Eine Pfarrerin erzählt aus ihrem Alltag

"Sie wollen einfach wieder dazugehören"

hardy mueller

Vorher zum Italiener? Oder danach? Ein Kirchturm streckt sich hoch in den Himmel über Ludwigshafen, darin ein Restaurant mit dem Namen „La Torre da Angelo“ – und eine Eintrittsstelle der evangelischen ­Kirche. Pfarrerin Barbara Schipper nimmt sich der Besucher an, greift nach manchem Gespräch zu Formular und Siegel, um den Eintritt in die Kirche zu dokumentieren. Ganz schön einladend, dieser „Turm 33“ und die Piazza davor, der Lutherplatz. Kinder toben um den Brunnen, aus dem sich ein modernes Standbild des Reformators erhebt. Mütter trinken Mineralwasser. Frau Schipper ist ansprechbar. Manche Unterhaltung dauert nur zehn Minuten, zum Beispiel wenn der Besucher genau weiß, dass er hineinwill in diese Kirche. Manche dauert auch deutlich länger. Fragen an Barbara Schipper von der Eintrittsstelle "Turm 33" in Ludwigshafen.

chrismon: Frau Schipper, bundesweit sind es im Jahr mehr als 22 000 Menschen, die den Weg in die evangelische Kirche finden. Wie darf man sich das bei Ihnen vorstellen: einen Eintritt oder Wiedereintritt in die evangelische Kirche?

Barbara Schipper: Wenn Sie nach den Formalitäten fragen: Sie melden sich telefonisch oder per Internet bei mir oder kommen einfach zu den Präsenzzeiten vorbei. Sie bringen Ihre Taufbescheinigung und Ihren Austrittsnachweis mit. Falls Sie diese nicht greifbar haben, kommen Sie einfach so. Ich trage dann das Taufdatum und den Zeitpunkt des Kirchenaustritts möglichst genau nach Ihrer Angabe in ein Formular ein. Wir unterschreiben beide, ich siegele den Antrag. Sie bekommen das in zweifacher Ausfertigung für sich und das Finanzamt. Das war’s  – formal gesehen. Natürlich knüpft sich daran ein Gespräch an. Oder auch zwei.

Können Sie sich an das kürzeste Gespräch dieser Art erinnern?

Manchmal dauert das Gespräch nur zehn Minuten. Wie im Fall eines Mannes, der aus einer Freikirche zu uns kam. Er hatte einen klaren christlichen Hintergrund und wusste, was er wollte. Er wusste auch, in welche Gemeinde er wechselte. Andere Menschen kommen zu mir und es zeigt sich, dass sie große Sorgen haben. Dann werden das Seelsorgegespräche, nicht selten längere. Wieder andere wollen einfach mehr über die Kirche wissen oder über kirchliche Themen diskutieren. Auch dann ist Zeit für ein Gespräch da.

"Es ist nicht meine Aufgabe, etwas zu überprüfen"

Was ist denn anders bei einem erstmaligen Eintritt?

Wenn Sie vorher in keiner Kirche waren, müssen Sie getauft werden. Dann besprechen wir das prinzipiell und ich verweise Sie dann an die Gemeinde, aus der Sie kommen und in der Sie auf die Taufe vorbereitet werden. Auch ich könnte Sie taufen, aber das ist bisher noch nicht vorgekommen.

Sie wollen doch sicherlich einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorkenntnisse, welche Vorgeschichte die Bewerber haben. Wie gehen Sie da ran?

Ich finde, es ist nicht meine Aufgabe, etwas zu überprüfen oder gar zu werten, ob die Motivation für den Eintritt in die Kirche stimmt. Ich nehme die Menschen mit ihrem Wunsch, wieder dabei zu sein, ernst. Grundsätzlich ist es ja auch so: Sie sind getauft und bleiben getauft. Ich nehme sie auf, und dabei ergibt sich ein Gespräch. Viele Eintretende vermuten zu Unrecht, sie müssten erst etwas Besonderes leisten, um wieder dazugehören zu dürfen.

Begegnen Ihnen oft kirchenkritische Äußerungen?

Das gibt es. Meine Einstellung dazu ist: Wir von der Kirche sollten es uns nicht zu leicht machen und sagen: Die sind rausgegangen, die wollen nichts mehr mit uns zu tun haben. Auch wir als Kirche müssen uns fragen: Hat das auch mit uns zu tun, dass sie gegangen sind? Ich erfrage die Motivation des Austritts, damit wir uns als Kirche kritisch damit auseinandersetzen können. Einladen, nicht ausgrenzen, das ist die Aufgabe der Kirche. Deshalb haben wir zum Beispiel im Jahr der Taufe sehr bewusst zwei Jahrgänge von Ausgetretenen angeschrieben. Wir haben sie nicht vergessen.

"Es kommen auch welche; die sagen: Jetzt und heute!"

Welche Ängste beobachten Sie bei den Menschen, die Kontakt zu Ihnen aufnehmen?

Was die Meisten nicht wollen: dass sie offiziell befragt oder gar zu ihrem Glauben geprüft werden. Sie wollen einfach wieder dazu gehören.

Wie begründen Sie von Ihrer Seite aus, warum Kirchenmitgliedschaft etwas Positives ist?

Darf ich es persönlich sagen? Für mich ist die Gemeinschaft etwas sehr Wichtiges. Ich teile mit anderen, was mir Sicherheit und Halt gibt  - und woran ich möglicherweise auch zweifle. Gerade in einem Leben, in dem es immer hektischer zugeht, vieles auf einen einströmt und man kaum dazu kommt zu sortieren, ist es gut, mit anderen nach dem passenden Weg zu suchen und um Glauben und Sinnfragen immer wieder zu ringen.

Kommen zu Ihnen auch Menschen, die ganz unsicher sind, ob sie eintreten sollen?

Es gibt beides – Menschen, die sich erst einmal informieren möchten, die irgendwo Kirche begegnet sind und merken, hier ist der Ort offen genug, um nicht auf etwas festgelegt zu werden. Es kommen auch welche, die sagen: Jetzt und heute – alles klar. Ich kenne meine Heimatgemeinde. Ich brauch‘ nur noch den Stempel. Deshalb machen wir das hier. Ich erspare ihnen den Weg in ein anderes Amt, um dort erneut ihren Wunsch vorzutragen.

Ist es schon einmal vorgekommen, dass Sie zum weiteren Nachdenken aufgefordert haben?

Nein, das habe ich noch nicht gemacht. Die Menschen haben ein klares Gespür dafür, ob dieser Schritt jetzt dran ist oder nicht. Das ist für sie ein ernsthaftes Anliegen.

"Muss ich eigentlich mit Hartz IV Kirchensteuer bezahlen?"

Sprechen Sie über die Kirchensteuer?

Nicht über die Berechnung, da gebe ich eine Telefonnummer weiter. Aber das Thema taucht schon auf. Es gibt ja das Vorurteil, dass viele austreten, um die Kirchensteuer zu sparen. Dass sie eintreten, um Pate zu werden, und danach gleich wieder austreten. Das sind große Ausnahmen. Es gibt sicherlich Austritte aus finanziellen Gründen, aber oft in schwierigen wirtschaftlichen Lagen. Manche ältere Frauen sagen: „Ich konnte damals gar nicht anders als auszutreten. Da zählte jede Mark.“ Ich erinnere mich auch an eine Frau mittleren Alters, die fragte: „Wissen Sie eigentlich, ob ich mit Hartz IV Kirchensteuer bezahlen muss?“ Als sie erfuhr, dass sie das nicht muss, konnte sie in die Kirche eintreten.

Welches Gespräch hat sie besonders beeindruckt?

Da gibt es manche. Eine jüngere Frau trat wieder ein mit der Überlegung: „Die Kirche ist eine der wenigen gesellschaftlichen Gruppen, die noch politischen Einfluss haben. Dieser Einfluss kann nur bleiben, wenn sie viele Mitglieder hat.“  – Oder es kam ein Totkranker zu mir und sagte: „Ich habe nie irgendwo dazugehört. Ich möchte wenigstens im Tod zu dieser Gemeinschaft gehören.“ Bei ihm stand eine sehr schwere OP bevor.

In welchem Lebensalter tauchen die Menschen bei Ihnen auf?

Es kommen relativ viele jüngere Menschen zu mir – in der frühen Phase der Familienplanung. Sie sind in den „wilden“ Jugendjahren ausgetreten, wollen jetzt heiraten oder haben Kinder und kommen wieder mit Kirche in Berührung. Andere waren selbst krank, haben kranke Eltern, oder jemand in ihrem Umfeld ist gestorben. Sie stoßen wieder auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und auf die Frage, ob sie wieder zur Kirche gehören möchten oder nicht. Viele Menschen schleppen die Frage der Kirchenmitgliedschaft viele, viele Jahre mit sich herum, manche brauchen dann nur einen letzten Anstoß, um den Schritt zu gehen und einzutreten.

Wir gehen mitten hinein auf die Verbrauchermesse

Warum gehen Sie auf den Markt und warten nicht ich ihrem Pfarramt darauf, dass jemand kommt?

Markt ist ein gutes Stichwort. Das muss ich Ihnen erzählen: Wir sind auf dem Mannheimer Mai-Markt, einer riesen Verbrauchermesse. Da habe ich auch eine Eintrittsstelle und selbst in dieser Umgebung treten Menschen in die Kirche ein. Wir sind mit einem Stand mit einem thematischen Schwerpunkt und Gesprächsangeboten vor Ort. Unter anderem hängen wir ein Schild auf: „Hier können Sie schnell und unkompliziert in die Kirche eintreten.“ Wir kündigen es auch in der Zeitung an. Und dann kommen Besucher und sagen: „Genau hier auf dem Maimarkt trete ich wieder ein.“ Oft haben wir nicht einmal ein ruhiges Eckchen, um uns ungestört zu unterhalten. Die Menschen brauchen diese Anonymität, sie brauchen das Im-Vorübergehen. Das heißt aber nicht, dass es nicht gut überlegt ist oder keine Basis hat. Ich hatte gerade dort auch schon viele sehr intensive Seelsorgegespräche. Das einmalige Zusammentreffen mit mir als Seelsorgerin ist für manche einzige Möglichkeit, sich zu öffnen. Ich finde diese „Markterfahrungen“ spannend. Damit hätte ich vorher nicht gerechnet.

Werden aus den Eingetretenen dann fromme Kirchgänger?

Das weiß ich nicht. Aber je länger ich in dieser Eintrittsstelle arbeite, desto deutlicher wird mir: Nähe oder Distanz zur Kirche lassen sich nicht an der Frage des Kirchenbesuchs festmachen. Viele Menschen setzen sich intensiv mit Glauben und Kirche auseinander, obwohl sie nicht zu Gottesdiensten kommen. Sie nehmen auch kirchliche Veranstaltungen wahr, ohne sie zu besuchen. Es scheint ihnen eine Beruhigung zu geben, zu wissen: Die Kirche ist da. Das gibt Sicherheit.

Eine neue Heimat, die nicht mit Ängsten behaftet ist

Ist bei Ihnen schon jemand aufgetaucht, der bei Ihnen austreten wollte?

Ja. Er wollte wissen, wie das geht. Aber ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern. Das habe ich verdrängt. Ich konnte ihm aber klar machen: Bei mir sind Sie an der völlig falschen Adresse.

Kommen zu Ihnen auch Konvertiten?

Durchaus. Mich besuchte zum Beispiel ein Männerpaar. Einer der beiden war früher Katholik. Ein intensives Gespräch ergab, dass seiner Glaubenshaltung eine neue Kirchenmitgliedschaft, dieses Mal in der evangelischen Kirche, entspricht. Er trat ein und empfand es als äußerst wichtig und hilfreich, wieder eine kirchliche Heimat zu haben, die aber nicht mit Ängsten behaftet ist.

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Lesermeinungen

Die Kirchensteuer ist hierzulande an Taufe und Kirchenmitgliedschaft gekoppelt. Dass Taufe und Kirchenmitgliedschaft untrennbar miteinander verbunden sind, ergibt sich aus der Sache: Die Taufe ist nun einmal das Zeichen der Annahme durch Christus und der Zugehörigkeit zur Kirche. Aber es sollte kein Problem sein, kirchliche Projekte zu unterstützen, ohne dass Sie getauft sind: Sie werden leicht Arbeitsbereiche in der Kirche finden, die Sie finanziell unterstützen können. Eine ganz andere Frage ist, ob man aus theologischen Gründen Christ sein kann, ohne Kirchenmitglied zu sein. Da nach evangelischem Verständnis die Kirche mehr ist als ihre Institutionen, halte ich dies für möglich. Andererseits ergibt sich aus der christlichen Ethik, die stark von der Solidarität zu anderen Menschen bestimmt ist, aber auch eine moralische Pflicht, diese Arbeit zu unterstützen. Ob das im Wege der Zahlung von Kirchensteuern oder durch direkte Zuwendungen geschieht, ist mir als Theologe eine zweitrangige Bedeutung. Ich selbst zahle seit dem ersten Tag meiner Berufstätigkeit Kirchensteuer und finde das sehr richtig.
Eduard Kopp,
Redaktion chrismon

Guten Tag,
da ich mit Mitarbeitenden zu tun habe, die sich mit der Frage nach einem Kircheneintritt befassen, möchte ich gern genau wissen:
Gehören Kirchenzugehörigkeit, Taufe und das Zahlen von Kirchensteuer unauflösbar zusammen?
Kann jemand auch in die Kirche eintreten, Kirchensteuer zahlen - jedoch ohne sich taufen zu lassen?

vielen Dank für Ihre Antwort!
E. Großer-Bald