Netz-Kulturtipp von chrismon.de: "Sex aus Armut" (Dokumentation auf Arte)

Das Leiden der Zwangsprostituierten
Sex aus Armut

SWR

Filmszene: Zwangsprostitution in Europa. Auf einem Straßenstrich bei Bukarest in Rumänien

Sex aus Armut

Eine 13-Jährige wird von ihrem Stiefvater an einen Menschenhändler verkauft und erlebt als Prostituierte Jahre des Horrors. Einer anderen hält der Freund die Pistole an den Kopf, wenn sie sich nicht prostituiere, würde er sie umbringen und irgendwo wegwerfen. Das Arte-Reportageformat RE: zeigt unter "Sex aus Armut" brutal offen, wie es zugeht im Bordell Europas: in Deutschland, das zum Eldorado von Zuhältern und Menschenhändlern geworden ist, seitdem 2002 die Prostitution liberalisiert worden ist.

Was Arte zeigt, entspricht so gar nicht dem Bild der selbstbewussten Sexarbeiterinnen, das viele Politikerinnen und Politiker bis heute verteidigen: 400.000 Frauen arbeiteten hierzulande in der Prostitution, 90 Prozent würden dazu gezwungen. 20 bis 40 Freier müssen die Frauen aus der Sendung täglich bedienen. Unvorstellbar, dass das jemand freiwillig oder gar noch gern tut.

Arte schlägt einen Bogen von der Sozialarbeiterin Julia Wege und der Hilfsorganisation Amalie im Rotlichtviertel von Mannheim bis zum Elend in bulgarischen Dörfern, wo junge Mädchen nur zu gern auf die Versprechungen von guten Jobs in Deutschland hereinfallen. Der Gynäkologe Wolfgang Heide beschreibt, wie die Freier die Seelen dieser Frauen zerstören. Eine Änderung unseres Rechts nach skandinavischem Vorbild fordert der Mannheimer Polizeipräsident Andreas Stenger, man müsse die Freier kriminalisieren, damit die Polizei gegen sie ermitteln kann.

Barbara Schmid

Barbara Schmid, geboren in Nürnberg, ist Journalistin. Zunächst arbeitete sie u.a. für den "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Kölnische Rundschau". 1991 ging sie als Hauptstadtkorrespondentin für die "BILD am Sonntag" nach Bonn, seit 1998 arbeitet sie für den "Spiegel". 2006 war sie Sprecherin für das Kulturprogramm der Fußball-WM 2006. Sie lebt in Düsseldorf und in Ligurien. Im April 2020 ist ihr Buch "Schneewittchen und der böse König" (mvg, 16,99 Euro) erschienen. Es erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die in die Zwangsprostitution abgerutscht ist.
Anja Meyer

Hoffentlich sehen viele Politikerinnen und Politiker diesen Beitrag. In NRW und demnächst auch im Bundestag stehen Entscheidungen an, ob es so weitergehen kann mit der Ausbeutung von Frauen als Sexsklavinnen. Statt mit Zwangsprostituierten zu reden, lassen sich PolitikerInnen gern von der Sexlobby beraten. Besonders hardcore die CDU-Frauen im NRW-Landtag. "Wir müssen akzeptieren, dass Menschen sich prostituieren – sei es, weil es ihr Beruf ist; sei es, weil sie dazu gezwungen werden", erklärte Simone Wendland laut Landtagsprotokoll. Sie ist von der CDU, einer Partei, die das christlich im Namen führt.

"RE: Sex aus Armut" ist noch bis zum 3. April 2021 in der Arte-Mediathek und unbegrenzt auf Youtube zu sehen.

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