Dokumentarfilm "Pfarrer"

Die Dokumentarfilmer Chris Wright und Stefan Kolbe beobachten junge Frauen und Männer bei der Ausbildung zum Pfarrer

Picasa

Pfarrer stehen normalerweise auf der Kanzel. Oder sie drücken einem beim Verlassen der Kirche gelegentlich die Hand. Im Kinofilm gerät zuweilen ein Pfarrer durch eine Mordbeichte in einen Gewissenskonflikt. Wenn Chris Wright und Stefan Kolbe sich mit der Kamera jungen Vikaren im Predigerseminar annähern, dann ist das nicht ganz so dramatisch. Sehenswertes Kino ist den beiden dennoch gelungen. Die beiden Dokumentarfilmer haben einen visuellen Zugang zu einem Thema gefunden, bei dem es um etwas Abstraktes geht: den Glauben.

Ein Jahr beobachteten Wright & Kolbe junge Frauen und Männer während der Endphase ihrer Ausbildung zum evangelischen Pfarrer. Das Predigerseminar liegt in der Lutherstadt Wittenberg, einst Zentrum der Reformation. Heute leben hier fast 80 Prozent Ungläubige. Auch die Filmemacher geben sich als Atheisten zu erkennen. Die dokumentarische Beobachtung wird so zu einer Herausforderung der Protagonisten, die den Zuschauer teilhaben lässt. Der filmische Prozess bleibt nicht außen vor. Wenn die Kamera langsam im Kreis herumfährt, dann rücken die beiden Regisseure ihre Position als Beobachter und Fragensteller mit ins Bild.

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Diese wechselseitige Annäherung ist ertragreich. Wenn eine junge Frau beim Erteilen des Segens ein hartnäckiges Blackout hat, dann wird deutlich, dass noch kein Pastor vom Himmel gefallen ist. Mit solchen Beobachtungen beim Erlernen des religiösen Handwerkszeugs ist der Film aber noch in der Aufwärmphase. Wright & Kolbe nehmen sich Zeit, um den angehenden Priestern zuzuhören. Dabei entsteht eine meditative Nähe. Es ist verblüffend, mit welcher Bereitwilligkeit sich diese jungen Menschen Fragen nach Tod und Krankheit aussetzen, von denen sie nicht selten auch betroffen sind. »Seit ich zehn bin, habe ich Diabetes, und mit 16 hatte ich Krebs«, sagt eine Pastorentochter. Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: »Damit kann ich bei Senioren punkten.«

Spürbar wird, dass die Vermittlung von Glauben eine eigentümliche Form von Berufung voraussetzt. Formelhaften Begriffen wie »Gott« und »Sinn des Lebens« muss jeder angehende Priester auf seine jeweils eigene Weise Bedeutung verleihen. Der Film beobachtet eine moderne Form von Initiationsritus. Für dieses tastende Suchen haben Wright & Kolbe viel Gespür. Man lernt in ihrem Film Menschen kennen, die sich nicht hinter Autoritäten und Formeln verstecken. Bei der gewissenhaften Auseinandersetzung mit ihrer Mission gibt es keinen doppelten Boden. Woody Allen würde sagen, dass bei der Metaphysikklausur nicht geschummelt werden darf. Man beginnt zu ahnen, dass der Film deswegen so gut funktioniert, weil zwischen der Kamera und der Leidenschaft zur Introspektion eine gewisse Beziehung besteht. Diese permanente Infragestellung kann auch sehr problematisch werden. Ein überraschender Epilog dokumentiert den unsteten Weg eines angehenden Pfarrers, der nach einem Zusammenbruch für einige Zeit in die Psychiatrie musste (epd-Film).

Deutschland 2014. Filmstart in Deutschland: 10.04.2014. R: Chris Wright, Stefan Kolbe. P: Heino Deckert. Musik: Tobias Hume, Andrea Falconiero, This Will Destroy You, Pinoreks. V: Salzgeber. L: 90 Min. FSK: keine Beschränkung.

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