7 Bücher über das Weggehen und Dableiben

Bleiben oder abhauen?
Bleiben oder Abhauen?

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Bleiben oder Abhauen?

Geborgenheit zu Hause

Benedict Wells: Hard Land. Diogenes, 24 Euro

Sommer 1985, ein Kaff in Missouri, mitten im Heartland der USA. Sam ist 15, jobbt im alten Kino und wird ganz plötzlich und schmerzhaft erwachsen. Und er findet (ältere) Freunde, die sich - wie er später auch – die Frage stellen: bleiben oder abhauen? Ein lichtdurchfluteter Coming-of-Age-Roman und aktueller Bestseller. Vielleicht, weil es ein Buch ist, "in dem man sich geborgen fühlt", wie Denis Scheck sagt. Auf jeden Fall ein Buch, das sich fürs Dableiben entscheidet!

Claudius Grigat, Redakteur

 

Weggehen?

Ronya Othmann: Die Sommer. Hanser, 22 Euro

Leylas Vater ist aus dem Nordirak geflüchtet, seine Tochter lebt in Deutschland und verbringt ihre Sommer bei Verwandten in Syrien. Sie ahnen schon – das ist jetzt kein Dableibebuch, auch kein Ferienroman, sondern eine Geschichte, die vor dem Hintergrund großer politischer Konflikte spielt. Flucht und Vertreibung, Kurden und Jesiden, Tradition und Unterdrückung. Je älter Leyla wird, desto mehr versteht sie: Dass die Männer am Flughafen vom Geheimdienst sind, dass die lebensgroßen, goldgerahmten Porträts des Präsidenten nichts Gutes bedeuten, dass ihre Mitschülerinnen in Deutschland doch lieber ahnungslos bleiben möchten … Das Ende der Geschichte ist sehr berührend.

Kerstin Ruhl, Grafik und Produktion

 

Kaff oder Hauptstadt

Leif Randt: Allegro Pastell. Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro

Tanja in Berlin, Jerome in einem Bungalow in Maintal bei Frankfurt, wir lesen die Geschichte einer Fernbeziehung. Und lernen, wenn wir das nicht sowieso schon wissen: Beziehung funktioniert auch über Messengerdienste. Ich habe zwei Urlaubstage gebraucht, um drüber wegzukommen, dass hier ein Erzähler und seine zwei Hauptfiguren so viel über Klamotten und Marken nachdenken. Und so sauber ihren Drogenkonsum ins Leben und Schreiben integrieren. Existieren die Mittdreißigjährigen echt so – glatt? Ist das nicht langweilig? Immer nur Essen gehen, Party machen, Webseiten gestalten. Aber irgendwann packte mich die Geschichte doch.

Anne Buhrfeind, stellvertretende Chefredakteurin

 

In der Nähe lesen

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand, 22 Euro

Eine junge Hipsterfrau aus Berlin macht in Brandenburg auf Landleben, bei Menschen, die dort verwurzelt sind. Wenn ich die Geschichte lese, fühle ich mich einmal mehr als Ossi. Trotzig solidarisch. Und bitte wieder darum zu fragen, was mit den Menschen passiert ist, wie es ihnen ging und geht! Wie es sich angefühlt hat, als das System plötzlich nicht mehr relevant war. Wenn man sich dumm und nutzlos fühlt, eine andere Sprache spricht. Flüssig zu lesen, unbedingt empfehlenswert, auch wenn man an der deutsch-deutschen Geschichte nur das Ampelmännchen gut findet.

Caterina Pohl-Heuser, Fotoredakteurin

 

Daheim lesen

Karin Kalisa: Bergsalz. Droemer, 20 Euro

Bei diesem Buch war ich froh, dass mein Kühlschrank daheim gut gefüllt war. Ich las von Buchteln und Knödeln und Baba Ganoush und bekam Appetit. Der Plot: Einige ältere Damen, die aus unterschiedlichen Gründen alleine im Dorf zurückgeblieben sind, haben keine Lust mehr auf alleine kochen. Erst vernetzen sie sich – unter dem Vorwand, sie bräuchten mal eine Tasse Mehl – mit der Nachbarin, danach mit den Flüchtlingsfrauen im stillgelegten Dorfgasthaus "Rössle" und schließlich noch mit der jungen Punklady, die aus der Großstadt zurückkehrt. Man bekommt Appetit aufs Kochen, auf noch mehr Bücher von Karin Kalisa (ihr erfolgreichstes hieß "Sungs Laden") und auf viele Rössles, die zu einer offenen Küche werden könnten in Deutschland.

Ursula Ott, Chefredakteurin

 

Ab nach Philadelphia

Kiley Reid: Such a Fun Age. Ullstein, 22 Euro

New York ist "the place to be" für die Podcasterin und Marketingexpertin Alix, aber quasi heimlich hat sie sich mit der Familie ins preiswertere und gemütlichere Philadelphia davongemacht. So gemütlich ist es da aber auch nicht. Gleich am Anfang des Romans zerbirst eine Fensterscheibe, die dreijährige Briar soll lieber aus dem Haus und wird mitten in der Nacht auf dem Arm ihrer Babysitterin Emira in den Supermarkt geschickt. Eine Kundin ruft die Polizei: Das ist doch sicher eine Entführung? Und schon sind wir mittendrin in der Welt von Alix und Emira. Die weiße obere Mittelschicht, voll sensibilisiert, die schwarze Mittelschicht, angeblich mit vollen gleichen Rechten – da ist noch viel Raum für Missverständnisse, Überheblichkeiten und latenten Rassismus. Und für Sexismus sowieso. Satirisch, unterhaltsam und ausgezeichnet mit dem Booker Prize.

Anne Buhrfeind, stellvertretende Chefredakteurin

 

In Österreich lesen

David Schalko: Bad Regina. Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro

Dieses Buch geht gut für Urlaub in den österreichischen Bergen, am besten in Bad Gastein. David Schalko, der das Buch für die Kultserie "Braunschlag" verfasst hat, hat eine Groteske geschrieben, fast wie ein Bühnenstück von Elfriede Jelinek. Im einst mondänen, jetzt morbiden Kurort leben nur noch 46 Menschen, Held ist Othmar, ein Ex-Partyclubbesitzer, der seinen DJ pflegt, weil der an einem Skiunfall verunglückt ist. Das ganze Dorf soll vom Chinesen Chen aufgekauft werden. Das Buch ist ein dicker Schmöker, den man am besten im Liegestuhl mit Blick auf die Alpen liest.

Ursula Ott, Chefredakteurin

Leseempfehlung

Egal an welchem Gewässer man gerade in der Sonne liegt - ein gutes Buch darf nicht fehlen. Tipps aus der chrismon-Redaktion

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