Nazi, komm auf meine Party / ich stell dir meine Freunde vor. / Das sind Juspé und Kati, Thorsten und Nefatih, / wir haben denselben Humor."

Und — ist schon mal ein Nazi vorbeigekommen?
Blumio: Nein. Aber ich habe einige Mails bekommen, nicht von Radikalen, sondern aus der gutbürgerlichen Ecke. Die Leute schrieben, dass es den Holocaust gar nicht gegeben habe.

Denken vor allem junge Leute so?

Wilhelm Heitmeyer: Nein. Ein weit verbreiteter Irrtum! Leute in meinem Alter sind viel eher antisemitisch und fremdenfeindlich. Junge bringen zusätzlich die Gewalt ins Spiel – dann wird eine Gesellschaft nervös. Aber gerade die Älteren geben ihre Einstellungen an Jüngere weiter, wir nennen das Reproduktion. Bei Familienfeiern, in Vereinen, in Kirchengemeinden. Wir haben aber nur Interventionsprojekte für Jugendliche. Ältere lässt man laufen.

Blumio: Bei mir fing es im Kindergarten an. Ich war der einzige Asiate in meiner Umgebung, ich bin aufgefallen und gehänselt worden: „Schlitzauge.“ Aber noch viel mehr von den Alten: „Geh doch dahin zurück, wo du herkommst“, nur weil ich auf der falschen Straßenseite Fahrrad gefahren bin.

Wie viele Rechtsextremisten gibt es in Deutschland?

Heitmeyer: Der Verfassungsschutz spricht von rund 26 000 im Jahr 2010. Wichtiger ist, dass dort, wo Normalbürger zum Beispiel Ausländer oder Obdachlose stark abwerten, auch viele Straftaten existieren und so Gewalt legitimieren. Da liegen die neuen Bundesländer eindeutig vorne.

Über die Morde der Zwickauer Terrorzelle haben Sie Ihr neues Lied gemacht. Was hat Sie besonders daran aufgeregt?

Blumio: Dass die Medien immer die Mörder im Fokus hatten. Für die Rechten war das super. Was gibt es Besseres, als das große Feindbild zu sein? Jeder kannte die Gesichter der drei. Aber keiner wusste, wer die Opfer waren. Das geht doch nicht! Wenn ein Nazi das sieht, denkt der sich: „Ich bring jetzt auch einen um, dann bin ich überall.“ Da starben Väter, Söhne, Freunde, Kollegen, Menschen mit Hoffnungen und Sehnsüchten!

Heitmeyer: Man darf auch das Problem um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ nicht isoliert sehen. „Das sind die Ver­brecher und wir die intakte soziale Gesellschaft“ – das ist eine politisch inszenierte gesellschaftliche Selbstentlastung.

Waren Sie überrascht, als herauskam, dass die Morde Terror von rechts waren?

Heitmeyer: So ganz überrascht kann niemand gewesen sein, es war ja nicht der erste Terrorfall von rechts. Es gab 1980 den Anschlag auf dem Oktoberfest, 2003 einen versuchten auf die Grundsteinlegung der Münchner Synagoge und noch weitere. Ich habe mir die Verfassungsschutzberichte der letzten zehn Jahre angesehen, da hieß es: terroristische Strukturen überhaupt nicht in Sicht – jedes Jahr! Das war teils reinkopiert, einfach wiederholt.

Blumio: Mich ärgert auch, dass es in Zwickau erst mal eine Demo gab nach dem Motto „Zwickau ist doch gar nicht rechts“. Worum geht es denn? Dass die Stadt ein sauberes Image hat?

Würden Sie auf einer solchen Demo nicht auftreten?

Blumio: Doch, doch, alles was gegen rechts agiert, ist gut. Nur sollte man darüber nachdenken, was man effektiv tun kann. Neulich war ich auf einer Debatte über Integration, da spulten die Politiker ihr Parteiprogramm ab, und hinterher sagen sie, toll, jetzt haben wir wieder einen Beitrag geleistet für ein besseres Deutschland.

Heitmeyer: Es ist merkwürdig, dass sich dieses mechanistische Denken hält: Wir haben ein Problem mit rechtsextremistischen Jugendlichen, jetzt machen wir eine Maßnahme, dann wird alles gut. Die Gruppen lernen doch! Man darf nicht darauf vertrauen, dass ein paar Sozialarbeiter deren Denken umdrehen. Die Bielefelder Fußballszene etwa war Mitte der achtziger Jahre durchsetzt von Rechtsextremen. Die schossen im Stadion mit Signalraketen. Dann kontrollierte die Polizei, und die Jungs kamen – im Hochsommer – mit Regenschirmen. Die Polizei hat nicht gemerkt, dass die Metallspitzen der Schirme scharf angefeilt waren.

Blumio, haben Sie Vertrauen in den deutschen Staat?

Blumio: Dem Verfassungsschutz glaube ich nichts mehr. Das kommt auch in meinem neuen Song vor, dass man sich mit diesen Berichten den Hintern abputzen kann. Hier redet man ständig über die türkische Subkultur in Berlin-Neukölln – aber Nazi­horden können mordend durchs Land ziehen und keiner merkt’s. Wenn ich die Polizei rufe, wird mir vielleicht nicht mal geholfen.

Gibt es Orte, an denen Sie Angst haben?

Blumio: In Düsseldorf nicht. Aber ich war nie im Osten in einem dieser Dörfer, wo es fast nur Nazis gibt. Ist ja auch interessant, dass dort, wo die wenigsten Ausländer wohnen, die härtesten ­Nazis leben. Da hätte ich schon Angst, alleine rumzulaufen.

Sie, Herr Heitmeyer, sagen, es sei auch die Angst vor dem Abstieg, die dazu beiträgt, dass Leute andere abwerten und dis­kriminieren. Dabei haben wir eine niedrige Arbeitslosenquote.

Heitmeyer: Wer Angst artikuliert, dessen Angst ist real. Es gibt eine neue Entwicklung, die ich „rohe Bürgerlichkeit“ nenne. Seit der Einführung von Hartz IV können auch die Besserverdienenden auf der Statusleiter schnell absteigen. Angst vor Abstieg ist ja auch Angst vor Statusverlust. Dann fehlt einem die Anerkennung, man wertet sich selbst auf – indem man andere abwertet. In unseren Umfragen heißt das so: „Es darf nur Leistungsgerechtigkeit geben, keine Bedürfnisgerechtigkeit.“ Leute, die nicht viel leisten können oder die in strukturschwachen Gebieten wohnen, werden weggebügelt. Der Gegensatz ist die alte Bundesrepublik, die ja eine erfolgreiche Aufstiegsgesellschaft war.

Was hat sich geändert?

Heitmeyer: Menschen und Gruppen werden nach Kriterien be­urteilt, die in der Wirtschaft sicher berechtigt sind: Effizienz, Nützlichkeit, Verwertbarkeit. Diese Kriterien dringen immer mehr in die Gesellschaft ein, niedrig qualifizierte Zuwanderer, Langzeitarbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose, Behinderte kommen da schlecht weg. Diese Art von Abwertung, die sich bei der Mittelschicht eingenistet hat, ist gefährlich, weil diese Leute Zugang zu Medien haben und das Klima beeinflussen können.

Blumio: Mir fällt auch meine Tante Ilse ein, eine ältere Dame, die früher über uns wohnte, eine superliebe Frau. Mit uns Japanern hatte sie zu tun, aber sonst hatte sie nur deutsche Freunde. Sie redet über „die Türken“, „die Ausländer“. Das heißt nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Aber vielleicht ist es eine Mischung aus wenig Bildung und rechtspopulistischen Zeitungsartikeln?

Was könnte helfen?

Blumio: Sich gegenseitig einladen. Miteinander sprechen. Fragen stellen. Sobald man merkt, oh, das ist ja nicht nur eine dicke türkische Frau mit Kopftuch, ist schon was geholfen. Vielleicht denkt man im ersten Moment, die hat was zu verbergen – aber warum sollte sie? Ich selber dachte früher oft, warum gucken die mich alle schief an? Die haben was gegen mich. So nähert sich keiner an. In Düsseldorf gibt es viele Japaner – die können alle kein Deutsch. Im japanischen Viertel gibt es japanische Supermärkte, eine japanische Schule, die ich selbst bis zur dritten Klasse besucht habe. Das ist eine viel krassere Subkultur als in Berlin-­Neukölln! Keiner sagt zu uns: Macht mal Deutschkurse.

Warum?
Blumio:
Wegen der Wirtschaftskraft. Hat der Professor doch gesagt: Japaner sind nützlich, alles paletti.

Sie sprechen von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Gibt es auch Gruppen, denen es besser geht als vor zehn Jahren?

Heitmeyer: Ja, das beste Beispiel sind die Homosexuellen. Das hat etwas mit den rechtlichen Veränderungen zu tun, erst kam die Schwulenehe, und danach haben sich die Einstellungen in der Bevölkerung verändert.
Aber „schwul“ ist doch immer noch ein Schimpfwort, gerade bei Jugendlichen!
Heitmeyer:
Ja. Am schlimmsten ist es bei Zuwanderer-Jugendlichen. Bei denen ist „schwul“ ein zentrales Schimpfwort.
Blumio: Hiphopper sind auch schwulenfeindlich. Die sagen, schwul ist nur ein Wort, heißt nur schwacher Mann, wir verletzen da keinen. Aber stell dir vor, einer sagt: Du bist so deutsch. Und sagt dann: Ich meine gar nicht die Deutschen, ich meine nur dumme Leute. Da würde ich mich auch nicht geehrt fühlen.
Ohne Schimpfwörter geht’s nicht im Hiphop, oder? Wenn man dann noch aus einer bürgerlichen Familie kommt wie Sie . . .
Blumio:
Ganz viele Hiphopper kommen aus bürgerlichen Familien, aber tun so asi, weil es sich schickt. Es gibt 13-Jährige, die sagen, dass ich nicht hart genug bin, aber das ist mir egal. Schimpfworte an sich finde ich unproblematisch. Wenn eine Kunstgalerie blutende Penisse zeigt, ist das Kunst. Wenn ein Hiphopper Schimpfworte benutzt, ist er vulgär und billig. Wenn es nur darum geht, sich zu profilieren oder Gruppen zu degradieren, stimmt das. Aber wenn ich etwas übertreibe oder provoziere, um eine Sache klarzumachen, ist das für mich was anderes.

Ein Lied von Ihnen heißt: „Die Welt ist schwul.“ Warum?

Blumio: Es ärgert mich, dass Schwulenfeindlichkeit akzeptiert ist, auch im Fußballstadion wird das geduldet. Wenn einer schreien würde: „Scheiß Judenschiri!“, dann stünde das am nächsten Tag auf Seite eins. Aber „schwule Sau“ – dagegen sagt keiner was.

Heitmeyer: Es gibt keinen öffentlichen Ort, an dem erniedrigende Sprüche und Gesänge so sanktionslos gebrüllt werden können, wie in Fußballstadien. Überall sonst heißt es Volksverhetzung. Die Kleinen singen mit, so werden Vorurteile reproduziert.

Über „den Griechen“ wird gerade auch schlecht geredet . . .

Heitmeyer: Die Vorurteile verändern sich, je nach Zeitgeist hebt man eine andere Gruppe heraus. Griechen fielen sonst immer aus dem Bild der Zuwanderer: Die sind eine kleine Gruppe, haben eigene Schulen, werden ganz anders wahrgenommen als Türken. Jetzt gibt es das Etikett: faul, kriegen den Staat nicht in den Griff.

Blumio: Auch Tante Ilse sagte dieser Tage: „Der Grieche ist faul.“ Was kennt die denn für einen Griechen? Gar keinen! Da stand in der Zeitung, die Griechen kosten unser Geld. Angst zieht immer.

Gibt es eine Hackordnung unter den Migranten?

Blumio: Ja! Die sind viel rassistischer als Deutsche. Was ich da so höre, Türken über Kurden, Kroaten über Serben, vor allem im Internet. Da muss man keine Angst vor Sanktionen haben und kann alles rauslassen . . .
Heitmeyer: Darum habe ich kein Internet. Ich will gar nicht wissen, was die „politisch Inkorrekten“ über mich schreiben.

Blumio: Unter meinen Youtube-Videos kommen die Rechten aus ihren Kämmerlein. Oder bei kurdischen Rappern schreiben Türken: Scheiß-Kurden. Die beschimpfen sich bis aufs Blut.

Und die Deutschen?

Blumio: Als Japaner kann ich das direkt vergleichen. In Japan versuchen die älteren Leute, ihre Schuld unter den Teppich zu kehren. Und in Korea sagt man: „Die entschuldigen sich noch nicht mal.“ In Deutschland stehen überall Mahnmale, man sieht, da fühlt sich jemand schuldig, da ist jemand umgekehrt. Da ist Deutschland vorbildlich! Wenn ich mir angucke, was die Amerikaner schon alles angerichtet haben, ohne sich zu entschuldigen.

Heitmeyer: Und die Franzosen! Fast alle Kolonialmächte!

Gibt es ein Land, das so gut wie frei ist von Rassismus?

Heitmeyer: Nein. Es gibt auch keine gewaltfreie Gesellschaft, gewaltarm wäre schon gut. Gewalt ist eine jederzeit verfügbare Ressource, von jedermann und jederfrau, jederzeit aktivierbar. Je größer die soziale Ungleichheit, desto schlimmer die Gewalt.

Auf welchem Weg sind wir in Deutschland?

Heitmeyer: Auf einem schlechten. Die soziale Spaltung steigt, das ist politisch gewollt, eine Umverteilung von unten nach oben. Solidarität und Gerechtigkeit erodieren. Man hält sie nicht für zeitgemäß. Darum sind wir gar nicht vorbildlich. 61 Prozent der Befragten sagen: „In Deutschland müssen zu viele Schwache mitgeschleppt werden.“ Das ist die Aufkündigung von Solidarität!

Sind Christen gefeit gegen die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“?

Heitmeyer: Im Gegenteil. Wir haben das untersucht: Wer einer christlichen Kirche angehört, wertet andere noch mehr ab. Sie fühlen sich mit ihrer Religion den anderen überlegen, und dann können sie auch deren Lebensstile abwerten.

Was hilft dann, was kann man tun?

Blumio: Wenn man das Gefühl hat, nicht zur Gesellschaft zu gehören, ist einem alles piepsegal. Wahlrecht habe ich nicht, in den Medien wird schlecht über mich geredet, dann verhalte ich mich auch nicht nach Regeln. Die Leute sind, wenn man ihnen Verantwortung gibt, viel verantwortungsbewusster, als man denkt. Junge Leute sollten schon vor 18 Wahlrecht bekommen. Wenn sie was zu sagen haben, interessieren sie sich mehr dafür.

Heitmeyer: Völlig d’accord. Wenn die Leute sich einflusslos fühlen, werten sie schwache Gruppen ab – und verabschieden sich wortlos aus dem politischen System.

Wie kann man sie wieder „reinholen“ ins politische System?

Heitmeyer: Der Einzelne kann Deutschland nicht verändern. Im Stadtteil, in einer überschaubaren Stadt – da kann man die Verantwortungsbereitschaft steigern . . .

Blumio: . . . zum Beispiel in der Schule! Wenn der Direktor über die Köpfe der Schüler entscheidet, wie die Schule gestaltet wird, beschmieren die die Wände. Ist doch klar, habe ich nix mit zu tun. Wenn ich als Schüler darüber abgestimmt habe, dass die Wand blau sein soll – dann beschmiere ich sie nicht.

Blumios neues Lied heißt „Wir träumen gemeinsam von besseren Tagen“. Wie sehen die aus?

Heitmeyer: Ich bin kein Gesellschaftsarchitekt, auch wenn Sie etwas anderes aus mir herauskitzeln wollen. Nötig wäre, dass unterschiedliche Eliten, die Zugang zu den Medien haben, eine Debatte beginnen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Aber leider sind die nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Blumio: Eine bessere Welt . . . da ist es mit einem Gesetz nicht getan. Jeder, egal ob Nazi oder Linker oder FDP-Wähler, muss sich jeden Tag hinterfragen, ob seine Gefühle gegenüber einer Gruppe vielleicht nicht korrekt sind. Das fängt ja schon damit an, dass Kölner und Düsseldorfer sich nicht mögen – obwohl Kölsch und Alt aus demselben Rheinwasser gebraut sind.

Lesermeinungen

Blumio sagt in dem Gespräch: "Aber ich war nie im Osten in einem dieser Dörfer, wo es fast nur Nazis gibt." Diese Aussage von Blumio wird im Interview weder hinterfragt noch anderweitig kommentiert. Somit erhält diese subjektive Aussage den Charakter einer Feststellung, was mich sehr betroffen macht.
Ich lebe in einem Dorf in Ostdeutschland. In meiner Umgebung gibt es keine Nazis; mir sind auch keine Personen bekannt, die derartiges Gedankengut vertreten. Selbst in nicht zu leugnenden Problemgebieten wie in mancher Gemeinde der Sächsischen Schweiz sind nach meinem Kenntnisstand Neonazis in der absoluten Minderheit.
Leider wird nach meinem Eindruck durch die unkommentierte Äußerung von Blumio das Klische gestärkt, Ostdeutschland sei der Hort des Rechtsradikalismus und das Sammelbecken der Neonazis. Das Zusammenwachsen unseres Landes wird dadurch für meine Begriffe nicht gefördert. Schade - Ihr Magazin ist ansonsten genau die Publikation, die unser Land benötigt: konstruktiv, anregend, pluralistisch, meinungsbildend.
3. Juni 2012

Es hilft nicht zu sagen, dass es überall auf der Welt Menschenfeindlichkeit gibt. Bekämpfen durch Aufklären - das scheint mir die einzig erfolgversprechende Methode zu sein. Sich nicht damit abfinden, nicht klein beigeben - wie oft geschieht solches. Wer schweigt, unterstützt am Ende die"rohe Bürgerlichkeit" (Heitmeyer), der man gerade auch im eigenen Milieu klar und deutlich widerstehen muss. Ich nehme eine grosse Bandbreite an fremdenfeindlicher Motivation wahr. Als eine türkische Familie in die unmittelbare Nachbarschaft einzog, war der Vorbehalt gross. Dann lernte man sich kennen und achten. Inzwischen lädt man sich dann und wann zum gemeinsamen Essen ein. So geschehen mit der Familie meiner Tochter. Ich unterstütze also nachdrücklich den Vorschlag, dass Begegnungen ein hilfreiches Instrument sind. Hat sich das Klima zum Besseren geändert? Ich denke ja. Doch immer wieder werde ich aufgeschreckt, wenn menschenfeindliche Gesinnung breit durchschlägt. Wie zum Beispiel jetzt, da christlich-extremistische Individuen und Gruppierungen in Sachsen den Aufstand proben, gegen Schwule nicht nur polemisieren, sondern zum Verlassen der eigenen Kirche bereit sind. Konkret: Homosexuellen Paaren soll es nach Beschluss der Kirchenleitung fortan erlaubt sein, ihren Pastorendienst gemeinsam oder allein auszuüben, sofern die Ortsgemeinde dem zustimmt. Das heisst: Man muss sich nicht verstecken, man darf in ein und derselben Wohnung leben. Gegen diesen eigentlich selbstverständlichen, längst überfälligen Toleranzbeschluss ruft die Gegenseite den status confessionis aus, eine Hybris sondergleichen, was man in einer reformatorischen Kirche nicht für möglich gehalten hätte. Wir stellen uns entschieden gegen Rechts- und Linksextremismus und haben das Gift der absoluten Intoleranz inmitten der Kirche. Eine unglaubliche Verkehrung der Botschaft Jesu. Verderbliche Buchstabengläubigkeit gegen den Geist der Heiligen Schrift, in der doch das Befreiende gelten sollte gemäss der unzweideutigen Aussage, wonach der Buchstabe tötet, der Geist aber lebendig mache. Man möchte angesichts einer solchen Verblendung schier verzweifeln.

Ich schreibe dies auch nieder in der Hoffnung, dass diese wenigen Gedanken vielleicht von einem Gefährdeten in Sachsen oder anderswo gelesen und bedacht werden. Ja, es gilt, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um die Angst vor dem anderen - denn sie steckt oft latent hinter jeder Ablehnung des Ungewohnten - durch gute Gründe abzubauen. Doch wehe den uneinsichtigen Scharfmachern, die sich und dem Ganzen grossen Schaden zufügen. In wessen Namen? Keinesfalls im Namen des menschenfreundlichen Gottes, den wir Christen verehren.

9.6.2012

"Sicher gibt es Migranten, die nur hier sind, um unser Sozialsystem auszunutzen. " Schon allein diese einlenkende Meinung enthält eine Unterstellung, Diskriminierung in sich, sicher unbeabsichtigt, aber dennoch !!! Was ist dagegen zu sagen, wenn Menschen nach besseren Lebensbedingungen suchen ? Ich empfehle den Beitrag vor Fr. Susanne Breit-Keßler, zum Thema Besuch, "Herzlich Willkommen und auf Wiedersehen", zu lesen. Durch alle Kommentare, samt dem Beitrag, wird eine negative Einstellung zum Besuch präsentiert, der Kopf voller Vorurteile, ( falsche Erfahrungen, meistens aus einer finsteren Vergangenheit ! ) , noch bevor alles beginnt. Die Keimzelle ist immer noch negativ, samt diesen blöden Sprüchen, wie der über den Fisch! Sicher stammt der aus dem kühlen Norden...
Nun meine Frage an Sie: welchen Sinn soll die Diskriminierung denn noch haben ? ! Wenn Streß ist, greifen viele nach Vorurteilen, doch diese müssen nicht unbedingt wirklich ernst genommen werden, d.h. es ist völlig übertrieben, liebe und nette Gestresste haben zu wollen. Liebe Leute, Ihr sitzt alle in einem Boot, das sich Arbeitsplatz nennt, wer das vergießt, und nach Sündenböcken sucht, ist ein Amokläufer! Ob Deutscher oder Ausländer! Das scheint hier Vielen noch nicht klar zu sein. Übrigens eine kleine Erinnerung an eine noch nicht allzu ferne Vergangenheit : Versprach nicht der Führer allen Menschen Arbeit ? Die Folgen waren verheerend , das darf nicht vergessen, oder übersehen werden ! Und der Sündenbock ? Wem nützt der heute noch ?! Keinem, ansonsten ist es nur noch kriminelle Energie. "Strohdoofe Ansichten ", richtig, Die eigenen Vorurteile und Ansichten müssen hinterfragt werden, oder mit Worten von Blumio, "jeder (...) muss sich jeden Tag hinterfragen, ob seine Gefühle gegenüber einer Gruppe vielleicht nicht korrekt sind. " Grönemeyer singt : "Wir müssen uns ja nicht gleich lieben, mach dich wenigstens ein bisschen neugierig ..." Auch das finde ich sehr schön formuliert. Oder wie wäre es mit Solidarität, weil wenn das Schiff sinkt, sind alle an Bord gefährdet .

Ich komme aus dem Landkreis Zwickau in Sachsen und bin in der Berufsausbildung tätig. Beruflich habe ich täglich mit Jugendlichen ohne und mit Migrationshintergrund zu tun. Ich kann keine allgemein gültige Formel für Fremdenfeindlichkeit erkennen. Sie existiert überall und wird vor allem von gut situierten Schichten gefördert und schlimmstenfalls finanziert. Die Finanzspritzen an die hier ansässige NPD stammen überwiegend von Unternehmen aus den alten Bundesländern. Aber man muss vorsichtig sein, was es mit dem rechtsradikalen Ruf von Sachsen auf sich hat. Die ganzen NPD-Köpfe werden vom Westen aus gelenkt, das wird in den Medien nur nicht angesprochen. Es wird ganz bewusst alles Negative auf den Osten gelenkt, damit ein neues Feindbild geschürt wird.

Ich gebe Blumio recht, dass die Ansichten unserer Ü-50-Generation die schlimmsten Wirkungen haben. Selbst in meiner unpolitischen Familie gibt es wahnsinnig schlimme Kommentare zu Ausländern, obwohl noch nie ein Kontakt bestand. Meine Großeltern stammen aus Ostpreußen und mussten ihre Heimat verlassen. Sie wurden hier genau so beschimpft und bewertet wie heute unsere Migranten. Deren Kinder kennen die Vergangenheit ihrer Eltern genau und werden deshalb aber nicht zu besseren Menschen. Weiter geht es auf Arbeit - alles Sozialpädagogen und Lehrer - sie glauben gar nicht wie da über Ausländer hergezogen wird. Das sind studierte Leute und trotzdem strohdoofe Ansichten. Sicherlich gibt es Migranten, die nur hier sind, um unser Sozialsystem auszunutzen. Das spricht sich ja schnell herum. Aber hier kann man wunderbar politisch lenken, man muss nur mal vom Nachbarland lernen wollen.

Interessant, was der Blumio für Ansichen hat. Ich habe mir alle Lieder auf seiner neuen CD DREI angehört. Jedes Lied ist sehr tiefsinnig und hat seine eigene Message. Es hat mich vor allen Dingen beeindruckt, dass Blumio in diesem Interview öfters den Ausdruck ``Ich ärgere mich `` verwendet hat. Meiner Meinung nach ist Ärger ein Zeichen von postiver Energie. Blumio beschäftigt sicht ernshaft mit den Problemen der Rechtsextremen und kann sich in die Gefühle der Unterdrückten hinein versetzen. Möglicherweise rühren uns seine Texte deshalb so sehr, auf Grund seinem starken Willen durch seine Musk die Welt zu verändern......

Ich bin schon über 60, freue mich aber sehr, dass Blumio erkannt hat, dass es nichts bringt, "Nazis" oder wen auch immer herunterzumachen und auszugrenzen. Das ist eine Form von Gewalt, die zwar weit verbreitet ist, das Problem aber nicht löst, sondern eher verstärkt.
Nur wenn wir mit jedem (!) Menschen respektvoll umgehen, öffnen wir für ihn -und für uns- einen Weg zum Nachdenken. Im Grunde war das auch die -vergebliche?- Botschaft eines Jesus.

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