Entscheidende Sätze von Lehrern

"Frau Pfannkuch war meine Rettung!"
Schule? Das ist lesen, schreiben, rechnen. Aber wer Glück hat, lernt da noch ganz andere Sachen. Hier lesen Sie von Menschen, die einen tollen Lehrer hatten – oder eine Lehrerin, die ihnen den entscheidenden Satz fürs Leben mitgegeben hat. Fünf Ermutigungen und ihre Geschichte

Klassenlehrerin Frau Pfannkuch zu Ayla Tepe:

„Du schaffst das, du kannst mehr, als du denkst!“

Meine Eltern kamen Anfang der Siebziger nach Deutschland. Ich bin 1975 in Reinbek geboren, in Wentorf bei Hamburg aufgewachsen und – als ich sieben Jahre alt war – zwei Wochen zu spät eingeschult worden. Das lag an der Unkenntnis meiner Eltern, die zum ersten Mal ein Kind in Deutschland zur Schule schickten. Mir war das sehr unangenehm. Wir waren über 20 Kinder in der Klasse, und ich komme als Einzige zu spät! Das erste halbe Jahr war ich sehr verschüchtert und traute mir nicht viel zu. Die meisten Kinder kannten sich und waren befreundet. Ich war die einzige Nichtdeutsche – es gab erst mal keine Gemeinsamkeiten. Ich musste zunächst alles allein bewältigen. Meine Klassenlehrerin Frau Pfannkuch muss das bemerkt haben, ich weiß noch, dass sie mich beiseitenahm: „Du schaffst das, du kannst mehr, als du denkst!“

 

Ihr Lächeln wollte ich mir erhalten

Danach ging es mir besser. Frau Pfannkuch war eine tolle Lehrerin, sehr mütterlich, sehr lieb, sehr erfahren. Es war mir sehr wichtig, dass sie keinen schlechten Eindruck von mir bekommt, darum bemühte ich mich auch um gute Leistungen. Im Gegenzug wuchs Frau Pfannkuchs Vertrauen in mich. Sie hat mir mit ihrer fürsorglichen, aber auch strengen Art meine Ängste genommen. Wie ich sie hätte verärgern können, weiß ich heute gar nicht mehr. Ihr Lächeln bedeutete mir viel, das wollte ich mir erhalten.
Nachdem mir Frau Pfannkuch Mut gemacht hatte, habe ich nicht die Erfahrung gemacht, dass ich als Türkin anders behandelt werde. Ich glaube, ich hatte den Vorteil, dass meine drei Geschwister und ich in Schleswig-Holstein in einer ­grünen Dorfidylle unter deutschen Nachbarn aufgewachsen sind. Die meisten Türken sind dorthin gegangen, wo die ­Arbeit war, ins Ruhrgebiet oder nach Berlin. Meine Eltern haben viel Wert darauf gelegt, dass wir Deutsch sprechen und die Gepflogenheiten kennenlernen. Darum haben sie uns auch in den Religionsunterricht geschickt.

Die Bürokratie ließ meinen Traum platzen

Nur einmal, auf dem Gymnasium, machte der Pass einen Unterschied. Ich wollte Kinderärztin werden. Ich hab mir Lehrbücher für Krankenschwestern von meiner Cousine geliehen. Damals gab es noch den Medizinertest, aber ich war noch nicht eingebürgert. An meiner Schule erhielt ich dasselbe Anmeldeformular wie ein Mitschüler, dabei hätte ich ein Extraformular für Nichtdeutsche gebraucht. Testteilnahme nicht gestattet! Ich empfand das als große Ungerechtigkeit und geriet in eine Wutwelle. Aus Protest verweigerte ich die Leistung. Die Lehrer bemerkten meinen Wandel, wirkten aber desinteressiert. Nicht meine Persönlichkeit oder meine Leistung, sondern meine Nationalität – nein: die Bürokratie – hatte meinen Lebenstraum zerplatzen lassen. So dachte ich.
Das Abi habe ich trotzdem geschafft. Eineinhalb Jahre danach bin ich dann quer durch Deutschland getourt. Ich habe als Promoterin Werbung gemacht, als Motivationstrainerin und Seminarleiterin in einem Telekommunikationsunternehmen gearbeitet. Und ich habe für schwer erziehbare Kinder aus problematischen oder finanziell schwachen Elternhäusern Unternehmungen in den Sommerferien organisiert und Zeit mit ihnen verbracht. Das hatte auch mit Frau Pfannkuch zu tun. Ihre Worte hatten mir Mut gemacht, also wollte ich diesen Geschöpfen mehr Selbstvertrauen schenken.

Die jungen Menschen haben soviel Power!

Nach eineinhalb Jahren fragte mich mein Vater, warum ich denn nicht mehr zur Schule ginge. Ich sagte: „Papa, ich habe längst das Abitur!“ – „Warum machst du dann nichts Anständiges?“, wollte er wissen. Erst daraufhin fing ich an zu studieren. Lehrerin bin ich eher zufällig geworden, durch ein Praktikum im Spanischstudium. Als ich vor der Klasse stand, wusste ich: Das ist mein Platz – es fühlt sich gut und richtig an! Die jungen Menschen haben so viel Power!

Heute sagen die Schüler, ich sei streng, aber auch lustig. Ich stelle das, was sie lernen sollen, manchmal komödiantisch dar – wie eine Art „Stand-up-“ oder eine „One-(wo-)man-show“. Streng sein, das bedeutet nach dem Empfinden meiner Schüler, dass ich überprüfe, was sie machen und dass ich einiges von ihnen verlange – weil ich denke, dass sie mehr können, als sie sich vorstellen oder als ihnen zugetraut wird. So bin ich vor allem bei den Jüngeren. Im Nachhinein sind sie ganz froh darüber. Später, wenn sie älter sind, verschieben sich die ­Interessen mehr ins Private. Dann zählt das ökonomische Prinzip: wenig investieren und viel erreichen. Das ist auch richtig so. Feiern, Zeit mit Freunden verbringen, die erste Liebe – das ist für die Entwicklung genauso wichtig wie die Schule. Das Leben kennenlernen, die eigenen Grenzen ausreizen und anderen Grenzen setzen – das schafft Einsichten, die es in der Schule nicht unbedingt gibt.

Jeder Schüler hat etwas zu sagen!

In Offenbach, wo ich unterrichte, gibt es viele Kinder, die keine deutschen Wurzeln haben. Aber die Nationalität ist mir vollkommen egal. Was mir wichtig ist, hat bis heute mit Frau Pfannkuch zu tun: an meine Schüler zu glauben, ihre Ängste zu nehmen. So lernen sie, unangenehme Situationen aus­zuhalten und ihr Potenzial auszuschöpfen. Wenn Schüler meinen, dass ich mal wieder zu viel fordere, sage ich: „Ihr seid wie Rohdiamanten: wertvoll und einzigartig! Ihr werdet sehen, was in euch steckt!“ Und wenn ich merke, dass jemand vom Wesen her eher schüchtern ist, empfehle ich ihm, seinen Satz doch anzufangen mit: „Ich möchte jetzt einfach mal laut denken...“ oder mit: „Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass...“ Das gibt ein anderes Selbstvertrauen, weil dann nichts Perfektes oder Richtiges kommen muss.

Und zu sagen hat jeder Schüler etwas.

Ayla Tepe unterrichtet Spanisch, Wirtschaft und Politik an der Leibnizschule in Offenbach 

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Und was erlebten die chrismon-Redakteure? Hier schreiben sie über ihre Liebglingslehrerzitate

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Edzard Reuter über seine Lehrerin Frau Kudret:

Kein Satz, eine Haltung: Vernunft!

Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an einen bestimmten Satz erinnern, den meine Lehrerin gesagt und der mein Leben geprägt hat. Sie gehört trotzdem zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Weil sie eine Haltung hatte, die ich als Inbegriff der Aufklärung bezeichne: sehr rational, sehr vernunftbezogen. Sie ließ erkennen, dass mit dem Wissen auch Verantwortung verbunden ist. Wer viel lernen durfte, sollte auch etwas daraus machen.

Vielleicht erinnere ich auch deshalb keinen bestimmten Satz mehr, weil diese ganze Zeit für mich ein Abenteuer war. Ich war sieben Jahre alt, als ich mit meiner Mutter 1935 in die Türkei  reiste, nach Ankara, dem Vater hinterher. Meine Eltern konnten nicht in Nazideutschland bleiben; der Vater war bereits zwei Monate lang im Konzentrationslager inhaftiert worden. Beide waren tief besorgt, was die Hitleristen in ihrer Heimat anrichten würden. Mein Vater Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, half in der Türkei beim Aufbau eines Staats- und Bildungswesens.
Ich spürte die Sorge meiner Eltern über das, was in Europa geschah. Begreifen konnte ich es aber erst viel später. Für mich zählten zwei Themen: die Spiele mit den Kindern aus der Nachbarschaft – und Frau Kudret! Sie stammte aus Augs­burg, wo sie 1895 geboren worden war. Sie hatte Mathematik und Physik studiert; später noch Germanistik und, in Paris, Romanistik. Nach ihrer Heirat im Jahre 1921 war sie zum ­Islam übergetreten und hatte anstelle von Doris einen türkischen Vornamen angenommen. Frau Leyla Kudret Erkönen. Ihre äußere Erscheinung war stets makellos. Sie hatte rote Haare, war von schlanker Statur und immer mit einem Gefühl für unaufdringliche Eleganz gekleidet.

Diese eine Frau hat uns alles beigebracht

Ich kann es mir heute fast selbst nicht mehr vorstellen: Diese eine Frau unterrichtete den gesamten Stoff, den ich bis zu meinem Abitur brauchte. Angefangen von den naturwissen­schaftlichen Fächern bis hin zur Mathematik. Dazu kamen die Sprachen, Latein, Französisch, Englisch, Deutsch und Türkisch. Geschichte und Geografie auch.
Wir hatten keine Schulbücher. Frau Kudret trug mündlich vor, alles! Dabei saßen wir an einer Art Esstisch. Es gab keine große Klasse. In der Regel waren wir sechs Schüler, selten mehr – und sicher keine 30 Kinder, was ein riesiger Unterschied zu den heutigen Zeiten ist. Wenn Frau Kudret erzählte, machten wir uns Notizen. Hinterher mussten wir alles sauber übertragen, diese Reinschriften sah sie sich anderntags an. Das hat mir sehr geholfen: Das ganze Wissen ging mir durch Kopf und Finger. Einige der Schulhefte habe ich heute noch.

Im Kern lebten 30 Immigrantenfamilien in Ankara. Viele Kinder hatten bei Frau Kudret Unterricht. Neulich war ein Freund aus Berkeley in Kalifornien bei uns, der seine Kindheit und Jugend ebenfalls in Ankara verbracht hatte. Er erinnert sich genauso begeistert wie ich an „die Ku“. Dazu muss ich sagen, dass wir ihren Namen natürlich so abkürzten – Kudret, „die Ku“. Aber das war immer von Respekt getragen. Nie machten wir uns lustig, dazu war ihre Autorität zu groß, die aus ihrem Wissen und ihrer ganzen Erscheinung her rührte.

Einen erhobenen Zeigefinger? Das gab es bei der "Ku" nicht

Wie meine Eltern gehörte Frau Kudret zu den Menschen, die mich nie so erzogen, dass ich die Dinge in einer bestimmten Weise anzupacken hätte – etwa, dass mein Jugendzimmer so oder so aufzuräumen wäre. Einen erhobenen Zeigefinger, einen Rohrstock gar – das gab es bei Frau Kudret nie. Sie verstand uns als Mitarbeitende und vertraute uns. Dieser intensive Unterricht ist ein Geschenk aus dieser schwierigen Zeit. Dass ich ein neugieriger Mensch wurde – das ist auch ein Verdienst von Frau Kudret. Die Eltern erlebten jeden Tag, wie ich dazulernte. Ich war ein begeisterter Schüler.

1946 kehrten wir nach Deutschland zurück. Ich habe „die Ku“ noch einmal wiedergesehen. Da war sie schon deutlich über 90 Jahre alt. Bei ihr war eingebrochen und sie war niedergeschlagen worden. Trotz des Überfalls saß sie zu Hause in ihrem Haus, ganz aufrecht. Nur älter, im Grunde aber unverändert. Sie wusste genau Bescheid. Sie gab auch noch Unterricht an der Ernst-Reuter-Schule, der Deutschen Schule in Ankara.
1992 ist sie gestorben. An der Schule erinnert eine Tafel an sie, den Text durfte ich entwerfen:

„Tief verwurzelt in europäischer Kultur, hat ihre einzig­artige Persönlichkeit, verbunden mit umfassendem Wissen und Können, über lange Jahre hinweg unzählige junge Menschen vielfältigen Herkommens für ihr weiteres Leben vor­bereitet und geprägt.“

Ich glaube, etwas Besseres kann man über eine Lehrerin nicht sagen.

Edzard Reuter war von 1987 bis 1995 Vorstands­­vorsitzender von Daimler-Benz

 

 

Religionslehrer Herr Adams zu Norbert Wilden:

"Solch einen Scheiß hab ich ja noch nie gehört!"

Mein Religionslehrer war ein Priester, ein kantiger Mann mit Händen wie Klodeckel, der stets ein offenes Ohr für uns hatte. Keiner Frage wich Herr Adams jemals aus, und so war er im Unterschied zu anderen Lehrern ein beliebter Mann. Sein Unterricht begann stets mit unseren Fragen, die wir schon eifrig in der Pause sammelten und die bisweilen zu einer ganzen Fragestunde führten.

An einem Tag – es war wohl noch in der Sexta – fragte er etwa, wer denn etwas über den Tod Mariens wisse. Wahrscheinlicher ist es aber, dass er uns im Zusammenhang unserer Fragen nach Wundern und Himmelsfahrten bedeutete, dass man sehr wenig wirklich wisse über Dinge, die man so gemeinhin glaube. Ich aber – bewegt von den bilderreichen Geschichten meiner tiefgläubigen Mutter – meldete mich unüberhörbar laut, widersprach ihm und erzählte, wie Maria auf eine Wolke gestiegen sei und anschließend ein Strauß Rosen auf ihrem Bett gelegen habe.

Ein Lehrer, der es verstand, das Denken in uns zu wecken

„Solch einen Scheiß hab ich ja noch nie gehört!“, fertigte er mich barsch ab, und nachhaltig verstört nahm ich wieder Platz – und meiner Mutter übel. Maria war fortan nicht mehr sehr populär bei mir, wohl aber die Auslegungen des Herrn Adams, die uns mit offenem Mund staunen ließen. Er erklärte uns zwei Jahre später auch, dass der Kirchenbau natürlich das Kreuz imitiere, der Glockenturm und das Schiff aber doch überdeutlich an das männliche Geschlecht erinnerten. Seine Analogien zu den gotischen Fenstern vermochte ich damals nicht wirklich nachzuvollziehen. Aber er verstand es, in uns ein Denken zu wecken, das – ohne dass wir über die Begriffe verfügt hätten – fortan streng zwischen Schein und Sein unterschied und nichts so spannend fand wie Interpretationen, die an dem ansetzten, was uns wirklich bewegte.

Wie es der Zufall wollte, habe ich Herrn Adams Jahre später wieder in Paris im Musée Rodin getroffen, wo wir beide vor der Plastik der Liebenden standen. Ich erinnerte ihn daran, dass er auch in uns nachhaltig das Interesse an der Liebe geweckt habe. „Nicht nur in Ihnen“, erklärte er, der mittlerweile mit einer Deutschlehrerin verheiratet und aus dem Priesteramt geschieden war.

Norbert Wilden ist Lehrer für Deutsch und audiovisuelle Medien in Frankfurt am Main

 

 

Förderschullehrer Herr Müllenbach zu Maiiko Conradi:

"Hört nicht drauf, wenn andere euch für dumm halten"

Mein Lieblingslehrer ist Rudi Müllenbach. Er ist immer noch Lehrer an der Förderschule Brabeckschule in Iserlohn-Letmathe. Ich habe ihn kennengelernt, als ich von der Grundschule in der fünften Klasse auf die Förderschule wechselte. Seit zwei Jahren bin ich nicht mehr auf der Schule. Rudi Müllenbach ist witzig, versprüht gute Laune, kann gut Gitarre spielen und ist der verdammt coole Rocksänger der Band Paul Meier Kombo.
Man sagt ja eigentlich, aus Förderschülern wird nichts, weil sie keinen richtigen Abschluss haben und weil sie nicht wissen, wie das Berufsleben wirklich aussieht. Viele halten Förderschüler auch einfach für dumm. Rudi Müllenbach gab uns Schülern immer Mut, auch weil er wusste, dass es solche Vorurteile gibt.

Er ging auf die Vorurteile ein und sagte uns immer wieder, dass wir nicht dumm sind, dass wir arbeiten können und das wir nicht drauf hören sollten, was andere Menschen sagen. In mir hat er die Liebe zum Eishockey entfacht. Er hat mir mal eine Karte für die Pressekonferenz vom Eis­hockeyclub Iserlohn Roosters geschenkt. Da habe ich mich richtig stolz gefühlt und nicht wie ein dummer kleiner Förderschüler. Rudi Müllenbach ist als einziger Lehrer zu meinem 18. Geburtstag gekommen. Er ruft mich immer noch an, wenn meine ehemalige Schule ein Schulfest veranstaltet, und lädt mich ein. In der Schule hat er immer viel mit uns unternommen, weil er meinte, dass wir, nur weil wir auf der Förderschule sind, uns nicht verstecken sollten. Wir würden wie alle Jugendlichen dazugehören. Mit unserer Zeitungsgruppe ist er zu einer Gerichtsverhandlung gefahren und mit meiner Klasse zum Abschied nach Norderney. Wenn mich früher die Großen in der Schule geärgert haben, ist Rudi Müllenbach immer gekommen und hat mich beschützt und die Jugendlichen verjagt.

Er kann es nicht leiden, wenn jemand denkt: 'Ich bin zu nichts zu gebrauchen'

Ich glaube, Rudi Müllenbach wird sehr traurig sein, wenn er kein Lehrer mehr ist, aber auch wenn er nicht mehr im Eisstadion moderieren darf. Ihn macht es traurig und wütend, wenn seine Schüler einfach so das Praktikum oder die Ausbildung aufgeben. Er kann es nicht leiden, wenn Jugendliche sagen, dass sie zu nichts zu gebrauchen sind und nichts können. Er möchte, dass seine Schüler für ihr Leben kämpfen, auch wenn er weiß, dass wir es in unserem Leben nicht so einfach haben wie andere junge Leute. Er ist ja auch selbst ein Kämpfer. Er kämpft für uns. Deshalb kämpfe ich auch, immer noch.

Man kann Rudi Müllenbach eine Freude mit einer Fri­ka­delle und einem frisch gezapften Pils vom Gasthof Denninger machen. Beides verputzt er dann zusammen mit Klaus Denninger am Tresen, und sie denken dabei laut über das Leben nach. Am meisten freut er sich, wenn seine Schüler trotz aller schlechten Bedingungen ihr Leben meistern.

Ich finde, dass Rudi Müllenbach ein hochmotivierter Lehrer ist, der mit vollem Elan hinter seinem Beruf steht. Ich wünsche mir, dass er mit seiner Band endlich mal einen ­Nummer-eins-Hit landet, er seinen Ruhrpottkrimi veröffentlicht bekommt. Und allen anderen Jugendlichen wünsche ich, dass sie auch einen so tollen Menschen und Lehrer ­treffen.

Maiiko Conradi arbeitet als Fachkraft im Gastgewerbe

 

Helga Breuningers Lehrer Herr Pfitzenmeier zu ihrer Mutter:

"Frau Breuninger, was isst denn die Helga gern?"

Meine Eltern haben beide viel gearbeitet. Meine Bezugsperson war meine Erzieherin. Sie hatte eine Anstellung bei meinen Eltern. Kurz vor meiner Einschulung zog sie fort, weil sie geheiratet hatte. Das war ein Trauma für mich. Sie war meine Ersatzmutter.

In die Schule kam ich wie eine Heimatlose. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Kinder heute ähnlich geht: wenn die Eltern sich streiten, wenn sie krank werden, ihre Arbeit verlieren. Ich kam pünktlich zur Schule, setzte mich hin, störte nicht und ging wieder. Meine Leistungen waren katastrophal. Ich machte keine Hausaufgaben, nichts.

Es dauerte eine Weile, bis meine Mutter unruhig wurde, aber dann ist sie mit mir zum Lehrer, zu Herrn Pfitzenmeier. Meine Mutter, eine kleine Frau, saß ganz gerade in ihrem Stuhl und empörte sich.
„Die beiden Geschwister machten von Anfang an Schularbeiten! Warum liest Helga nicht, warum schreibt sie nicht?“
Ich saß zwischen meiner Mutter und Herrn Pfitzenmeier. Er lehnte sich zurück, holte tief Luft und sagte langsam, klar und sehr bestimmt:
„Frau Breuninger, ich habe mit ihrer Tochter vier Jahre Zeit in der Grundschule. Und in diesen vier Jahren wird Helga alles lernen, was es zu lernen gilt.“

Er war ein Verbündeter, kein Richter

Er sah mich freundlich an. Wie eine Verbündete, obwohl ich mich wie in einem Tribunal fühlte. Plötzlich sagte er: „Frau Breuninger, was isst denn die Helga gern?“
Meine Mutter war irritiert. „Was sie gern isst? Im Gegensatz zu ihren Geschwistern isst sie gern Spinat mit Spiegelei.“

Wer fragt, der führt. Herr Pfitzenmeier hatte den Kontext gewechselt, weg von den Vorwürfen, dass ich nichts lerne. Er sagte: „Gehen Sie nach Hause, kochen Sie Spinat, denn es ist sehr wichtig, dass Ihre Tochter sich zu Hause wohlfühlt. Alles andere, Frau Breuninger, überlassen Sie mir!“
Am nächsten Tag in der Schule sagte Herr Pfitzenmeier. „Die Helga, die kann Geige spielen, wollen wir sie nicht mal bitten, dass sie uns morgen was vorspielt?“

Der Sprung in die Keksdose

Alle waren begeistert. Und ich durfte den Sprung in die Keksdose tun – so nannte Herr Pfitzenmeier es, wenn sich jemand nach einer guten Leistung eine Belohnung verdient hatte. Ich hatte etwas geleistet!

Bald danach ergab sich ein Gespräch zwischen Herrn Pfitzen­meier und mir. „Helga, du kannst so toll Geige spielen. Ich bin ganz sicher, du kannst genauso toll lesen, rechnen und schreiben lernen – sollen wir das nicht mal gemeinsam angehen?“ Das war eine Einladung! Er bestrafte mich nicht, er ermahnte mich nicht – er machte ein Angebot. Ich weinte und sagte, dass ich mir das nicht zutraue und ich diese Buchstaben nicht lesen könne. Heute weiß ich, dass ich eine ­typische Legasthenikerin gewesen sein muss. Ich konnte aber die Buchstaben visuell nicht unterscheiden: d und p, q und p? Für mich waren das Dinger mit einem Stecken dran.

Herr Pfitzenmeier fing an, mit Häufigkeitswörtern zu ar­beiten. Zum Beispiel „man“ und „und“. Die schrieb er mir vor, ich schrieb sie ab, so automatisierte ich die Worte mit meiner Motorik. Die häufigsten Grundschatzwörter – 150 sind in der Grundschule wichtig – lernte ich auf diese Weise. Die Klassen damals waren voll, aber Herr Pfitzenmeier nahm sich für viele Wochen Zeit und hängte nach dem Unterricht eine halbe Stunde mit mir dran. Er brachte ein ­Plakat mit, auf das er ein Wort schrieb. Das schrieb ich ab und schenkte das Plakat meiner Mutter. Sie freute sich, das brachte uns einander näher.

Er konnte klare Ansagen machen, war aber nicht autoritär

Herr Pfitzenmeier war nicht autoritär. Er war immer freundlich und geduldig. Er konnte klare Ansagen machen, er war eine Autorität. Ich bin in seiner Anwesenheit gewachsen. Schreiben, lesen, rechnen – ich wollte das auch für ihn können, er hatte so stark an mich geglaubt, dass ich ihn nicht enttäuschen wollte. Er liebte seinen Beruf, er liebte seine ­Kinder. Das war sein Sinn im Leben: jungen Menschen die Freude an der Kultur beibringen. Ich lernte langsamer als die anderen, ich war auch nicht immer die Beste. Bei Kindern, wie ich eines war, wachsen sich Entwicklungsverzögerungen in der Pubertät raus. Meine Promotion in Psychologie habe ich „summa cum laude“ abgeschlossen. Das Wichtigste ist: der Glaube an die Kinder. Herr Pfitzenmeier war das Grundvorbild von dem, was ich heute in meiner Arbeit für meine Bildungsstiftung „ermutigendes Abwarten“ nenne. Druck und Angst blockieren das Lernen.

Dazu gehört auch: Die Lehrer müssen sich entscheiden. Wollen sie Opfer oder Meister sein? Wer sich entscheidet, ein Opfer zu sein, kommt da nicht mehr raus. Die Kinder spüren das. Ein guter Lehrer nimmt die Kinder so, wie sie sind. Wer sich als Opfer der Schüler sieht, ist ein Getriebener.
Tritt ein Schüler einen Käfer tot, dann beschämt der ­gute Lehrer das Kind – und nimmt es hinterher in den Arm und tröstet es, weil es gerade gelernt hat, dass man so etwas nicht macht.

Helga Breuninger ist Stifterin und Unternehmensberaterin

Information

Ein Satz und seine Geschichte – und hier verraten Mitarbeiter der chrismon-Redaktion, welcher Lehrerausspruch sie bis heute begleitet

Lesermeinungen

Hier werden endlich einmal positive Erfahrungen mit Lehrern/Lehrerinnen der Öffentlichkeit präsentiert; der Wert dieser Veröffentlichung wird noch dadurch gesteigert, dass es sich bei den Persönlichkeiten um Lehrer einer vergangenen Generation handelt, Lehrern, die so häufig in den Medien des Versagens beschuldigt werden.

Das Titelthema spielt den Ball in eine sehr wichtige Richtung. Denn ein gutes Bildungswesen zeichnet mehr als alles andere ein positives Menschenbild aus, das jedes Kind so akzeptiert, wie es ist, und ihm genügend Selbstbewusstsein für die Verwirklichung seiner Lebensträume gibt. Weswegen die angeführten Beispiele sehr viel Mut machen, dass sich in Deutschland, wo man sehr oft eher bevorzugt, lernschwache Kinder auszusortieren, und ihnen so im schlimmsten Fall das Gefühl zu vermitteln, Verlierer zu sein, wirklich etwas ändert. Wobei die Repräsentanten der evangelischen Kirche gut daran tun, sich stärker einzumischen und der Politik ruhig ein wenig mehr auf die Sprünge zu helfen. Da zu viele Bundesländer immer noch auf eine Art des Unterrichtes setzen, die nicht wenige Schüler an sich selbst (ver-)zweifeln lässt!

 

Auch ich habe (nur) meinem damaligen Lehrer zu verdanken, was beruflich später aus mir geworden ist.

Aus einfachsten Verhältnissen kommend, war es Ende der 50er Jahre trotz guter Leistungen fast selbstverständlich, nicht auf eine höhere Schule zu wechseln, noch dazu, weil mein Vater strikt dagegen war. Folglich blieb ich bis zum Schluss an der Volksschule. Aber dann setzte sich mein Klassenlehrer bei meinen Eltern vehement für mich ein, so dass ich nicht nur die Mittlere Reife, sondern auch noch das Abitur nachholte. Mich motivierte er mit den Worten: „Dir traue ich das zu!“ Und so wurde später aus mir ein begeisterter Lehrer für Deutsch und Geschichte. Mein damaliger Lehrer war immer „stolz“ auf mich. Er ist inzwischen fast 90 Jahre alt.

Liebe Chrismon Redaktion!

Sicherlich kommt es vor, daß Religionslehrer Zehnjährigen Kinderfrömmigkeit und Vertrauen zu den Eltern zerstören, daß sie religiöse Kunst mittels sexueller Symbolik "interessant" machen, "Schein und Sein" so belegen daß die Schüler an dem, was sie "wirklich bewegte", hängenbleiben dürfen, - und all dies, weil dieser Lehrer selbst seiner Mission (als katholischer Priester) nicht gewachsen war. Und sicherlich kann solche Belehrung so gut funktionieren, daß die Schüler über den Verrat an dieser Mission niemals ins Nachdenken geraten.

Aber muß eine evangelische Zeitschrift sowas mit groß-Portrait akklamieren? Ich verstehe, daß Protestanten nichts für den Zwangs-Zölibat übrig haben, - wir Orthodoxen auch nicht. Aber eine solche Untreue gegenüber dem Arbeitgeber, auf Kosten der Anvertrauten, - kann man die so locker neben den anderen Vorbildgeschichten stehen lassen?

Vielleicht haben Sie nur auf Leserbriefe gewartet.

Nu, hier ist einer.

 

 

Muss man sowas abdrucken? Wem hilft das?
Natürlich hat man dem Schüler ein Märchen erzählt, das keiner glaubt. Aber mich schaudert bei der Art der Ausdrucksweise dieses Lehrers. Die Ausdrucksweise eines Lehrers sollte doch vorbildlich sein - oder? Man kann die Kinder auch anders zum Denken bringen. Oder konnte der keine qualifizierte Sprache? Und wenn jemandem beim Anblick eines Kirchturms zuerst ein Phallus einfällt, dann hat er seinen Beruf als Priester sicher verfehlt. Das hat er anscheinend auch eingesehen und selbst die Konsequenzen gezogen.

Gerne habe ich den Artikel über Frau Pfannkuch und die anderen Lehrer gelesen. Nun möchte ich Ihnen den Spruch schicken, den meine Deutschlehrerin im Abitur zu mir gesagt hat: "Fräulein Schwarze! Machen Sie in Ihrem Leben nichts, was mit Sprache zu tun hat. Sie können sich weder mündlich noch schriftlich adäquat ausdrücken!"
Wie gut, dass ich nicht auf sie gehört habe, denn im nächsten Monat gebe ich mein Manuskript für mein 8. Buch ab, ein Fachbuch für die Seniorenarbeit, das im Güterloher Verlagshaus erscheinen wird.
Mit freundlichen Grüßen
Rita Kusch, geborene Schwarze

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