Netz-Kulturtipp von chrismon.de: "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode"

Die lieben Nachbarn und der Krieg
Anna Haag: "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode

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Anna Haag: "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode

Ein Spaziergang durch die grünen und blühenden Hügel rund um Stuttgart ist zu dieser Jahreszeit sowieso eine gute Idee. Wer fürs Corona-Spazieren ein Ziel braucht: mit der U7 bis zur Haltestelle Sillenbuch, dann die Eduard-Steinle-Straße entlang zum "Anna-Haag-Platz". Man setzt sich auf eine der zwei Bänke, blickt weit auf Kirche und Weinberge und liest Auszüge aus dem Tagebuch der evangelischen Pazifistin und SPD-Landtagsabgeordneten Anna Haag, die 1982 starb. Die Metallplatten in Sillenbuch sind unlängst renoviert worden, die Buchstaben sind jetzt kohlenschwarz und gut lesbar – denn das Kriegstagebuch war lange versteckt im Kohlenkeller.

Von diesem Kohlenkeller ist viel zu lesen im jetzt neu erschienenen Buch "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode". Herausgeberin Jennifer Holleis hat sich durch 2000 Seiten Zeitungsartikel im Stuttgarter Stadtarchiv gewühlt und die 20 Tagebücher der Anna Haag neu aufgelegt. Herausgekommen sind Tagebücher, die von der FAZ gelobt wurden als ebenbürtig mit Victor Klemperer.

 Anna Haag: "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode. Tagebuch 1940-1945", Reclam, 448 Seiten, 35 Euro. Herausgegeben von Jennifer HolleisPR

Hier ein Eintrag: "Montag 23.6.41. Acht Tage lang habe ich nicht gewagt, meine Aufzeichnungen aus ihrem Versteck im Kohlenraum hervorzuholen. Mir sitzt die Gestapo im Genick (dank den lieben Nachbarinnen!). Mein guter Mann sah mich bereits im KZ; er bat, er weinte, er beschwor mich, doch klug zu sein. Nun, die schwarze Wolke zog noch einmal über mich hinweg ..."

Politisch aktiv bis ins hohe Alter

Chrismon hat immer wieder über Anna Haag berichtet, zuletzt vor zwei Jahren. Sie war witzig und zynisch – immer wieder spießte sie in ihren Tagebüchern und Kolumnen die "lieben Nachbarn" und die feine Stuttgarter Gesellschaft auf: "Im Schlossgarten-Café, als um fünf der Wehrmachtsbericht bekannt gegeben wurde. Andächtige ­Gesichter und leises, ehrerbietiges ­Löffeln des Kuchens, des Eises. Ah! Wie fein eine Punschtorte schmeckt, wenn man ,nebenbei‘ erfährt, dass in London ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt, Tausende von Frauen und Kindern umgebracht worden sind", notiert sie am 4. ­Oktober 1940.

Sie war politisch aktiv bis ins hohe Alter und setzte sich als eine von zwei weiblichen SPD-Abgeordneten im Landtag für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein. Sie war sehr evangelisch, gründete ein Heim für obdachlose Frauen. Und wäre vermutlich zufrieden, wenn sie sähe, dass 2021 weder Kriegs- noch Zivildienst vorgeschrieben sind. Aber eine neue Debatte darüber im Gange ist, ob wir ein soziales Pflichtjahr für alle brauchen. Es ist ziemlich wahrscheinlich – Anna Haag wäre dafür.

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