Corona und die Folgen für Studierende

"Ihr Selbstwertgefühl ist am Boden"
Corona und die Folgen für Studierende

Roman Möbius / Imago

Studium in der Pandemie: daheim statt im Hörsaal

Corona und die Folgen für Studierende

Die Pandemie belastet die Studierenden enorm, sagt Eva-Maria Orgel vom Studierendenwerk in Berlin.

chrismon: Wie geht es den Studierenden?

Eva-Maria Orgel: Die Situation ist sehr angespannt. Viele Lehrveranstaltungen finden hybrid statt, langsam füllen sich die Hörsäle wieder. Für manche war es gar nicht so leicht, nach drei Semestern ausschließlich digitalem Unterricht wieder an die Uni zurückzukehren. Zugleich machen sich viele Sorgen, dass erneut alles ins Digitale verlagert werden könnte.

Eva-Maria Orgel

Eva-Maria Orgel ist Psychotherapeutin und arbeitet seit 1993 in der psychologischen Beratungsstelle des Berliner Studierendenwerkes.
PrivatEva-Maria Orgel

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Welche Probleme brachten die Lockdowns mit sich?

Man muss sehr diszipliniert sein, um den Tag zu Hause allein zu strukturieren. Auch fehlten viele Möglichkeiten, sich mit anderen auszutauschen und einander zu helfen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Es macht ja auch Spaß, zusammen zu lernen! Und daraus ergeben sich andere gemeinsame Aktivitäten, dass man zusammen in die Mensa geht oder Kaffee trinkt. Einige, die sich schwertun, Kontakte zu knüpfen, waren anfangs erleichtert, weil sie nicht mehr aus dem Haus mussten. Doch wenn das länger so geht, schleichen sich depressive Zustände ein. Wir merken, dass die Probleme, mit denen Studierende zu uns kommen, tiefer gehen und schwieriger sind als vor Corona.

Tiefer?

Depressive Verstimmungen und Zukunftsängste nehmen zu. Viele Studierende haben hohe Erwartungen an sich und große Ängste, auf dem Arbeitsmarkt schlechter dazustehen, weil sie durch Corona länger studieren oder nicht so viele Praktika machen können. Der Druck ist unglaublich groß geworden. Im Sommer versuchten viele, alle Praktika auf einmal nachzuholen. Da ballte sich dann alles.

"Sie haben den Eindruck, dass die Politik sie vergessen hat"

Wie geht es denen, die wegen des Studiums in eine neue Stadt gezogen sind?

Es gab zwar hier und da Initiativen zum Kennenlernen für Erstsemester, aber viele sind vereinsamt. Viele, die in die Beratung kommen, haben die Uni nach drei Semestern jetzt zum ersten Mal von innen gesehen und noch wenig Orientierung. Noch viel schwieriger ist das für Studierende aus dem Ausland. Viele können kein Deutsch und hatten erst recht große Probleme, Kontakte zu knüpfen. Wir haben sehr viele international Studierende in der Beratung und haben englische und spanische Angebote. Die reichen aber bei weitem nicht aus. 

Laut einer EU-Studie sind 64 Prozent der 18- bis 34-Jährigen in Europa gefährdet, an einer Depression zu erkranken. Besonders betroffen seien Frauen zwischen 18 und 24. Kommen auch zu Ihnen vor allem Frauen?

Frauen sind in dieser Altersstufe eher bereit, sich psychologische Unterstützung zu holen. Deshalb hatten wir jahrelang mehr Frauen in der Beratung. Der Anteil der Männer ist aber in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen. Jetzt sind fast die Hälfte Männer.  

Fühlen sich die Studierenden wahrgenommen mit ihren Problemen?

Sie haben den Eindruck, dass die Politik sie vergessen hat. Für manche ist es auch an der Uni sehr schwer, mit den Lehrenden in Kontakt zu kommen. Viele Sprechstunden finden immer noch vor allem digital statt.

"Oft muss man Monate auf einen Therapieplatz warten"

Wie helfen Sie?

Wir hören zu, versuchen zu verstehen und zu ermutigen. Viele, die zu uns kommen, trauen sich gar nichts mehr zu, ihr Selbstwertgefühl ist am Boden. So ein unterstützendes Gespräch, in dem sich jemand verstanden fühlt und Aufmerksamkeit bekommt, hilft am Anfang. Das reicht aber nicht, um einen depressiven Prozess aufzuhalten. Da versuchen wir, in unsere therapeutischen Möglichkeiten zu vermitteln oder in ambulante oder stationäre Psychotherapien.

Gibt es genügend Plätze?

Leider nein. Oft muss man Monate warten.  

Was können die Lehrenden verbessern?

Manche sind in der Betreuung der Studierenden sehr engagiert, manche sind sehr distanziert und manchmal auch mehr mit ihrer Forschungsarbeit beschäftigt als mit der Lehre. Es wäre wichtig, dass noch mehr den Studierenden anbieten, etwas noch mal in Präsenz abzusprechen.

Werden sich die psychischen Belastungen auf das weitere Leben auswirken?

Wir wollen mal hoffen, dass die Probleme zu bearbeiten sind. Aber wenn jemand völlig das Selbstwertgefühl verloren hat, kann sich das auch längerfristig auswirken, etwa bei der Suche nach einer Partnerschaft. Manche trauen sich gar nicht mehr, auf andere zuzugehen.

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