Wie geht es euch?

Wie geht es euch?
In der Coronakrise können wir uns nicht so oft begegnen, wie wir wollen. Neue Menschen kennenlernen? Das muss warten. Darum wollen wir wissen, wie es Ihnen geht. Es kann helfen, wenn wir sehen: Auch andere Menschen machen sich Gedanken, haben Angst, aber auch Hoffnung. Sie erleben schöne Dinge, an denen sie uns teilhaben lassen. Und haben Frust und Ärger, klar - den erleben wir alle in der Krise. Also: Wie geht es Ihnen gerade? Klicken Sie auf den Mitmach-Link, tragen sich in das Formular ein und schreiben uns, was Ihnen gerade durch Kopf und Herz geht. Den Anfang machen wir, die chrismon-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Machen Sie mit, lesen Sie mit. Sie sind nicht allein!
Bernd Steinheimer
55
Hamburg

Ich bin Bernd Steinheimer, 55 Jahre alt, verheiratet. Ich wohne in Hamburg und arbeite in einem kleinen Jobcenter im Umland von Hamburg. Dies ist für die Unterscheidung, wie es mir geht, von Bedeutung… denn beruflich ist dies sie seltsamste Zeit meines Lebens. Bislang war das Ungewöhnlichste der Mauerfall. Damals war Ungläubigkeit, Staunen, Freude, aber auch das Gefühl, etwas Einmaligem und Großartigen als Zeitzeuge beizuwohnen.

Dieses Gefühl ist jetzt schon auch da, nur leider weniger positiv eingefärbt. Ich bin seit fast 35 Jahren in der öffentlichen Arbeitsvermittlung tätig, vom alten Arbeitsamt über die „Agentur für Arbeit“ bis zum Jobcenter. Nie hatten wir auch nur einen Arbeitstag geschlossen: an keinem Brückentag oder sonst wie, und bei Personalversammlung oder ähnlichen Veranstaltungen war immer für eine Notbesetzung gesorgt und das Haus geöffnet. Keine Schließung in 35 Jahren! Und nun… seit über einer Woche sind alle Agenturen und Jobcenter geschlossen. Und ich kann nur sagen: das fühlt sich, ja, irgendwie falsch an. Es passt nicht. Ein Jobcenter ohne Kunden, ohne Ratsuchende, das ist… irgendwie nicht das, was ich will. Tatsächlich, die Kunden fehlen mir und meinen Kollegen. Ein paar Tage war das noch ganz originell, aber längere Zeit ist es einfach nicht richtig. Wer im Jobcenter arbeitet, arbeitet mit Menschen und weiß das auch. 

Vond hoffe ich sehr, dass bald wieder Normalität einkehrt. Beunruhigend sind im Übrigen aktuell die massiv ansteigenden schriftlichen Anträge auf Alg2 von Selbständigen, denen die Aufträge weggebrochen sind. Ich hoffe sehr, dass diese Menschen unsere Hilfe nur für wenige Monate benötigen werden.

Nebend derArbeit sieht es im privaten Umfeld ein wenig anders aus. Natürlich fühlt sich das Leben auch hier seltsam an; so viel zu Hause nach Feierabend, kein Lokal geöffnet, keine Freunde zu Besuch oder zu besuchen. Andererseits: ich gestehe, dass mich das Fehlen vieler Hamburger „Events“ überhaupt nicht stört, im Gegenteil. Massenveranstaltungen wie Hafengeburtstag, Marathon, Triathlon, Harley Days und Ich-weiß-nicht-was-Alstervergnügen können meinerseits dauerhaft unterbleiben. Brauch ich nicht und spart sicher eine Menge CO²… ja, das ist ein wenig böse, aber da stehe ich zu. Mich trifft da sehr viel mehr, dass sämtliche Theater, die Staatsoper, Elbphilharmonie und Museen geschlossen sind. Zwei seit langem gebuchte Opern und das letzte Abo Konzert in der „Elphi“ sind gestrichen. Sehr schade, aber nicht zu ändern.

Füreine begrenzte Zeit ist das alles auszuhalten. Ich lese jetzt mehr und auch der Fernseher läuft länger als gewöhnlich. Wenn es das Wetter zulässt, wird der Balkon genutzt. Und abends darf es auch mal ein Glas Wein oder ein Whisky sein, zusammen mit meiner Frau. Das Leben geht weiter. Ich weiß, dass ich in einem privilegierten Land lebe. Ich habe Arbeit, die ich gerne mache, bin einigermaßen gesund. 

Es geht mir gut, Danke.

Ursula Ott
56
Köln

Wir haben gestern beschlossen, dass in unserer Familie immer nur einer besorgt sein soll, die anderen müssen Zuversicht verbreiten. Sonst drehen wir hier durch. Ich kenne das System aus meiner Studentinnen-WG, 30 Jahre ist es her. Da bastelte Martina, die Künstlerin, aus Pappe eine Art Uhr mit fünf Schweinchen und einem Zeiger. Wer an dem Tag das ärmste Schwein in der WG war, durfte den Zeiger auf sich stellen. Die andern mussten sie bemitleiden. Wir reden von analogen Zeiten, das Pappding hing auf dem WG-Klo. So ähnlich wollen wir das hier in unserer Corona-Zwangs-WG halten. Wenn der Sohn, der deutlich am meisten Nachrichten konsumiert, neue Schreckensnachrichten aus Italien berichtet, sagen wir Eltern, dass in Heinsberg die Kurve abflacht. Wenn mein Mann vom Rewe kommt und sagt, die Regale sind schon wieder leer, geht einer zum Bioladen und kauft frisches Obst. Wenn ich von meiner besten Freundin, die als Physiotherapeutin eh schon wenig verdiente, höre, wie sie sich um ihre Existenz sorgt, gehen wir alle zusammen zur Pizzeria um die Ecke, die jetzt einen Ausgabeschalter hat. Morgen darf ich mal jammern. Heute hab ich den Zuversicht-Job. Hey, draußen klettert das Eichhörnchen rum wie immer. Freut euch!

Meena
Meena, Chowpatty-Beach, Mumbai

Zum Hintergrund: Meena ist die Protagonistin der chrismon-Titelgeschichte im April 2020. Fotografin Helena Schätzle (hier im Podcast) hat sie angerufen und gefragt, wie es ihr und ihrer Familie jetzt in der Corona-Krise geht. Was Meena erzählt:

"Meena weint am Telefon. Sie ist erleichtert mich zu hören. Sie liege Nachts wach und bete für Deutschland. Ihr Land sei bereits verloren. Alle Lebensmittelgeschäfte sind geschlossen, die Bank sowieso und sie wissen nicht, wann und wie sie das nächste Mal an Nahrung kommen werden. Premierminister Modi hat mit der Ausgangssperre im Land auch die komplette Nahrungsmittelkette unterbrochen. Viele sprechen davon, dass die Menschen in Indien noch vor Corona an Hunger sterben werden. Allein in Mumbai gibt es zwischen 100.000 – 200.000 obdachlose Menschen, die unter der Ausgangssperre am meisten leiden und den Schlägen der Polizei willkürlich ausgeliefert sind. Noch hat Meena's siebenköpfige Familie 2 kg Reis, ein wenig Salz und Tee. Der Chowpatty Strand ist so still, sauber und ruhig wie noch nie. Ungefähr 20 obdachlose Menschen leben nach wie vor am Strand.

Abdhulla läuft jeden morgen 3 km zu seiner Arbeit im JJ Hospital. Er arbeitet seit kurzem als Helfer im Krankenhaus. Auch dort scheint es die Ruhe vor dem Sturm zu sein, erst einen Corona Fall haben sie. Meena glaubt, dass Gott uns ein Zeichen sendet, zu viel haben wir gegeneinander gekämpft, das habe ihm nicht gefallen. Sie ist sicher, dass Gott ihre Gebete erhört, deshalb lasse die Polizei sie momentan in Ruhe. Sie versucht ihren Optimismus beizubehalten, allein schon für ihre Enkelkinder, die munter hinter ihr Fangen spielen." Am nächsten Tag schickt Meena noch ein paar Fotos vom jetzt fast leeren Strand. Sie schreibt dazu: "Andere Menschen schauen jetzt Fernseher, ich habe den größten Fernseher überhaupt. Ich sehe den Wellen zu und wie die Vögel Treffen abhalten."

Kurt Schreiner
79
Öhringen

Besuche gibt es nicht mehr. Dass meine Enkel nicht mehr kommen dürfen, tut mir richtig weh. Jede Woche habe ich mich auf die Kinder gefreut, den viereinhalbjährigen Fabian und seine zweieinhalbjährige Schwester Paulina. Man hat miteinander gespielt, und zum zehnten oder zwölften Mal musste der Opa die Geschichte von dem Eichhörnchen Elsa und dem Maulwurf Wulle vorlesen. Wenn es losging, nahm der Junge meinen Arm und legte ihn um seine Schultern. Der kleine Philosoph wusste eigentlich schon alles, was in dem Buch steht, auswendig. Die quirlige kleine Paulina lauschte neugierig, bis sie dann irgendwann ungeduldig wurde.

Einsamkeit! – Vor zehn Monaten – von einer Corona-Krise ahnte noch niemand etwas – ist meine Frau Ute gestorben. Schon lange war sie krank. Von einem hinzukommenden Unfall zu Beginn des vergangenen Jahres konnte sie sich nicht mehr erholen. Ich habe mich selbst für stabiler eingeschätzt. Aber heute weiß ich, dass ich mich getäuscht habe. Ich vermisse meine Ute sehr. Und oftmals am Tag betrachte ich ihr Bild.

Abends vor dem Einschlafen suche ich ihre Nähe, spreche mit ihr, strecke meine Hand suchend nach ihr aus. Leider antwortet sie nicht auf meine Worte. Nur einmal, zwischen Wachen und Schlafen, hörte ich, wie jemand meinen Namen sagte: „Kurt.“ Es war Utes Stimme. Einen Zweifel daran gibt es nicht. Sicher könnten Psychologen dieses Ereignis plausibel erklären. Ich war an jenem Tag jedenfalls ziemlich durcheinander.

Aber von allem nicht genug. Bald nach dem Tod meiner Frau wurde bei mir eine schleichende, tückische Erkrankung diagnostiziert. In dem Augenblick war ich sicher, dass ich das nächste halbe Jahr nicht überleben würde. Die Ärzte kämpften und sie kämpfen noch. Ich hoffe sehr, dass es ihnen gelingt, die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Ungeschehen machen können sie all das nicht. Natürlich hat das auch Folgen für die augenblickliche Situation. Als Hochrisikopatient muss ich ganz besonders auf mich achten und allen denkbaren Gefährdungen aus dem Weg gehen. Nein, das Telefon kann die Begegnungen mit Verwandten und Freunden nicht ersetzten. Vielleicht gelingt es bald, per Laptop oder Tablet miteinander - vor allem mit den Enkelkindern - zu skypen.

Um mich her ist es sehr einsam geworden. Aber das betrifft eigentlich ja alle. Ja, an die Stelle der persönlichen Begegnungen sind die rasch zahlreicher werdenden Telefongespräche getreten. Die Tochter Angelika und der Sohn Eckhard melden sich regelmäßig und erkundigen sich danach, wie es mir geht und wie ich im Alltag über die Runden komme. – Ich glaube, die Kinder machen sich Sorgen um ihren alten Vater. – Die alltägliche Versorgung gelingt ganz gut. Ein wenig habe ich inzwischen das Kochen gelernt und bin manchmal sehr stolz darauf, dass mir die Linsensuppe oder die Reibekuchen, die Bratkartoffeln oder der Salat richtig gut schmecken.

Natürlich erfahre ich auch, was meine Tochter und meinen Sohn, beide in verantwortungsvollen Positionen, bedrückt. Angelika arbeitet in einer großen Sozialeinrichtung für Behinderte. Hier ist allergrößte Vorsicht geboten, weil die Schutzbefohlenen besonders gefährdet sind. Eckhard wirkt in einer großen Baufirma. Er erlebt hautnah, wie viele Unternehmen infolge der Krise hart an den Abgrund geraten. Die Frage ist, wie lange sie noch durchhalten können.

Regelmäßig melden sich Freunde und Freundinnen am Telefon, darunter auch liebe Menschen, die ich über meine Frau kennengelernt habe. Manche bieten ihre Hilfe an und möchten etwas für mich, den betagten Senior mit zwei linken Händen, kochen. Gern würden sie auch andere Erledigung für mich übernehmen. Für diese Zeugnisse der Sympathie und der Hilfsbereitschaft bin ich sehr dankbar, auch wenn ich immer wieder sagen kann, dass ich zurzeit – noch! – ganz gut zurechtkomme. Die Krise hat eine neue, längst verschwunden geglaubte Welle der Solidarität ausgelöst.

Vor ein paar Tagen fand ich eine kleine, auf gutem Papier gedruckte Broschüre in meinem Briefkasten. Der Inhalt hat mich nachdenklich gemacht: Die tödliche Seuche ist die Strafe für unsere Sündhaftigkeit. – So steht es da. – Helfen kann nur die Rückbesinnung auf Gottvater und seinen Sohn Jesus. Was habe ich in meinem Leben verbrochen, dass ich so bestraft werden muss? Habe ich meine Kinder misshandelt und meine Frau betrogen? Habe ich mein Geld mit unlauteren, kriminellen Machenschaften verdient? Habe ich meine Nachbarn bei anderen schlecht gemacht und verleumdet?

Nun, Heilige sind wir alle nicht. Aber auch nicht so verworfen, dass wir eine so schreckliche Strafe verdienten. – Draußen erwacht die Natur. Endlich wird es nach einem Winter, der eigentlich gar keiner war, Frühling. Schon früh am Morgen zwitschern die Vögel. Im Garten sind die Schneeglöckchen und die Krokusse bereits verblüht. Aber nun leuchten die goldgelben Osterglocken und die roten, blauen, gelben und weißen Primeln.

Die Möglichkeit, der Gefangenschaft zu entfliehen, sind rar. Einen Einkaufsbummel gibt es nicht mehr, weil viele Läden geschlossen sind und weil wir Menschenansammlungen meiden müssen. Bewusst verzichte ich auf den wunderschönen Hofgarten unterhalb des Öhringer Schlossen, weil auch hier Gefahren lauern. Der gelegentliche Restaurantbesuch, Gaisburger Marsch oder Jägerschnitzel, ist unmöglich geworden.

Ein dringender Besuch in meiner Apotheke war ein Erlebnis besonderer Art. Hier wurde sichtbar, was Ausnahmezustand bedeuten kann. Die Kunden traten nur zögernd in den Laden. Die Theke war mit rot-weißem Plastikband abgesperrt. Alle Bediensteten trugen Atemmasken. Man konnte das Rezept nicht einfach über die Theke reichen. Es wurde in ein eigens dafür vorgesehenes Kunststoffkörbchen gelegt, und in diesem Körbchen wurden anschließend die gewünschten Medikamente ausgehändigt. Klar, hier geht es auch und vor allem um die Sicherheit des Apothekenpersonals.

Verstorbene werden ohne Trauergesellschaft, allenfalls im kleinsten Familienkreis in die Erde gebettet. „Der Gedenkgottesdienst findet zu einem späteren Zeitpunkt statt.“

Und so fahre ich an den langen Nachmittagen eine Dreiviertelstunde oder eine Stunde auf die Höhen des Mainhardter Waldes oder ins Kochertal, freue mich an den blendend weiß blühenden Schlehdornbüschen und dem satten Grün auf den Feldern, Wiesen und an den Straßenrändern. Auf meiner Fahrt begegne ich nur wenigen Autos. Abends ist Fernsehen angesagt. Immer wieder werden die angekündigten Programme wegen aktueller Nachrichten und Dokumentationen nach hinten verschoben. Aber dann kommt manchmal vielleicht doch etwas, das ablenkt und Freude bereitet und damit dazu verhilft, dass man vergisst und anschließend besser schlafen kann. Mein Gott, wie lange wird der Ausnahmezustand noch anhalten? Wie lange reicht meine Kraft und die vieler Millionen anderer, diese unerhörte Herausforderung zu bestehen.? – Wir werden sie überstehen. Davon bin ich fest überzeugt. Aber fürs Erste brauchen wir noch viel, viel Geduld …

Die Ansprache der Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Corona-Krise hat mich sehr beeindruckt. Vergessen ist für diesen Augenblick, dass die Regierungszeit der Kanzlerin einem raschen Ende zustrebt. Sie macht Hoffnung, ohne etwas zu versprechen, was nicht eingehalten werden kann. Zugleich aber fordert und verpflichtet sie jeden einzelnen bis hin zu den Unbelehrbaren und denjenigen, die aus der lebensbedrohlichen Krise ein Happening machen, Corona-Party. Das sind die richtigen Worte zur richtigen Zeit!

Karin Achtelstetter
Toronto
Heute ist Tag #10 zuhause; und langsam finde ich eine neue Routine - arbeiten, Zoom-Konferenzen mit meinen MitarbeiterInnen in vier Provinzen, mit meinem Vater in Deutschland sprechen, statt Fitness-Studio Training im Wohnzimmer, am Sonntag Zoom-in Gottesdienst. Ich vermeide Supermärkte und beschränke mich auf Tante Emma-Läden, ich laufe sie alle ab. Das Angebot ist beschränkt, aber die Regale sind wenigstens nicht frustrierend leer und man macht überraschende Entdeckungen: kürzlich fand ich tatsächlich ein desinfizierendes Reinigungsmittel. An der Kasse fasste der Ladenbesitzer unter den Ladentisch und zog einige Atemschutzmasken hervor, ich lehnte das Angebot freundlich ab - wie sich die Zeiten ändern: früher wurden Pornographie oder Alkohol unter dem Ladentisch verkauft, in Toronto sind es Atemschutzmasken.
Bettina Roth-Tyburski und Marcus Tyburski
Tokyo

In Tokyo empfinden wir uns als Wanderer zwischen den Welten. Wir verfolgen die Nachrichten und Ereignisse in den deutschen Medien, sorgen uns mit und um unsere Familien, Freunde und Bekannten. Gleichzeitig lesen wir die englischsprachigen Zeitungen in Japan über Japan. Wie ist die Situation in Tokyo wirklich? Kirschblüte und Sonnenschein lockt viele Menschen, die draußen unterwegs sind. Fast normales Leben trotz mancher Einschränkungen. Der Schulunterricht ist ausgesetzt. Sonntags haben wir bisher (noch) in der Kreuzkirche Gottesdienst gefeiert. Was kommt noch? Manchmal fühlen wir uns unsicher, dann wieder voll Gelassenheit und Zuversicht. In Tokyo bewegen wir uns vorsichtig ohne Angst. Die Menschen um uns herum auf der Straße und im Geschäft tun dies auch. Wir sind umgeben von Maskierten und fühlen uns dabei gut. Die grundsätzlich eher durch Distanz geprägte Kultur Japans kommt uns dabei entgegen. Gedanklich und emotional sind wir zwar zwischen den Welten unterwegs, unser Pfarrhaus in Tokyo ist aber jetzt unser bergender Rückzugsort.

Christine Holch
Frankfurt

Ausgerechnet auf meiner Terrasse, im Werkzeugregal direkt neben der Tür, hat eine Amsel ihr Nest gebaut. Die zwei Wochen, die sie brütete (und ich in Quarantäne war), traute ich mich nicht an die frische Luft, die Ämselin guckte dann immer so panisch. Aber vor fünf Tagen sind ihre vier Jungen geschlüpft, die Eltern sind im Fütterstress und haben eine Luftbrücke aufgebaut, flattern quer über die Terrasse und wieder auf die Wiese zum Würmerziehen, da kann ich auch mal ein Foto machen. Mittlerweile sind die Küken auch vorzeigbar, mit Federkielansätzen und Kopfflaum. (Anfangs waren das nur bebende Hautsäcke mit grauem Gekröse drin.) S'Lebbe geht weida.

Richard Horn
57
Berlin

Ich schreibe auch diese Woche wieder eine Predigt und mache mir Gedanken über eine Reihe von Passionsandachten. Wahrscheinlich wird aber niemand diese Worte hören, niemand diese Gebete mitsprechen. Ich spüre aber, dass es mir selbst gut tut, zu schreiben. Es macht mir Freude. Vielleicht ist es auch nur eine Möglichkeit für mich, einen Anschein von Normalität zu wahren… Denn auch für mich sind diese Wochen ungewöhnlich, beängstigend und verstörend. Ich weiß, mir geht es unglaublich gut: Ich bin gesund, ich muss mir keine Sorgen machen wegen meines Gehalts und wegen meiner Arbeitsstelle. So vielen anderen Menschen, die mir wichtig sind, geht es aber wirklich schlecht – einer ist im Krankenhaus, mehrere Freundinnen und Freunde sind in Quarantäne; andere müssen noch jeden Tag zur Arbeit und haben Angst, sich anzustecken… Für manche sieht die Zukunft kompliziert aus, weil das Einkommen wegbricht, die laufenden Kosten aber weiterhin gezahlt werden müssen. Und ich kenne einige Menschen, die schon vor Corona in prekären Verhältnissen lebten und nun leiden, weil sie in vollen Fluren und Wartezimmern von Ämtern und Behörden sitzen müssen… Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit, Gemeindeglieder anzurufen, von denen ich vermute, dass sie allein und einsam sind. Fast alle sind aber relativ gut gelaunt, werden von Nachbarn und Freunden unterstützt und leben selbst in dieser Zeit ein „normales“ Leben. Das Einzige, was fehlt, sind die Besuche der Enkelkinder… Die meisten Leute, die ich anrief, haben sich darüber gefreut, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie einsam sind. Und ich frage mich, ob ich als Pfarrer im Moment überhaupt gebraucht werde. Ich schreibe, um nicht nichts zu tun, weil ich das schwer aushalte, nicht irgendwie und irgendwo tätig zu sein. Vielleicht wäre aber genau das jetzt dran: ausschlafen, Kraft sammeln, nachdenken. Lesen, wie sonst nur im Urlaub. Wandern und meine sechs Dörfer mal zu Fuß erkunden. Beten, einmal nur für mich und nicht als Vor-Beter für eine kleine Gemeinde. Das Internet verführt dazu, sich zu betätigen: ich könnte einen Podcast in mein Mikrofon sprechen, Andachten auf Video veröffentlichen, Flugblätter und Handzettel mit Gottesdiensten „für zu Hause“ schreiben – aber ich weiß, dass meine Gemeindeglieder das nicht erreicht, dass sie es auch gar nicht brauchen. Podcasts und Online – Andachten gibt s massenhaft. Vieles, was jetzt im Internet erscheint, ist richtig, richtig gut. Meine Gemeindeglieder werden sich das trotzdem nicht ansehen. Es würde ihnen nicht nützen. Sie kommen größtenteils mit der Situation klar – anscheinend besser als ich. Father McKenzie Writing the words of a sermon that no one will hear No one comes near Look at him working Darning his socks in the night when there’s nobody there What does he care? All the lonely people Where do they all come from? All the lonely people Where do they all belong? The Beatles – Eleanor Rigby

Dieter Thomashoff
-
Mir persönlich geht es so gut wie immer. Ich frage mich nur zunehmend, wie krank die Hirne derer sein müssen, die jetzt auf die Einhaltung der sozialen Distanz und damit auf die Unantastbarkeit der Klassengesellschaft pochen. Wenn ich die einschlägigen Medizinerinnen und Mediziner richtig verstehe, hilft gegen das Covid-19-Virus doch schon die Einhaltung von 2m physischer Distanz. Wer da mit der Forderung nach Beibehaltung der sozialen Distanz auf der Angst der Menschen vor dieser Krankheit sein politisches Süppchen kocht, wäre doch sicher mal eine interessante journalistische Frage.
Cornelia Strieder
-

Ich schaue voller Sorge für unsere Kinder und Enkelkinder und auch für uns in die Zukunft. Was wird diese Krise alles mit uns machen? Werden wir unsere finanziellen Verpflichtungen erfüllen können?

Gleichzeitig glaube ich ... Du kannst niemals tiefer fallen als in Gottes Hand - dieser Satz von Margot Käsmann- hat mich auch immer ein Stück getragen. Viele einschneidende Dinge sind in meinem Leben passiert, Gott war immer an meiner Seite. Diese Zuversicht habe ich weiterhin.

Danke für eure engagierte Arbeit.

Liebe Grüsse Cornelia Strieder