arte-Doku: "Afghanistan. Das verwundete Land"

Land ohne Hoffnung
Afghanistan. Das verwundete Land (1/4)

Dr. Bill Podlich

Afghanistan. Das verwundete Land (1/4)

Bald 20 Jahre ist es her, dass die Vereinigten Staaten und die NATO in Afghanistan einmarschiert sind. Am 15. August 2021, kurz nachdem die internationalen Truppen das zentralasiatische Land am Hindukusch verlassen haben, holen sich die Taliban die Macht zurück. Wie konnte es so weit kommen? Einen Teil der Antworten liefert die bewegte und brutale Geschichte des Landes.

Die vierteilige Arte-Dokumentation "Afghanistan. Das verwundete Land", die schon 2020 veröffentlicht wurde, beginnt in einer Zeit, als Afghanistan noch ein Königreich war, und erzählt chronologisch, was in den 60 Jahren seitdem geschehen ist. 1964 führt König Mohammed Zahir Schah eine konstitutionelle Monarchie ein. Das Land öffnet sich, Reformen werden angestoßen, Frauen erhalten Rechte. Neun Jahre lang prosperiert Afghanistan in relativem Frieden. Es gibt Modeschauen und Nachtclubs, Hippies strömen ins Land, um die riesigen Buddhastatuen von Bamiyan zu bestaunen (die 2001 von den Taliban gesprengt wurden). Vom Wandel profitiert aber vor allem die Bevölkerung in den Städten und eine kleine Elite.

Tausende werden ermordet

1973 putscht sich der Cousin des Königs, Mohammed Daoud Khan, an die Macht. Er führt ein kommunistisches Regime ein, das mit brutaler Härte gegen politische Gegner vorgeht. Tausende werden ermordet oder verschwinden. In den Jahren danach wetteifern abwechselnd Kommunisten und Islamisten um die Macht - bis 1979 die Sowjetunion einmarschiert. Doch auch die Rote Armee scheitert in Afghanistan. Bis zu ihrem Rückzug im Jahr 1989 sterben eine Million Menschen. Viele Afghanen atmen nach dem Ende der Besatzung auf, doch dann brechen Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppierungen des Landes auf.

In diesen Wirren gründet sich 1994 in Kandahar eine islamistische Bewegung, die bis heute größten Einfluss auf die jüngere Geschichte Afghanistans genommen hat: die Taliban.

Die fast vierstündige Dokumentation von Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen zeigt Archivaufnahmen aus den 1960ern und 1970ern sowie Interviews mit zum Teil prominenten afghanischen Persönlichkeiten wie Homayoun Assefi, dem Bruder der letzten Königin, Sima Samar, der ersten Frauenministerin Afghanistans und dem ehemaligen Mudschaheddin-Führer und Ministerpräsidenten Gulbuddin Hekmatyār, der auch jetzt wieder in Verhandlungen mit den Taliban steht. Aus den Bildern und Gesprächen erwächst das Bild eines geschundenen Landes, das seit Jahrzehnten unter den Interessen fremder Mächte und radikaler Gruppierungen ächzt. Dabei wird eines besonders deutlich: Die größte Leidtragende war und ist bis heute die Zivilbevölkerung Afghanistans.

Die Dokumentation ist noch bis zum 11. September 2021 in der Arte-Mediathek zu sehen.

Afghanistan. Das verwundete Land (Deutschland, 2019)

Regie: Mayte Carrasco, Marcel Mettelsiefen

Eine Koproduktion von LOOKSfilm, NDR/Arte, Aljazeera Documentary Channel, Česká televize, Format TV

Leseempfehlung

Sagte die Kabuler Café-Besitzerin Mina Rezai vor kurzem. Seitdem die Taliban in Kabul einmarschiert sind, ist der Kontakt zu ihr abgebrochen. Wie auch zur Filmemacherin Sahraa Karimi und zur Menschenrechtsaktivistin Schaharzad Akbar

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Lesermeinungen

Was war denn der Grund der fatalen Fehleinschätzung? Stammesrituale und Sitten, Clanabsolutismus und Mittelalter, ein rücksichtsloser Islam und der Hass auf alle Anderen beherrschen das Land. Von unseren "Gutmütigen" wurde geglaubt und gefordert, die Grundlagen unserer Gesellschaft, Politik und Werte in das Land zu exportieren. Hierfür wäre aber vorher oder gleichzeitig die "Umdrehung" der Kultur des Ziel-Landes notwendig gewesen. Der militärischen Annexion sollte die Umerziehung folgen. Bei uns war das ab 45 möglich, weil wir eine vergleichbare Kultur haben. Damit kann man aber Kulturen nicht ändern, die meilenweit von unserem Wertegerüst entfernt leben. Eine mit brutalen militärischen Mittel angewandt pure Naivität! Mitleid ist das höchste Gut, das wir haben. Mitleid mit sich selbst ist aber schmerzhafter als das Leid der Anderen, der Abtrünnigen, der Gegner. Ab in die Hölle mit den Ungläubigen, den unschuldigen Hexen und deren Kinder. Gnadenlos. Die Russen sind auch deshalb mit dem Export des Kommunismus weltweit (Afrika!) gescheitert, weil sie geglaubt haben, unfehlbar zu sein. Gescheitert sind ebenso die USA in Vietnam, Cuba, Irak, auf dem Balkan und jetzt kläglich in Afghanistan. Unsere "Freiheiten" und den "American Way of Live" ohne Probleme und Widerstände zu exportieren? Wo das versucht wurde, war hinterher der Boden verbrannt. Ein unerschütterliches Haus der Demokratie braucht ein geeignetes Fundament, braucht auch die Bildung, um damit umgehen zu können. Wenn das fehlt, kann man auch nicht bauen. Ist das purer Fatalismus? Wenn ja, hat uns der ab 1945 geholfen. Auf jeden Fall, jeder uns fremden Kultur mit Gewalt unsere Werte zu verordnen, kann zum Rohrkrepierer und schändlichen Rückzug werden. Das Gute ist nicht überall und unter allen Umständen besser.