Film des Monats: Hedis Hochzeit

September 2016: Evangelische Filmjury empfiehlt
Als Film des Monats September 2016 zeichnet die Jury der Evangelischen Filmarbeit "Hedis Hochzeit" von Mohamed Ben Attia aus
i-34_hedi_14.jpg

Foto: Arselnal Filmverleih

Der Tunesier Hedi ist ein unauffälliger junger Mann. Still und schüchtern, in Krawatte und Businessanzug, fügt er sich meist nahtlos in seine Umgebung ein – zum Beispiel die Foyers der Mittelklasse-Hotels, in denen er auf seinen Reisen als ferngesteuerter Salesmanager von Peugeot logiert. Auch zuhause wird Hedi herumgeschoben wie ein Möbel. Seine energische Mutter weist ihm noch immer Taschengeld zu und ist gerade dabei, eine Ehe für ihn zu arrangieren. Dass Hedi ein Ungenügen an seiner recht privilegierten, bürgerlichen Normalität empfindet, dass vielleicht ein „westlicher“ Bohemien in ihm steckt, zeigt sich in den wilden Comics, die er in seiner Freizeit zeichnet. Und als er in einem Strandhotel die vitale Animateurin Rim kennenlernt, flackert etwas Rebellisches in ihm auf. Rim zieht es nach Frankreich, und es stellt sich die Frage: Liebt Hedi sie genug, um den Bruch mit der Familie, den Verlust des Jobs und schließlich auch seiner kulturellen Wurzeln zu riskieren?

Abrüstung im Kulturkampf

Die vor allem von gutausgebildeten, aber chancenlosen jungen Leuten getragene „Jasminrevolution“ Tunesiens von 2010/11 ist die unsichtbare Folie, auf der Mohamed Ben Attias Spielfilmdebüt „Hedis Hochzeit“ seine Geschichte entfaltet. Der Titelheld kann sich noch an die Aufbruchsstimmung dieser Jahre erinnern. Aber sein Alltag ist längst wieder von alten Zwängen geprägt: der Monotonie einer modernen Angestelltenexistenz einerseits – und einem traditionalistischen Familienmodell andererseits, das nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern emotionale Erfüllung verweigert. Spannend ist an dem Film paradoxerweise gerade die ruhige, überlegte Haltung, mit der er diese komplexe Konstellation reflektiert. Die Hysterie, mit der bei uns die arabischmuslimische Vorstellung von Maskulinität diskutiert wird, zerschellt hier an Bildern einer trunkenen Nacht am Strand oder einer entspannten Bettszene. Dieser Film ist keine Waffe im Kulturkampf – er ist ein Vorschlag zur Abrüstung.

Trailer OmU © Arsenal Filmverleih
Produktion: Nomadis Images, Tunesien, Belgien, Frankreich, Katar, Vereinigte Arabische Emirate 2016; Regie und Buch: Mohamed Ben Attia; Kamera: Frédéric Noirhomme; Schnitt: Azza Chaabouni, Ghalya Lacroix, Hafedh Laaridhi; Musik: Omar Aloulou; Darsteller: Majd Mastoura (Hedi), Rym Ben Messaoud (Rim), Sabah Bouzouita (Baya); Format: DCP, Farbe, 88 Min.; Verleih:
Arsenal Filmverleih GmbH, Hintere Grabenstr. 20, Tübingen Tel.:+49 07071 9296-0, Fax: +49 07071 9296-11, info@arsenalfilm.de, www.arsenalfilm.de

Preise: Bester Darsteller und Bester Erstlingsfilm, Berlinale 2016

Kinostart: 22. September 2016

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.