Landwirtschaft in Metropolen

Ihr müsst gärtnern, Städter!

Foto: itockphoto/cjp

In zehn Jahren werden viel mehr Städter als heute ihre eigenen Tomaten anbauen.

Sie haben erst mit 26 Jahren angefangen zu studieren, Geografie. Warum so spät?

Ina Hartmann: Nach dem Abitur wollte ich mein eigenes Geld verdienen, deshalb habe ich eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht. Nach ein paar Jahren im Beruf habe ich gemerkt, dass ich mich gern ganz intensiv mit einem Wissensgebiet auseinander setzen möchte. Die Literatur läuft mir ja nicht weg. Geografie habe ich gewählt, weil es ein Übersichtsfach ist. Man lernt viel über die Erde, die Natur, über Länder und unterschiedliche Gesellschaften.

Und was wächst auf Ihrem Balkon?

Salat und natürlich Tomaten. In diesem Jahr zum ersten Mal eine alte heimische Sorte, die schwarze Pflaumentomate. Ich hoffe, ich kann bis in den September hinein ernten.

Ihr Forschungsthema ist die urbane Landwirtschaft. Nehmen Sie dann auch Ihren eigenen Balkon im Blick?

Im weitesten Sinne gehören Balkongärtner dazu. Aber das ist ein sehr privater Bereich und nicht so sehr in unserem Interesse. Wir befassen uns mit Gemeinschaftsgärten, Dachgärten und durchaus auch mit Kleingärten.

Was ist der Unterschied zwischen der normalen und der urbanen Landwirtschaft?

Landwirtschaft ist an einen Betrieb gebunden, der ein wirtschaftliches Interesse hat. Es gibt große Flächen und große Maschinen. In der Stadt gibt es viel widrigere Bedingungen: kleine Flächen, Konkurrenz mit Wohnbebauung. Und Nachbarn, die Hunde haben…

Urbane Gärten fördern die Integration

Warum werden Menschen zu Stadtbauern, wenn die Bedingungen widrig sind?

Vielen macht die Arbeit schlicht Spaß. Sie erfreuen sich daran, ihre Pflanzen wachsen zu sehen. Der soziale Aspekt ist wichtig –  dass man mit anderen etwas macht, gegen die Vereinzelung in der Stadt. In Berlin sehen wir in den Gemeinschaftsgärten, dass sie bei der Integration von Ausländern helfen. Viele Gärtner wollen auch wissen, woher ihr Essen kommt. Sie wertschätzen es, selbst gezogenes Gemüse wird viel seltener weggeworfen als gekauftes. Neulich war ich drei Wochen zur Forschung in den USA, dort geben viele Gemeinschaftsgärtner einen Teil ihrer Ernte an Einrichtungen, die vergleichbar mit den deutschen Tafeln sind.

Was ist ein Gemeinschaftsgarten?

Meistens ist es so: Es gibt eine Fläche in der Stadt, die entweder in städtischem oder in privatem Besitz ist. In den meisten Fällen mieten Gemeinschaftsgärtner per Vertrag die Fläche für ein bis zwei, selten für drei Jahre und länger. Und dann wird dort etwas angebaut, oft unter der Auflage, baulich nichts zu verändern. In der Regel legt sich jeder sein eigenes Beet an; eine große Fläche für alle – das würde viele Gemeinschaften überfordern, da gäbe es dann sehr viel Kommunikationsbedarf. Zum Beispiel die Frage: Wollen wir düngen oder nicht? Auch bei Einzelbeeten gibt es Aufgaben für alle. Auf dem Tempelhofer Feld gibt es zum Beispiel Gießgemeinschaften, damit nicht alle abends zum Wässern fahren müssen. Das ist in Kleingärten ja ganz anders, da macht jeder seins. Insgesamt gibt es allein in Berlin etwa 80 solcher Gemeinschaftsgärten.

Und die haben keine ökonomischen Interessen wie die Landwirte vor der Stadt?

Das kann man so nicht sagen. Ökonomie zielt ja nicht nur auf Gewinn. Wenn ich zum Beispiel meine Tomaten ernte, muss ich keine kaufen. Das ist auch Wirtschaften. Dazu kommen andere Aspekte, die den Leuten auch was wert sind – Freude, Geselligkeit, Geschmack. Das hat auch alles seinen Wert, der sich aber nicht beziffern lässt.

Wie darf man sich Ihren Forschungsalltag vorstellen – streunen Sie durch Berlin und sprechen Gärtner an?

Meine Arbeit ist vielschichtig. Viel Lesen gehört dazu. Und ich versuche, Artikel in Fachjournalen unterzubringen. Ich besuche Konferenzen, reise ins Ausland wie vor kurzem in die USA, wo ich Interviews geführt habe, die ich nun auswerte. Eines unserer Ziele ist es, eine Wissenssammlung zu urbaner Landwirtschaft zusammenzutragen. Welche Projekte der urbanen Landwirtschaft gibt es in Deutschland? Wo liegen die Kompetenzen? Wer hat womit welche Erfahrungen gemacht? Das ist wichtig, weil wir erst am Anfang stehen, das Phänomen urbane Landwirtschaft überhaupt zu erfassen. Was ist ökologisch sinnvoll, wie kann man es später mal für die Stadtpolitik nutzen? Welche Neuerungen werden in der urbanen Landwirtschaft entwickelt? Solche Fragen interessieren uns. Noch in diesem Herbst geht die Wissenssammlung online, dort kann dann auch jede Initiative ihren Garten eintragen.

Schwermetalle sind ein Problem in der Stadt

Gemüse in der Stadt – ist dafür nicht die Luft und der Boden zu verschmutzt?

Der Boden ist oft belastet durch die Vornutzung, das ist ein Grund, warum die urbanen Gärtner oft  Hochbeete nutzen. Auch die Luftbelastung in den Städten ist ein Problem. Es gibt eine neue Studie. Untersucht wurde die Schwermetallbelastung von Gemüse aus der Stadt. Das Stadtgemüse hat oft Grenzwerte überschritten – vor allem dann, wenn es direkt an Straßen angebaut wurde.

Was können Gärtner dagegen tun?

Beim Boden ist der pH Wert zu beachten. Ist er zu sauer, werden - so nennen wir das - Schwermetalle "mobil" und können von den Pflanzen aufgenommen werden. Kalk hilft dagegen, weil er die Säure neutralisiert. Gegen Luftschadstoffe gibt es auch Maßnahmen. Man kann Barrieren wie Hecken errichten oder Abstand zum Verkehr halten. Im Prinzessinnengarten in Berlin beispielsweise wird ein Mindestabstand von acht Metern zwischen Gemüse und Straße eingehalten, zusätzlich schützen Büsche und ein umrankter Zaun das Gelände.

Der Garten auf dem Dach als Isolation

Und in zehn Jahren – sind dann alle Städter auch Bauern?

Ich bin sicher, es sind viel mehr als heute, die auf kleinem Raum etwas anbauen. Aber viele Menschen haben an der Pflanz- und Erntearbeit auch kein Interesse, dafür wollen sicher mehr als heute – wie in den USA – Produkte aus Stadtfarmen auf dem Wochenmarkt kaufen. Der große Teil der Lebensmittel wird sicher weiterhin vom Land kommen. Die urbane Landwirtschaft kann aber ganz viel Nutzen stiften. Zum Beispiel helfen Dachgärten, Gebäude zu isolieren; im Sommer kühlen sie, im Winter halten sie die Wärme drinnen. Gartenflächen helfen auch, Regen aufzunehmen, und es zeichnet sich ja ab, dass es durch den Klimawandel mehr Starkniederschläge gibt, die Gullydeckel hoch drücken. Und Pflanzen in der Stadt sind gut für Tiere, das wiederum ist hilfreich für die Artenvielfalt.

Als gelernte Buchhändlerin wissen Sie das ja vielleicht: Gibt es zu Ihrem Thema schon einen Roman?

Es gehört sicher nicht zur großen Weltliteratur, aber ja, „Meine kleine Cityfarm“ von Novella Carpenter. Da geht es um die Erfahrungen, die die Autorin in Portland, USA macht. Wie ihr die Nachbarn das Gemüse klauen, wie sie zum ersten Mal einen Truthahn schlachten will – sehr unterhaltsam, ganz gut für den Urlaub.

Es gibt Leute, die halten sich Nutztiere in der Stadt?

In den meisten Kleingärten beispielweise ist es nicht erlaubt. Und in den Gemeinschaftsgärten in Deutschland ist das auch eher nicht verbreitet. Interessanterweise halten aber Bienen Einzug in die Stadt, auf Dächern und in Gärten werden immer öfter Bienenstöcke aufgestellt, das ist gut für die Bestäubung von Pflanzen und lehrreich für Schulklassen. Und von meiner Forschungsreise in die USA weiß ich, dass es in Städten wie New York jetzt auch erlaubt ist, ein paar wenige Hühner zu halten. Das ist bei den Großstadtgärtnern und –bauern dort sehr beliebt. Hähne sind allerdings nicht erlaubt, weil die so laut krähen.

Ina Hartmann

Ina Hartmann, 35, ist Diplom-Geografin. Sie arbeitet am ZALF, am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Das ZALF hat seinen Sitz in Müncheberg, 50 Kilometer östlich von Berlin.

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