Wieso wir "Schulmedizin" nicht mehr verwenden sollten

Sprachstunde - Folge 32

Lena Gerlach, Privat

Sprachstunde - Folge 32: Schulmedizin

Wieso wir "Schulmedizin" nicht mehr verwenden sollten
Sprachstunde - Folge 32
In Abgrenzung zu Homöopathie und Naturheilkunde wird häufig der Begriff "Schulmedizin" verwendet. Warum das ein großer Fehler ist, erklärt Klinikseelsorgerin Karin Lackus.

Wenn Patienten, Esoterikerinnen und Heilpraktiker sich von wissenschaftlichen Heilmethoden distanzieren wollen, sprechen sie häufig abfällig von "Schulmedizin". Das Wort entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gegenbegriff zur Homöopathie. "Man wollte deutlich machen, dass man mit der Homöopathie die bessere Alternative hat", erklärt Karin Lackus, ehemalige Klinikseelsorgerin und chrismon-Bloggerin im Podcast. Sie spricht sich klar gegen die Verwendung von "Schulmedizin" aus.

Denn später machte der Begriff eine noch unrühmlichere Karriere: "Die Nazis haben die sogenannte 'verjudete Schulmedizin' als Kampfbegriff gebraucht. Das hatte den Hintergrund, dass viele gute Mediziner jüdischer Herkunft waren und die Antisemiten sich abgrenzen wollten", sagt Lackus. "Es gab eine große Nähe vieler Nationalsozialisten zur esoterischen Bewegung." Man wollte die "Neue Deutsche Heilkunde" als naturnahe, volksnahe, deutsche Medizin schaffen.

"Ein Begriff, der diese Bedeutung im Nationalsozialismus hatte - da gehen wir normalerweise etwas kritischer mit um", moniert Lackus. "Dass dieser Begriff unbeschadet in die Gegenwart übernommen werden und diesen abwertenden Beiklang behalten konnte, ist für mich völlig unglaublich."

Karin Lackus

Karin Lackus, Jahrgang 1959, hat evangelische Theologie studiert und als Pfarrerin in der Erwachsenenbildung und im Religionsunterricht gearbeitet. Die letzten Berufsjahre war sie in der Klinikseelsorge tätig und engagierte sich besonders in der Palliativarbeit. 2016 erschien ihr gemeinsam mit Christiane Bindseil verfasstes Buch: "Mir geht es gut, ich sterbe ­gerade" (Neukirchener Verlags­gesellschaft, 12,99 Euro). Seit 2020 schreibt sie aus der Perspektive ihrer eigenen Krebserkrankung. Seit Anfang 2022 ist sie Autorin des Blogs "Krankenstand" für chrismon.
privat

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und der digitalen Kommunikation im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen. 2020 wurde sie unter die 10 besten Chefredakteur*innen des Jahres gewählt. 2019 schrieb sie den Bestseller "Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren".
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Warum eine Unterscheidung zwischen sogenannter Natur- und Schulmedizin schwierig ist, welchen Begriff Karin Lackus statt "Schulmedizin" verwenden würde und warum sie die Sprache in Krankenhäusern manchmal schwierig findet, hören Sie in der 32. Folge der Sprachstunde.

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Lesermeinungen

Wie viele Begriffe, zum Teil auch sehr alte, die von den Nazis aus der Umgangssprache entlehnt wurden, gibt es? Fliegerhorst z. B. Und dann erst die vielen Bücher, vermutlich im gleichen Geiste geschrieben, die dann auf den Index gehören. Vornamen, die nicht mehr vergeben werden dürfen. Der Adolph vor dem Kolping muss weg! Oder ist der erlaubt, weil er nicht mit F geschrieben wird? Wenn sich die "Kaste" aus dem esoterischen Umfeld an dem Begriff "Schulmedizin" stört, soll sie das tun. Dann bitte aber konsequent auch nicht von der Schulmedizin behandeln lassen. Aus dem diesem Beitrag, der den ewig Empfindlichen gerecht werden soll, ist eine weinerliche Grundtendenz abzuleiten. Es sind genau diese ehemaligen "Makramee-Schülerinnen" (knüpfen für jeden Zweck) und deren Umfeld mit den entrückten Blicken und dem geläuterten Gehabe, die alle anderen aus den Kirchen treiben. Auch diese „berufene Betroffenheitsklientel“ ist verantwortlich für die teilweise Abkehr der Kirchen von den Realitäten. Die Stuhlkreisgesellschaft, macht jede Kirche unglaubwürdig. Aber sie haben einen wertvollen Nutzen. Sie garantieren den sinnlichen Erfolg auf Kirchtagen, in Bibelkreisen anderen Zirkeln.