Redaktionstipps: Stadt und Land in Film und Serie

Von mörderischen Tälern und korrupten Bürgermeistern
Tipps aus der Redaktion

complize / photocase

Tipps aus der Redaktion

Die chrismon-Redaktion hat sich überlegt, welche Stadtfilme und Dorfserien ihr in den vergangenen Jahren besonders gut gefallen haben. Empfehlungen für verregnete Sommertage.

Braunschlag (Österreich, 2012)

Worum geht's?

Das überschuldete Waldviertler Dorf Braunschlag braucht dringend ein Wunder, um Touristen anzulocken, und gerät dabei in Konflikt mit allen, vor allem mit der katholischen Kirche.

Lohnt sich, weil ...?

... man ohne diese überdrehte Serie nur halb so gut versteht, was sich im realen Österreich so abspielt zwischen St. Pölten und Ibiza-Connection.

Drehbuch: David Schalko, der auch groteske Romane wie "Bad Regina" schreibt. Besetzung: Großartige Schauspieler, unter anderem Maria Hofstätter und Nicholas Ofczarek. Gucken auf Netflix (ursprünglich ORF).

Ursula Ott

 

Marseille (Frankreich, 2016-2018)

Worum geht's?

Der dienstmüde Bürgermeister Taro (Gérard Depardieu) tritt im schmutzigen Wahlkampf noch einmal an gegen den karrieregeilen Lucas (Benoît Magimel), und irgendwie sind alle mehr oder weniger korrupt.

Lohnt sich, weil ...

... die großartigen Bilder vom Marseiller Hafen für Corona-bedingte Reisestornos an die Côte d'Azur entschädigen.

Besetzung: Meisterlich: Gérard Depardieu als Taro, Benoît Magimel, Géraldine Pailhas. Gucken: Netflix.

Ursula Ott

 

Dear My Friends (Südkorea, 2016)

Worum geht's?

Die 72-jährige Jo Hee-ja steht am Rande eines Hochhauses in Seoul. Die elegant gekleidete Seniorin überlegt, dass dies der perfekte Ort wäre, um ihr Leben zu beenden. Als sie es dann aber, anders als geplant, tatsächlich versucht, rüttelt das ihren alten Freundeskreis gehörig auf.

Die wunderbar einfühlsam erzählte Geschichte um fünf ältere Damen in und um Seoul wird aus der Perspektive der 37-jährigen Schriftstellerin Park Wan erzählt. Sie soll ihre Mutter und deren Freundinnen zum Klassentreffen in die Provinz fahren, worauf sie wenig Lust hat. Doch die Seniorinnen haben noch viel zu erzählen. Die fünf Frauen sind in der gleichen ärmlichen Nachbarschaft auf dem Land aufgewachsen, haben dieselbe Schule besucht. Doch so unterschiedlich ihre Charaktere sind, so unterschiedlich haben sich ihre Lebenswege entwickelt. Für die meisten ist ihr neuer Lebensmittelpunkt die Metropole Seoul. Sie sind oder waren verheiratet, geschieden, verwitwet oder ledig, haben schwere Krankheiten überstanden, Todesfälle überwunden. Nur eines ist immer gleich geblieben: ihre bedingungslose Liebe, Hingabe und Hilfsbereitschaft füreinander.

Lohnt sich, weil ...?

... die Serie mit dem Fokus auf 60- bis 80-Jährige auch jüngeres Publikum packt. Der Erzählstil ist unaufgeregt, jedoch nie ohne Spannung. Man fiebert mit, als Jo Hee-ja und ihre beste Freundin Moon Jung-ah einen vermeintlich tödlichen Verkehrsunfall zu vertuschen versuchen. Tränen fließen, als sich herausstellt, dass Jo Hee-ja an Demenz erkrankt ist und in ihre Traumwelt abdriftet, und mit den alten Damen drückt man Park Wan die Daumen, dass sie und ihre große Liebe mit Handicap doch noch zueinanderfinden. 

Die preisgekrönte südkoreanische Dramaserie "Dear my Friends" (2016) von Drehbuchautorin No Hee-kyung hat 16 Folgen und ist mit deutschen Untertiteln bei Netflix zu sehen.

Marta Thor

 

Mord mit Aussicht (Deutschland, 2008-2014)

Worum geht's?

Großstadtpolizistin in High Heels ermittelt in Hengasch, Landkreis Liebernich, verliebt sich in den Tierarzt und spielt Big Boss für weinerliche Dorfpolizisten.

Lohnt sich, weil ...

... Bjarne Mädel, zehn Kilo schwerer als beim Tatortreiniger, einen leicht depperten, aber liebevollen Polizisten spielt.

Besetzung: Caroline Peters, Bjarne Mädel und Meike Droste. Gucken: Netflix. Demnächst in neuer Besetzung in der ARD.

Ursula Ott

 

Pregau - Mörderisches Tal (Österreich, Deutschland, 2016)

Worum geht's?

"Es wäre mit Sicherheit alles anders gekommen, wenn ich diesen einen Fehler nicht gemacht hätte. Dann wären ja niemals so viele Menschen gestorben", sagt Dorfpolizist Hannes Bucher (Maximilian Brückner) am Anfang der vierteiligen Serie "Pregau".

Der etwas neurotische Streifenpolizist ist mit seiner Familie zurück in das Heimatdorf seiner Frau gezogen, den fiktiven österreichischen Ort Pregau. Dort begeht er ziemlich bald den oben erwähnten "Fehler" und setzt eine Spirale aus Lügen, Betrug und Mord in Gang, die sich bis zum grotesken Finale unerbittlich steigert.

Lohnt sich, weil ...

... das Klischee des dysfunktionalen Familienclans im einsamen Dorf auf die Spitze getrieben wird und sich Maximilian Brückner und Armin Rohde als eigenbrötlerischer Einsiedler ein starkes Psychoduell liefern.

Erhältlich auf DVD und zum kostenpflichtigen Streamen bei Amazon Prime.

Michael Güthlein

 

Broadchurch (Großbritannien, 2013-2017)

Worum geht's?

Als der elfjährige Danny tot am Fuß der Klippe gefunden wird, auf der sein Heimatdorf Broadchurch liegt, verändert sich das Leben für nahezu alle Bewohnerinnen und Bewohner des fiktiven englischen Nests – weil Menschen so sind, wie sie sind.

Lohnt sich, weil ...?

... wahrscheinlich nie zuvor und nie danach der Einfluss eines Verbrechens auf das Zusammenleben in einer Gemeinschaft so überzeugend, bedrückend, spannend und ja, nachvollziehbar dargestellt wurde. Dazu tragen unter anderem die fantastische Olivia Colman als Dorfpolizistin und natürlich der großartige David Tennant als Ermittler von außerhalb bei. Die wunderbar konzentrierten Bilder und die kongenial fließende Musik von Ólafur Arnalds tun das Ihrige. Die FAZ schrieb anlässlich der ersten Staffel der mit Preisen überhäuften britischen Serie, sie sei "um Zillionen besser als alles, was das deutsche Fernsehen an Kriminalfilmen je zustande gebracht hat".

Die drei Staffeln der Serie aus den Jahren 2013 bis 2017 können unter anderem bei Amazon Prime Video und Apple iTunes – und natürlich auf DVD oder Blu-Ray - erworben werden.

Claudius Grigat

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