Der EKD-Ratsvorsitzende warnt vor Rechtspopulisten und Nationalismus

Warum Nationalismus Sünde ist
Wer sein eigenes Land oder seine Volksgruppe überhöht, produziert Hass und Gewalt. Dagegen erhebt die Kirche ihre Stimme

 Thomas Meyer/Ostkreuz
Ein Gespenst geht um in Europa – mit ­diesen Worten begann das 1848 veröffent­lichte Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Mit dem Gespenst war der Kommunismus gemeint. 169 Jahre und zahlreiche kommunistische Unrechtsregime später ist von dem „Gespenst“ nicht viel mehr übriggeblieben als zerstobene Visionen.

Das Gespenst, das heute in Europa umgeht, ist der Rechtspopulismus. Jedenfalls beschäftigt er Medien und Politik in Europa in einem Maße wie kaum ein anderes Phänomen in Politik und Gesellschaft. Insbesondere im Hinblick auf die Themen Flüchtlingspolitik und Islam ­haben sich unter diesem Stichwort Parteien gesammelt, die den bisherigen Konsens über die grundlegenden Werte, die Europa ausmachen, lautstark infrage stellen.
Superwahljahr 2017. Am 23. April ist Präsidentschaftswahl in Frankreich, im Juni Parlamentswahl. In Deutschland gibt es in diesem Jahr drei Landtagswahlen und dann im September die Wahl zum Deutschen Bundestag. Bul­garien, Türkei, Serbien, Tschechien: Überall werden Wahlurnen aufgestellt.   

Deutschland erwache? Ein gefährlicher Ton schleicht sich in die Wahlkämpfe ein

In Koblenz haben sich kürzlich führende Vertreter des Rechtspopulismus getroffen. Nach der britischen Brexit-­Entscheidung und der Wahl von Donald Trump zum ­amerikanischen Präsidenten – so hieß es da – wolle man 2017 zum „Jahr des Erwachens der Völker von Zentral­europa“ machen.

Deutschland erwache? Ein neuer und gefährlicher Ton schleicht sich europaweit in die Wahlkämpfe unserer Tage ein. „Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen [...]. Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Das hat Victor Klemperer formuliert, als er die Sprache des „Dritten Reiches“ analysierte.

Die stark gestiegene Zahl rechter Straftaten erfüllt mich mit größter Sorge. Wer sein eigenes Land oder seine eigene Volksgruppe überhöht und gegen die anderen in Stellung bringt, produziert Hass, irgendwann Gewalt und am Ende vielleicht sogar wieder unzählige Tote. Deswegen sage ich: Nationalismus ist eine Erscheinungsform von Sünde. ­Nationalismus vergiftet das Klima zwischen Menschen. Wo er mit dem christlichen Mäntelchen umgeben wird, ist klarer Widerspruch angesagt, denn er tritt all das mit Füßen, was die christliche Tradition ausmacht.

Liberale und konservative Positionen haben ihren Platz in der Kirche

Die Kirche steht für das genaue Gegenteil: für die Versöhnung der Völker, für die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen, unabhängig von seiner Nationalität oder Volksgruppe. Das ist ganz im Einklang mit dem Reformator Martin Luther. Er illustriert die Sünde mit dem Bild eines Menschen, der „in sich selbst verkrümmt“ und daher von Gott und seinem Mitmenschen abge­schnitten ist. Ich zuerst, meine Partei zuerst, Deutsche zuerst, Amerika zuerst? Auch Gemeinschaften können „in sich verkrümmt“ sein.

Gott lieben und den Nächsten lieben – das ist der Kern der Orientierungen, die das Christentum ausmachen. Was das für die Politik bedeutet, ist nicht direkt abzuleiten. Liberale und konservative Positionen haben gleichermaßen ihren Platz in der Kirche. Nationalismus aber nicht, so wenig wie Rassismus, Antisemitismus oder andere ­Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Parteipolitische Auseinandersetzungen sind keine ­Bühne für uns Kirchen. Aber die Grundlinien ethisch verantwortlichen Handelns werden wir deutlich aufzeigen. Auch und gerade in Wahlkampfzeiten.

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Lesermeinungen

Auch Altbürger haben ein Recht auf eine liebgewordene lebenswerte Umgebung, und die wendet sich leider vielfach zum Schlechteren. Ein Zustand, der gewissermaßen ein Mittelwert zwischen unserer geordneten Gesellschaft und den gewaltbereiten rechtslosen Zuständen in den Herkunftsländern vieler Migranten ist, kann aber doch bitte nicht der Weisheit letzter Schluss sein und ist sicher auch nicht notwendig.

Statt mit diesen Sorgen Ernst genommen zu werden, dürfen sich diese Bürger aber leider nur Rassismus- und ähnliche Vorwürfe des tonangebenden Nobelitalienerbürgertums, zu dem ich Sie auch zähle, anhören. Selbst nicht zuhören, aber anschließend über Rechtspopulismus herumjammern, wenn die Ignorierten andere finden, die sich für ihre Sorgen interessieren.

Statt bei Feinkost-Käfer sollten Sie vielleicht mal zur Abwechslung im Penny-Markt des nächsten Problemviertels einkaufen und sich die Frage stellen, wieso dort außer den Kassiererinnen auch noch einige Security-Mitarbeiter notwendig sind, die dafür sorgen, dass es halbwegs gesittet dort zugeht. Vielleicht verstehen Sie die Probleme der Leute dann besser und nehmen sich der Sorgen an statt über Rechtspopulismus zu schwadronieren und sie damit genau in diese Richtung zu drängen.

Sehr geehrter Herr Bischof,
warum erfüllen sie nur sog. rechte Straftaten mit Sorge ? Gibt es nicht auch linke Straftaten, islamistische Straf-
taten, sexuelle Übergriffe, Einbrüche, Körperverletzungen ? Sie als Bischof sollten auch auf die andere Seite der
Medaille schauen und das tun aus gegebenem Anlaß heute sehr viele. Sie sind damit aber keine Sünder und auf
der falschen Seite stehend. Würde sich "die Politik" dieser Sorgen annehmen, gäbe es gar keine AfD. Wie aber
sonst seinen Protest ausdrücken ? Mein Trost : das letzte Wort spricht GOTT, kein linker Kirchenfürst.
Mit freundlichem Gruß
Günter Wabitsch

Sehr geehrte Redaktion,

Herr Bedford-Strohm entlarvt das reale Gespenst des derzeitigen Rechtspopulismus als Nationalismus und hebt schon sprachlich den Bezug zum Nationalsozialismus hervor - ein klares Wort! Es geht in der Tat um grundlegende europäisch-westliche Menschenrechte, eine Errungenschaft der Völker. An ihrer Erkämpfung und Verteidigung hat sich die (evangelische) Kirche nicht immer hervorgetan. Ihr antisemitisches Erbe - vom Reformator Martin Luther in Spätschriften auf die Spitze getrieben - führte im sogenannten Dritten Reich zu erschreckender politischer Abstinenz selbst der "Bekennenden Kirche". Da blieben frühe, wiederholte Appelle einer mutigen Frau wie Elisabeth Schmitz ungehört auf der Strecke. Die Aufarbeitung dieser unseligen Verstrickung steht m. E. erst in den Anfängen. Gerade im Luther-Jubel-Jahr gehört das auch zu christlicher Verantwortung hinzu.

Mit freundlichem Gruß

Dipl.-Psych. Peter Lechler

Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass auch imho rechtsradikale Gewalt zu verurteilen und konsequent zu bekämpfen ist. Meine Frage ist nur, ob das Ausgrenzen und Dissen der AfDlerInnen zielführend ist. Mich erinnert diese Stellungnahme unseres Chefs ein bisschen an die Zeit, in der man als Katholik nur CDU , allenfalls die Kommunionspartei, wählen durfte.

Mich entsetzt, wenn Menschen aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion oder politischer Meinung ausgegrenzt werden. Man spricht nicht mehr mit ihnen, man respektiert sie nicht und man toleriert (duldet) sie nicht mehr. Ihre Grundrechte sind irrelevant, denn sie verkörpern das Böse. Man verwechselt Ideologie mit der Person. So ist es allzu oft, ja regelmäßig in der Geschichte und Gegenwart geschehen: Polarisieren und Dämonisieren haben eine Funktion für das eigene Selbst - man selbst gehört ja zu den Guten ... und definiert sich durch die Feindschaft zu den Bösen. Wer da Böse ist, bleibt austauschbar: Mal Hexen, mal Juden, Ketzer, Rechte, Linke, Bürgerliche, Bourgeoise, Konterrevolutionäre, Reaktionäre oder Kulaken. Es sind keine Menschen mehr, über die man da spricht. Die Methoden der Dämonisierung ähneln sich, auch wenn die Inhalte unterschiedlich sind. Man assoziiert jene, die eigentlich völlig harmlos sind mit Mördern und Verbrechern. Und nun sollen AfDler zum Kirchenaustritt bewegt werden, wohl um ihnen einen Rauswurf zu ersparen - beschämend.

“Wer sein eigenes Land oder seine Volksgruppe überhöht, produziert Hass und Gewalt. Dagegen erhebt die Kirche ihre Stimme” schreibt Heinrich Bedford –Strohm. Nun, meine Cousine war mit ihrem Ehemann (evang. Pfarrer) zwanzig Jahre unter “Heiden”, um diese zum christlichen Glauben zu bekehren. Sicherlich aus innerster Überzeugung, gleichwohl eine Missionierung aus einer (vermeintlich?) überhöhten Position! Man könnte es ja auch religiösen Imperialismus nennen.

Deutschland, Deutschland über alles ...” Golo  Mann hat es wie folgt interpretiert: “Man liebt ja auch seine Frau und seine Kinder über alles”. Oder denken wir an Sportereignisse. Darf man, nach Bedford-Strohm, nicht mehr jubeln, wenn Deutschland ein Tor schießt? Muß man Nationalismus, wie geschehen, unbedingt derart einseitig beleuchten?

 

Nachdenkliches Schaffen wünscht

 

Alf Torsten WERNER (Atheist), Grafing b. München

 

P.S. Angefügt  ein Nationalismus-Bekenntnis von Gerd Bucerius

Natürlich, lieber Herr Bedford-Strohm, haben Sie recht, mit Ihren Schlussfolgerungen. Denn etwas "zu überhöhen" kann ja nur falsch sein,und, wenn man "gegen die andern in Stellung" geht oder sogar "bringt", dann hat man den Krieg angefangen und Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Aber ich will doch hoffen, dass es ein Maß an Liebe zur Heimat wie auch zur eigenen Religion, Tradition und Kultur gibt, die nicht solche schrecklichen Folgen hat. Es geht dabei meiner Meinung nach auch um Verantwortlichkeit, Donald Trump auf den Sie da anspielen, ist nun mal zunächst für Amerika zuständig, und - da werden Sie mir vermutlich sogar zustimmen- das ist auch gut so. Wenn ich zum Beispiel für unsere Regierung bete, dann bitte ich um Gottes Frieden für Angela persönlich, für Deutschland, für Europa und für die Welt, nach dem Prinzip des römischen Brunnens. Das ist weit entfernt von jeder Sünde. Nehme ich jedenfalls an. Soviel fürs erste!
Mit freundlichen Grüßen Ihr Thomas Becker

PS. Ihre Auswahl an erlaubten Positionen kommt mir sehr eng vor, nur Liberale und Konservative haben Platz in der Kirche - was ist dann mit uns Revolutionären? Scherz beiseite, ich halte es langsam für einen Skandal, wie sehr die Kirche sich mit der grünen Partei verbündet hat. Ich meine, alles, was recht ist... aber Frau GE als Botschafterin des Reformationsjubiläums...? Und gleichzeitig diese schroffe, unfreundliche Kritik an den AfDlern? Das finde ich nur noch ganz wenig gut.

Warum sollte jemand "sein eigenes Land oder seine eigene Volksgruppe überhöhen und gegen andere in Stellung bringen"? Die historische Erfahrung zeigt, dass so etwas immer dann passiert, wenn sich Völker oder andere größere Gruppen wie Religionen und Konfessionnen gegenseitig darin in Frage stellen, so sein zu können wie sie sind.

Der deutsche Nationalismus des Deutschösterreichers Adolf Hitler entstand aus dem Gefühl, dass die nichtdeutschen Völker im Habsburgerreich immer mehr Einfluss gewannen und die Österreicher deutscher Nationalität, die dieses Reich bis ins 19. Jahrhundert geprägt hatten, ins Hintertreffen geraten würden. Er fiel in den 1920er Jahren in einem Deutschland auf fruchtbaren Boden, das sich von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs gedemütigt und als gleichwertig in Frage gestellt sah. Moderner Nationalismus und Radikalismus entsteht immer dort, wo sich größere Gruppen von Menschen in ihrem So-Sein in Frage gestellt fühlen: die Russen durch die Dominanz des Westens, die Erdogan unterstützenden traditionell-islamischen ländlichen Türken durch ihre säkularen, an Westeuropa orientierten urbanen Eliten, traditionelle Moslems generell durch westliche Liberalität, die Völker der südeuropäischen Krisenländer der Eurozone durch das vermeintliche Spardiktat aus Berlin, Völker der EU-Mitgliedsländer durch in ihr Alltagsleben eingreifende Regelungen aus Brüssel und schließlich größere Teile aller europäischen Völker durch Masseneinwanderung von Menschen aus Kulturen mit den unseren teilweise diametral entgegengesetzten archaischen Wertesystemen und Verhaltensweisen.

Von einem Bischof erwarte ich, dass er sich der Sorge der Menschen annimmt, dass er für die Menschen und mit ihnen betet. Ich finde es unmenschlich und unchristlich, Verzweifelnde zu verdammen, weil diese ihrer Verzweiflung - nichts anderes ist der Nationalismus sich in ihrem So-Sein bedroht Fühlender - Ausdruck geben.

Das ist wieder mal ein Beitrag von Herrn Bedford-Strohm, dem jedermann im Grundsatz nur beipflichten kann. Nationalismus, wie er im Dritten Reich entwickelt wurde, so definiert er den Begriff, möchte hier niemand mehr - ausser einer extremen Mindernheit. Und der muss entgegen getreten werden. Zustimmung in jeder Hinsicht!

Ganz nebenbei verbindet er das mit "Rechtspopulismus", Flüchtlingspolitik und Islam und sorgt sich, dass der bisherige Konsens über die grundlegenden Werte in Europa "lautstark" in Frage gestellt werde. Er rückt damit unterschwellig alle diejenigen, die etwas in Frage stellen wollen, in die rechtsextreme Ecke. Merkt er denn nicht, dass sich in ganz Europa ein Unbehagen breit macht? Wäre es nicht seine Aufgabe, dieses Unbehagen weiter aufzuklären, sich mit ihm auseinander zu setzen? Nein, er verurteilt es und polarisiert. Er differenziert nicht zwischen Rechtsextrem und jenen, die das Unbehagen verspüren und nach Lösungen suchen. Er packt den Hammer "Sünde" aus und hat nicht mal sauber definiert, was er eigentlich meint. Damit spaltet er die Kirche (ich bin wegen solcher Leute ausgetreten) legt aber auch zugleich Zunder in den Diskurs in unserer Gesellschaft.

Mittlerweile hat ja sogar die Bundesregierung AfD-Positionen übernommen (Grenze schliessen - noch schlimmer als die AfD im Pakt mit Erdogan, Nichtaufenthaltsberechtige abschieben und eine schärfere Gangart bei der Verfolgung von Straftaten) und Frau Göring-Eckhart, die anfangs noch lautstark "wir schaffen das" reklamierte, hat sich inzwischen klammheimlich aus dem Diskurs verabschiedet.

Ja, wir schaffen es, die Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Aber dazu muss auch die Kirche endlich die Themen annehmen, die da offen herum liegen und sich mit den Problemen auseinandersetzen! Herr Bedford-Strohm sollte aufhören, sie mit rhetorischer Finesse und der Drohung mit "Sünde" zu übergehen. Und Frau Göring-Eckhard könnte uns bei der Kärnerarbeit etwas unterstützen.

In Deutschland gilt seit dem Ende des Dritten Reiches jeglicher Patriotismus als "Nationalismus" - die Deutschen sind von einem Extrem ins andere gefallen.
Daß es irgendwann einmal zu einer Gegenreaktion darauf kommen mußte, ist jedem klar, der die menschliche Natur auch nur ein bißchen kennt.
Die Lösung kann nur sein, einen gesunden Patriotismus zu fördern (statt ihn zu verteufeln) - das nimmt extremen nationalistischen Tendenzen den Wind aus den Segeln.