Wie viele Flüchtlinge kamen 2015 wirklich nach Deutschland?

Doppelt erfasst und wieder weg
Erfassung von Fluechtlingen bei der Bundespolizei

Foto: Jochen Eckel / SZ Photo

Nach der Flucht über die Balkanroute: ­Ankunft am Bahnhof Rosenheim

Kamen 2015 wirklich über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland? Eher die Hälfte, sagt einer, der nachgerechnet hat
Deutschland spricht 2019

chrismon: Oft ist zu hören, im Jahr 2015 seien mehr als 1,1 ­Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie sagen, es seien viel weniger gewesen. Warum?

Hartmut Quehl: Das Bundesinnenministerium hat im vergangenen September 800 000 Flüchtlinge prognostiziert und die Zahl bis heute nicht korrigiert. Die 1,1 Millionen beziehen sich auf die Zahl der ­„Bescheinigungen über die Meldung als Asylsuchender“, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2015 ausgestellt hat.

Anfang des Jahres machten Sie eine Gegenrechnung. Warum?

Mir fiel die große Diskrepanz zwischen zwei Zahlen auf: den 1,1 ­Millionen „Bescheinigungen über die Meldung als Asylsuchender“ – und den 442 000 Asylanträgen, die tatsächlich eingingen.

Sie kamen auf maximal 615 000 Flüchtlinge. Kann es sein, dass Sie sich verrechnet haben?

Ich habe kein Problem damit, wenn mir das jemand nachweist. Nur müsste das erst einmal geschehen.

Dann rechnen wir mal nach. Sie sagen: Viele von denen, die eine „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender“ be­kommen haben, sind gar nicht mehr in Deutschland.

Ja, aus unterschiedlichen Gründen. Nach Angaben des BAMF wurden 18 770 Personen in das EU-Land zurückgeschickt, das sie als Erstes betreten hatten – wie es das sogenannte Dublin-Verfahren vorsieht. Außerdem wissen wir von etwa 190 000 Personen, die in Skandinavien, den Niederlanden und Großbritannien aufgenommen wurden. Sie mussten durch Deutschland reisen, und aller Wahrscheinlichkeit nach wurden sie hier auch registriert. Wir wissen auch, dass viele Flüchtlinge aus den Balkanländern abgeschoben wurden.

Leider geben nur Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz an, wie viele das bei ihnen waren: insgesamt etwa 16 000. Ich habe das auf alle Bundesländer hochgerechnet. Aus­sagen von Regierungsvertretern zufolge kommen etwa 100 000 freiwillige Rückkehrer hinzu – auch dies eine realistische Zahl: Im Oktober 2015 wurden Albanien, Montenegro und das Kosovo zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt. Von dort war bis Ende September fast die Hälfte der Flüchtlinge gekommen.

Außerdem hat man vielen Flüchtlingen mehrfach Meldungen ausgestellt. Sie rechnen mit etwa 170 000 Doppelmeldungen.

Ja, aber auch dies ist nur eine Annäherung. Man muss sich das so vorstellen: Da kommt eine Familie über die Grenze, registriert sich das erste Mal bei der Bundespolizei. Sie zieht weiter in eine Stadt, wo vielleicht ein Verwandter ist, und registriert sich da noch einmal. Dann will sie aber nach Skandinavien weiterreisen, muss in Hamburg einen Zwischenstopp machen und registriert sich da ein drittes Mal. Oft wurde der Name unterschiedlich aufgenommen. Oder die deutschen Behörden verwechselten Vor- und Vatersname – bei orientalischen Namen kommt das oft vor. Oder sie nahmen mal die englische, mal die französische Transkription. Und deshalb lässt sich eine Doppelmeldung nun nicht mehr nachvollziehen.

Sie subtrahieren all diese Zahlen von den 1,1 Millionen ausgestellten Meldebescheinigungen und kommen auf etwas mehr als 615 000 Flüchtlinge. Und dann behaupten Sie, es könnten sogar noch weniger sein. Warum?

Ich habe die Zahl der Rückgeführten und freiwillig Heimgereisten eher niedrig angesetzt. Außerdem sind ja diejenigen noch nicht erfasst, die in andere Länder weitergezogen sind. Vielleicht sind auch nur 550 000 noch in Deutschland.

Warum ist außer Ihnen niemand darauf gestoßen?

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Das BAMF und das Bundesinnenministerium wissen sicher, wie viele Flüchtlinge in den Einrichtungen sind. Derzeit laufen aber viele Planungen mit sehr hohen Zahlen. Neulich habe ich in der Bundes­agentur für Arbeit in Kassel mitbekommen, dass man auch da bei Planungen von solchen Zahlen ausgeht. Das hessische Kultusminis­terium errechnet Lehrerstellen für Seiteneinsteiger nichtdeutscher Herkunft auf dieser Basis.

In Ihrer Kleinstadt Felsberg waren 300 Flüchtlinge angekündigt worden. Am Ende kamen nur 36. Eine typische Erfahrung?

Das war landesweit so in Hessen. Nun aber werden die Außenstellen der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung geschlossen. Die Flüchtlinge kommen erst jetzt in die Gemeinden. So entsteht der falsche Eindruck, die Flüchtlingswelle höre gar nicht auf. 

Hartmut Quehl

Hartmut Quehl betreibt ein Übersetzungsbüro und ein Institut für Sprachen in Kassel. Nebenbei leitet er das „Felsberger Institut“, einen Zusammen­schluss von Sozial­wissenschaftlern, die über Sozialpolitik forschen.
Foto: PR

Information

Hier geht es zur vollständigen Studie des Felsberger Institut:

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