4000 km unterwegs mit dem Wohnwagen

Gärtners Reise

Sibylle Fendt

Ein Rentnerpaar mit Wohnwagen unterwegs ins Baltikum. Verliebt, rüstig, braun gebrannt. Doch Elke ist dement. Und Lothar kümmert sich. Die Fotografin Sibylle Fendt begleitet die beiden auf ihrer Reise ins Baltikum – und hilft, wo es nötig ist. Die Autorin Mareike Fallet trifft Lothar Gärtner erst später.

E­lke Gärtner, 65 Jahre, grau das Haar, kerzengerade der Rücken, läuft auf die fremde Familie zu. Sie schaut sie an, lächelt freundlich, schweigt. Die Leute wundern sich, „können wir ­ihnen helfen?“ Lothar Gärtner, 67, sportlich, die weißen Haare zum Zopf gebunden, läuft hinterher, nimmt Elke an der Hand. Das macht sie häufig, Leute angucken. „Entschuldigung“, sagt Lothar Gärtner dann immer, „meine Frau ist krank.“ – „Macht nichts“, sagen die Leute, „schön, dass wir Sie kennengelernt ­haben.“

Es ist Spätsommer 2008, die Gärtners machen Station auf dem Campingplatz in Breslau, Polen. Sie haben eine weite Reise vor sich, von ihrem Heimatdorf im Badischen durch Polen, ­Litauen, Lettland, Estland, ein Abstecher nach Sankt Petersburg, dann wieder zurück nach Hause, fünf Wochen, fast 4000 Kilometer.

Sie haben schon viele Länder Europas durchreist mit ihrem Wohnwagen, einem Hobby Excellent: fünfeinhalb  Wochen Kroatien, sechs Wochen Irland, zehn Wochen Skandinavien, unter anderem. Sie lieben diese Freiheit, überall so lange zu bleiben, wie sie wollen, zu frühstücken, wann sie hungrig sind.

Man denkt nicht gleich an was Schlimmes, nur weil jemand mal was vergisst

Dies ist ihre letzte gemeinsame Reise. Elke Gärtner leidet an Morbus Pick, Frontotemporale Demenz, schnell voranschreitend, Lebensprognose fünf Jahre. Obwohl: Ob sie leidet, kann man nicht sagen. Manche Demenzkranke werden fixiert, weil ihr Bewegungsdrang kaum zu bändigen ist. Manche sind aggressiv und ausfallend, manche essen maßlos, haben Stimmungsschwankungen. All das trifft auf Elke nicht zu. Sie ist immer freundlich, lebt in ihrer eigenen Welt, nicht unzufrieden.

Zweieinhalb Jahre zuvor: Im März 2006, erzählt Lothar Gärtner, fuhren sie nach Südspanien, dem Frühling entgegen. Schon in den Monaten davor war seine Frau immer mal komisch ge­wesen, so stand sie einmal an der Ampel und sagte, „es ist rot, wir können gehen“. Auch die Kinder, zwei Söhne, eine Tochter, hatten Lothar schon mal darauf angesprochen: „Kann es sein, dass mit der Mami was nicht stimmt?“ Aber man denkt nicht gleich an was Schlimmes, nur weil jemand mal was vergisst.

Auf einem Campingplatz hinter Barcelona fand Elke nach der Toilette den Wohnwagen nicht mehr. Öffnete die falschen Türen. Das kann doch jedem mal passieren! „Eines Morgens  schaute meine Frau durch mich durch, als sei ich nicht vorhanden“, erinnert sich Lothar Gärtner. „Da wurde mir schlagartig klar, dass sie nicht gesund sein kann.“ Was ist das bloß? Kann man das heilen? Wird sich unser Leben ändern, und wenn ja – wie? Werde ich das ­schaffen? Es drängte ihn nach Hause, er wollte wissen, was los ist. Nach nur zwölf Tagen Reise waren sie wieder daheim, Lothar ­Gärtner hatte fünf Kilo abgenommen.

Die Leute fragen, Lothar, warum unternimmst du diese Fahrt ins Baltikum? Manche meinen es vorwurfsvoll, als ob er seiner Frau damit schade. Manche bewundern ihn. Andere meinen, er tue sich selbst nichts Gutes, verreisen mit einer Demenzkranken, wie anstrengend! Und, ja, es ist anstrengend. Lothar Gärtner ist immer beschäftigt: kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. Er zieht seine Frau  an oder aus, wäscht sie, kämmt ihre Haare. Und plant die Ausflüge, sie wollen ja auch das Land kennenlernen.

Überhaupt: Reisen sind immer irgendwie anstrengend, er­holen kann man sich danach; es ist ihre Leidenschaft, ihr Hobby. „Soll ich mit Elke nur zu Hause auf dem Sofa sitzen?“, sagt ­Gärtner, das würde am Krankheitsverlauf nichts ändern. Und der Wohnwagen ist für Elke ja auch ein Zuhause, nur enger als sonst.

Es gibt viele Ursachen, warum jemand vergesslich wird: eine Depression, Flüssigkeitsmangel, ein Tumor, Borreliose, die Krankheit, die Zecken übertragen. Und Demenz. In Deutschland sind 1,3 Millionen Menschen dement, ca. 700 000 von ihnen haben die Alzheimer’sche Krankheit, rund 130 000 sind an Morbus Pick erkrankt. Zwei Drittel der deutschen Demenzkranken werden zu ­Hause gepflegt. Demenz ist unheilbar, die Nervenzellen im Gehirn sterben ab.

Lothar wird die Elke, wie er sie gekannt hatte, ver­lieren. Sie wird davongleiten, vergessen, wie man kocht, häkelt, sich die Nägel lackiert. Sie wird irgendwann ihre Körperfunk­tionen nicht mehr kontrollieren können, wird nicht mehr sprechen oder gehen können. Sie wird vergessen, dass sie einen Ehemann hat und drei Kinder, sechs Enkel. Sie wird sich selbst vergessen, nicht mehr Elke und doch da sein.


Als sie ins Baltikum fahren, kann Elke Gärtner längst nicht mehr sprechen, die Demenz frisst unter anderem das Sprach­zentrum auf. Ihr Gehirn zersetzt sich schneller, als anfangs befürchtet. Sie ist fast nur noch körperlich anwesend, fast immer hat sie nun diesen entrückten Blick.

Alle zwei Stunden geht Lothar Gärtner mit seiner Frau auf die Toilette. In Breslau wollen die Toilettenfrauen sie nicht zusammen in eine Kabine lassen, sie verstehen die Erklärung nicht, nicht auf Englisch, Deutsch oder Französisch, Gärtner spricht kein Polnisch. „Da habe ich mich eben durchgedrängelt, sie soll ja nicht einnässen!“

Nie hat sich jemand beschwert und gesagt, oje, der bringt wieder seine kranke Frau mit

In Masuren pflücken sie Birkenpilze, immer zwei, drei Minuten bleibt Elke Gärtner bei der Sache, bringt Pilze, auch ungenießbare. Dann vergisst sie es wieder und stromert durch den Birkenwald. „Mäusel, komm, wir pflücken Pilze“, sagt Lothar dann, und Elke sucht weiter. 

Viele, die diese Diagnose erhalten, schämen sich, verheimlichen ihrem Umfeld die Krankheit. Elke selbst wollte mit ihrem Mann nicht über dieses Thema  sprechen. Nur ein einziges Mal hatte sie sich geäußert, daher muss ihr klar gewesen sein, dass sie krank war: Als Lothar einmal wütend wurde, weil etwas nicht klappte, antwortete sie: „Schimpf doch nicht, du weißt doch, dass ich nichts dafür kann!“

Wenn jemand Literatur oder Zeitungsartikel vorbeibrachte, sagte Lothar Gärtner, bitte, nimm das wieder mit. „Ich habe mich nur darüber informiert, wie man mit Demenzkranken umgehen soll“, sagt er – zum Beispiel mit ganz viel Geduld. Mehr wollte er nicht wissen, all diese Horrorszenarien. „Ich merkte ja selbst, dass ich ihr bei immer mehr helfen musste.“

Lothar Gärtner nahm sich vor, Elke selbst zu versorgen, solange es nur möglich ist. „50 Jahre lang waren wir ein Liebespaar mit einer schönen Vergangenheit, viele Bekannte haben uns beneidet.“ In guten wie in schlechten Zeiten, das habe er ihr einst versprochen. „Ich konnte das leisten. Und ich wollte es.“ 

Die Kinder kamen oft am Wochenende, dann konnte Lothar Gärtner auch mal für sich sein. „Aber das wollte ich eigentlich gar nicht, Elke und ich waren doch zusammen ein Teil.“ Er nahm sie einfach überall hin mit. Zur Amateurtheatergruppe. Ins Theater. Zum Einkaufen. Zu Einladungen bei Freunden. Nie habe sich jemand beschwert und gesagt, oje, der bringt wieder seine kranke Frau mit.

Seine Liebe zu Elke ist nur noch größer geworden

Während ihrer langen Reise durchs Baltikum kommt der Herbst, es wird kalt und regnerisch, Elke nimmt es gelassen. Im Nationalpark Aukstaitijos, Litauen, guckt sie sich an, wie ihr Mann den Wohnwagen parkt. Zwei Stunden später verschwindet sie selbst hinter dem Wagen und versucht, ihn zu manövrieren, obwohl er längst aufgebockt ist.

Auf ihrem Weg liegen viele hübsche Städtchen wie Druskininkai, Trakai, Sigulda mit Kirchen, Burgen, Museen, Lothar Gärtner schaut sich alles an. „Ich wusste nicht, ob Elke das interessiert. Aber mich hat es interessiert“, sagt er.  Für die Reise tauscht Lothar Elkes Pumps gegen Turnschuhe, sie läuft immer mit; sie sucht seine Nähe.

Weil sie nicht sprechen kann, muss er sehr darauf achten, dass er sie nicht überfordert. Er erkennt es daran, dass sie sich dann beim Essen oder Trinken öfter verschluckt –  auch ein Zeichen der Krankheit: Die Koordination von Luft- und Speiseröhre klappt nicht immer. Einmal läuft Elke blau an, Lothar stellt sie hin, beugt sie vornüber, klopft auf ihren Rücken, bis sie wieder Luft bekommt. Im nächsten Moment lacht sie.

Früher, als junger Lehrer, hatte Lothar Gärtner das Angebot erhalten, eine Zusatzausbildung zum Sonderschullehrer zu machen. Er hatte abgelehnt, sich nicht vorstellen können, mit Be­hinderten umzugehen. Und wie er konnte, als Elke krank wurde! Lothar Gärtner lernte, ihr die Nägel zu lackieren, Lippenstift aufzutragen, sie zu frisieren, mit Lockenwicklern. „Sie war eine elegante, gepflegte Frau – das war ihr immer so wichtig, das wollte ich ihr erhalten“, sagt Gärtner. Sich selbst auch, wenn schon das Innere, das Wesen, immer mehr verschwindet, dann soll wenigstens das Äußere bleiben.

Seine Liebe zu Elke, sagt Lothar Gärtner, sei nur noch größer geworden. „Sie brauchte mich ja auch.“ Die Gärtners nehmen sich oft in die Arme, Elke lehnt sich gerne an Lothar an, manchmal kichert sie dann verlegen wie ein Teenager.

Es gibt auch schlechte Momente, in denen es ihm schwerfällt, Elkes Zustand zu ertragen. In der Ferienwohnung, die sie in Sankt Petersburg gemietet haben, räumt sie den Koffer aus, den er gerade gepackt hatte. „Ach, Mäusel, lass das!“ Natürlich kann sie nichts dafür. Aber er auch nicht. „Manchmal, wenn ich wütend war, habe ich sie ganz fest an mich gedrückt, damit ich nicht ausraste.“

Warum muss es uns treffen? Warum sie?

Die zermürbenden Gedanken, die Verzweiflung kamen oft abends, wenn er Elke ins Bett gebracht hatte und auf dem Sofa saß. Sie war doch immer gesund gewesen. Warum muss es uns treffen? Warum sie?

Sie, mit der er so gut lachen konnte; die die gemeinsamen Mahlzeiten der Familie so gemocht hatte; die so aufgebracht sein konnte, wenn eines der Kinder eine schlechte Note nach Hause gebracht hatte, und die er dann wieder beruhigte; der zuliebe er in den 1970ern auf mehr Engagement in der ­Politik verzichtet hatte, weil sie sich sonst kaum noch gesehen hätten; die ihn aufbaute, als er eine Depression hatte, ihn bei der Hand nahm und sagte: Lothar, wir schaffen das!


Nun nimmt Lothar Elke an die Hand. Auf Saaremaa, einer estländischen Insel in der Ostsee, unternehmen sie einen langen Spaziergang, unterschätzen den Rückweg. Elke macht in die Hose, das passiert manchmal. Aber Windeln will Gärtner ihr nicht antun, das hätte sie nicht gewollt, sagt er, das sei gegen ihren Stil. Außerdem will er nicht zu schnell zu viel nachgeben, ihr auch etwas zumuten, in der Hoffnung, dass das Gedächtnis nicht so schnell abbaut. Aber Elke geht es zusehends schlechter – und Lothar Gärtner ist erschöpft.

Als sie Ende September zurück sind im Badischen, mag Gärtner kaum das Haus verlassen, so müde ist er. Zwei seiner Freunde aus der Theatergruppe kommen zu ihm, „du, Lothar, dürfen wir mal mit dir reden, wir haben Angst um dich, du kannst nicht Tag und Nacht für die Elke zuständig sein, du machst dich kaputt“.

Lothar Gärtner ist froh, dass sie ihn darauf ansprechen; er entscheidet sich, einen Platz in einer Tagespflege-Einrichtung zu suchen. Immer dienstags und donnerstags wird seine Frau nun morgens abgeholt und abends gebracht. In der freien Zeit unternimmt er Spaziergänge und Radtouren, er kommt wieder zum Lesen. „Natürlich habe ich sie vermisst“, sagt er, „aber ich wusste ja, es geht ihr dort gut.“

Gut vier Monate nach ihrer Rückkehr aus dem Baltikum stürzt Elke. Sie verletzt sich dabei am Kopf. Kurz darauf stirbt sie an den Folgen des Sturzes.

Und Lothar Gärtner verkauft den Wohnwagen.

Fotoband

Sibylle Fendt: „Gärtners Reise“, Kehrer-Verlag, 30 Euro.

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Lesermeinungen

Vielen Dank für diese Reportage, sie hat mich sehr berührt. Als jemand, der als junger Mensch schon viel mit alten und kranken Menschen gearbeitet hat, habe ich großen Respekt vor Herr Gärtners Leistung. Ich wünschte, die Einsicht, dass man im Umgang mit Demenz viel Geduld benötigt, würde sich weiter durchsetzen. Vielen Dank deshalb!