Sibylle Lewitscharoff über Einsamkeit in der Kindheit und "Gutmenschen"

"... dann geht der Blick sehnsüchtig nach oben"

Peter Peitsch / peitschphoto.com/fotofinder

Sibylle Lewitscharoff: Als Kind war sie ein wenig einsam. Heute ärgert sie sich über die Verlästerung des Wortes "Gutmensch"

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Sibylle Lewitscharoff: Im Wirtshaus in Gesellschaft guter Freunde, da bin ich sehr aufgekratzt. Freundschaft ist herzerwärmend, und ich habe sehr witzige Freunde, sie wirken auf mich im besten Sinne erheiternd. Sie sind keine trüben Tassen, das ist die erste Kategorie der Auswahl. Ich brauche Freunde, die die Fähigkeit haben, mit Witzen und mit guten Anekdoten über das eigene Leid hinwegzukommen. Das sind Erleichterungsstrategien, womit man sich auf eine nicht dröge Weise den Kummer von der Seele schwatzt. Das Wichtigste in meinem Leben sind gute Beziehungen, sie sind wichtiger als das Schreiben.

Was für ein Kind waren Sie?

Ich war ein Kind mit hoher Konzentrationskraft, vielleicht auch ein bisschen einsam. Ich habe pausenlos gearbeitet, habe kleine Burgen im Garten gebaut, irgendwelche komischen Kleider für meinen Dackel genäht, habe ganz viel gemalt. Ich war von solcher Konzentration, dass mich Erwachsene fast gestört haben – bis auf die Großmutter, die mich wie ein Schutzgeist begleitet hat. Die Eltern waren kompliziert, die haben meine Kreise gestört, während die Großmutter diese heitere Art der Gelassenheit hatte. Ich war durch sie befriedet.

An welchen Gott glauben Sie?

Mein Bild Gottes ist sehr von meiner Großmutter geprägt. Sie war evangelisch, sie war ein emsiges Gemeindemitglied, das vielen Menschen in ihrer Umgebung Gutes getan hat. Ich selbst war ein frommes Kind, ich habe sehr gern gebetet, habe meine Kleider immer schön hingelegt, so dass Jesus hätte kommen und das für schön und gut befinden können. Frommer kann man als Kind nicht sein. Das legte sich schlagartig mit elf Jahren, als sich mein Vater erhängte, und dann starb sieben Monate darauf auch noch meine Großmutter. Damals war ich sehr gefährdet, eine Drogenkarriere zu machen. Ich war neben der Spur. Aber der Glaube war nie ganz weg, ich bin auch nie aus der Kirche ausgetreten; und vor einigen Jahren hat eine schwere Bedrohung, eine Krankheit, mein Leben umgekrempelt. Da sind die Wunschkräfte der Kindheit wiedergekehrt. Ich habe mich an Gott und an meine Großmutter gewandt und gefleht: ‚Helft!’ Und ich hatte den Eindruck: Sie helfen. Auch heute versuche ich in der Not, sofort Verbindung aufzunehmen, das ist wie eingebaut. Man muss mich nur zwicken und packen, und der Blick geht sehnsüchtig und bittend nach oben.

Hat das Leben einen Sinn?

Ja, aber der Sinn erschließt sich nur, wenn wir ihn mit den anderen teilen, das kann kein egoistischer Sinn sein. Deswegen hasse ich auch die dumme Verlästerung des Wortes Gutmenschentum. Als wäre das etwas Schreckliches. Was ist an einem Menschen falsch, der anderen hilft, der großzügig ist, der die Fehler des anderen nachlässig sieht, weil er die eigenen kennt – solche Menschen sind doch Gold wert. Mal ganz naiv gesagt, und das klingt sehr kindisch: Mir wäre lieber, ich wäre ein guter Mensch als ein guter Schriftsteller, das ist für mich die schwierigere Übung, das finde ich viel komplizierter.

Muss ich den Tod fürchten?

Ich bin zutiefst davon überzeugt: Das Leben, das wir führen, hat Einfluss auf die Art, wie wir sterben. Ob wir einigermaßen Frieden finden, ob wir uns zufriedengeben können. Meine Großmutter war die Einzige in meiner Umgebung, die ein wirklich gutes Leben geführt hat, noch bis zur letzten Sekunde hat sie sich um uns gesorgt. Und sie hatte die Vorstellung eines aufgehobenen Weiterlebens; sie ist sehr gut gestorben. Die Eltern dagegen haben ein furchtbares Sterbetheater aufgeführt: Der eine hat sich unwürdig selbst entleibt, und auch die Mutter hat ein unglückliches Sterbetheater aufgeführt.

Welche Liebe macht sie glücklich?

Eine bewährte Liebe zu meinem Mann, das ist das große Glück meines Lebens. Es ist die größte Bestätigung meines Lebens, dass jemand mich so liebt, wie ich bin – und umgekehrt ich ihn. Das ist eine Liebe, in der keiner am anderen herumdeutelt oder herumzerrt oder etwas verlangt, was nicht ist oder nicht sein kann, weil es der Charakter nicht hat. Wir sind seit 22 Jahren zusammen. In ihm und durch diese bestätigende Liebe gewinne ich eine wirkliche Weltzuversicht, ohne ihn wäre ich schrecklich dran.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Ich würde gerne ein Buch hinbekommen, das etwas ganz Schwieriges versucht: einen Roman indirekt zum Lobe Gottes. Eine sehr komplizierte Angelegenheit! Ein Roman, der die Menschen in ihren Facetten, in ihren Verschachtelungen und Verwicklungen noch zeigt, aber trotzdem auf heimliche Weise überall ein Lob der Schöpfung ist.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich habe einen sehr scharfen Blick auf Menschen und bin gut darin, andere durch Klatsch fertigzumachen. Ich kann eine Runde sehr gut mit Anekdoten amüsieren, alle wiehern vor Lachen – das ist ein schreckliches Vermögen. Denn eigentlich sind das Selbsterhöhungsstrategien, ich räche mich an eingebildeten oder wirklichen Feinden. Beim Einschlafen denke ich dann: Du bist zu weit gegangen. Und ich verspreche mir fast kindlich: Das mache ich nicht wieder! Und ich mache es doch wieder, es überkommt mich.

Wer oder was hilft in der Krise?

Nur Freunde und nahe Menschen. Alleinsein wäre das Schlimmste. 

Kennen Sie spontanes, unverhofftes Glück?

Es gibt Glücksmomente, wo ich in einen beseligenden Zustand komme, wo ich den Frieden schließe mit den Menschen und sie als noble Geschöpfe wahrnehmen kann. Aber solche Momente sind selten, man kann sie nicht herbeizwingen, sonst wären sie nicht so stark, die werden einem geschenkt. Manchmal passiert es beim Spazierengehen, dann ist die Welt unverhofft schön. Ich sehe fünf, sechs Spatzen unter einem Busch herumschaffen, und ich bin beglückt. Oder wenn ich in ein völlig fremdes Gesicht blicke, wir uns anschauen und uns eine große Freude durchzuckt – das ist für mich absolut beseligend. Kürzlich ist es mir mit einer alten Türkin geschehen, eine schwere alte massige Frau mit einem Kopftuch. Wir haben uns spontan angelächelt, und über die ganz verschiedenen Welten hinaus war eine Verständigung da. Es dauerte nur zwei Sekunden, nicht länger, aber es war ein riesen Freudenzauber.

Diskutieren Sie gern?

In Diskussionen bin ich ein beißwütiger Terrier. Ich hab’s gerne scharf, ich stürze mich gerne ins Getümmel und lege los; und mir ist auch recht, wenn Widerstand kommt, ich nehme das nicht persönlich übel.

Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff, 1954 geboren, ist Schriftstellerin. Die Tochter eines bulgarischen Arztes studierte in Berlin Religions­wissenschaften und arbeitete zunächst als Buchhalterin. 1998 gewann sie mit ihrem Roman „Pong“ den Ingeborg-Bachmann-Preis, für „Apos­toloff“ erhielt sie 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Zuletzt erschienen ihr Roman „Blumenberg“ und ihre Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen, „Vom Guten, Wahren und Schönen“. Sibylle Lewitscharoff lebt mit ihrem Mann in Berlin-Wilmersdorf.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen