Ist "Sexarbeit" Arbeit?

Sprachstunde - Folge 24 'Sexarbeit'

Lena Gerlach, PR

Sprachstunde - Folge 24 'Sexarbeit'

Sprachstunde - Folge 24: Sexarbeit

Ist "Sexarbeit" Arbeit?
Sprachstunde - Folge 24
Ursula Ott diskutiert mit Silvia Reckermann vom Nord-Süd-Forum, ob der Begriff "Sexarbeit" verharmlosend ist.

Ist es ein ganz normaler Nebenjob, wenn sich Studentinnen prostituieren, um ihr Studium zu finanzieren? Nein, sagt Silvia Reckermann vom Nord-Süd-Forum. "Wenn junge Frauen denken, sie können ihren Körper verkaufen, müssen sie immer daran denken, dass sie auch ihre Psyche verkaufen", sagt Reckermann.

Sie kritisiert die Arbeitsbedingungen in der Prostitution und dass darunter vor allem diejenigen Frauen leiden, die nicht freiwillig anschaffen gehen. "Wenn der Staat das zulässt, versagt er in seiner Fürsorgepflicht für die schwächsten Menschen in unserem Land." Reckermann findet, dass der Begriff "Sexarbeit" verharmlost: "Arbeit ist immer auch ein Dienst an der Gesellschaft. Prostitution ist das nicht. Es ist ein Dienst am Patriarchat", sagt sie.

Silvia Reckermann

Silvia Reckermann ist im Vorstand des Nord-Süd-Forums München e.V. für eine solidarische Welt. Außerdem sitzt sie im Lenkungskreis des Bündnisses Nordisches Modell und ist Mitglied der Frauenrechtsbewegung Terre des Femmes.
Privat

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und der digitalen Kommunikation im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen. 2020 wurde sie unter die 10 besten Chefredakteur*innen des Jahres gewählt. 2019 schrieb sie den Bestseller "Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren".
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Wird Prostitution aufgewertet oder gar verharmlost, wenn man sie "Sexarbeit" nennt? Wie ist die Gesetzeslage in Deutschland? Was ändert die Bestrafung von Freiern? Diese Fragen und andere diskutieren Silvia Reckermann und chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott in der 24. Folge der Sprachstunde.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Leseempfehlung

Alejandra Acosta
Alejandra Acosta macht Menschenhändlern in Spanien das Geschäft schwer
Als Kind missbraucht, in Bordelle gezwungen, an Deutsche verkauft. Jetzt spricht Liliam. Das hat Folgen
Interview mit Per-Anders Sunesson, schwedischer Sonderbotschafter für die Bekämpfung des Menschenhandels
Elf Jahre lang war Katharina in der Gewalt eines Mannes, der erst ihr Reitlehrer war und dann ihr brutaler Zuhälter. Hier erzählen die Eltern, wie sie um das Mädchen kämpften
Bertha Pappenheim, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin, kämpfte gegen die Zwangsprostitution

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Seit 2002 wurden in Deutschland an die 100 Frauen in der Prostitution ermordet (+Dunkelziffer).

Die Frauenärztin Liane Bissinger berichtet von ... zerstörter Darmflora, Zahn-Mund-Kiefer-Erkrankungen, Hautekzeme, überall Schmerzen und häufig Schmerzen in den Hüftgelenken, irreversible Beckenboden-Schwächen mit Schwierigkeiten den Urin bzw. den Stuhlgang zu halten, etc.

Viele müssen „Schulden“ bei Menschenhändlern abzahlen und erhalten Morddrohungen gegen ihre Familie, falls sie vor Gericht aussagen. So ist Strafverfolgung gegen Menschenhandel kaum möglich.

„Selbstbestimmte Sexarbeiter*innen“, sind eine sehr kleine, privilegierte Minderheit. Dafür können wir Sklavinnenhandel nicht in Kauf nehmen.

Der Bundestag muss Gesetze erlassen, die die Nachfrage nach käuflichem „Sex“ reduzieren. Das ist der politische Weg um Leid zu mindern.

Quelle: Das Nordische Modell zu Prostitution – Ein Perspektivwechsel zum Schutz der Menschenwürde

Wenn man ehrlich und unvoreingenommen ist, muss man alle Personen zusammen zählen, die in der Prostitution tätig sind: sämtliche hauptberuflichen, nebenberuflichen und gelegentlichen Prostituierte, und zwar aus sämtlichen Bereichen des Prostitution vom Geschlechtsverkehr bis zur Tantramassage. Die meisten von ihnen haben überhaupt keinen Kontakt mit dem Rotlichtmilieu geschweige denn mit Zuhälterei. Von einer "privilegierten Minderheit" kann daher überhaupt keine Rede sein. Vielmehr sind die Opfer von Zuhälterei in der Minderheit.

Die Kriminellen Täter haben natürlich kein Interesse, eine wissenschaftliche Studie durchführen zu lassen. Das meiste bleibt unter dem "Radar".

"In Deutschland ist die sogenannte „freiwillige Prostitution“ zwar legal, tatsächlich aber ist hier nach Aussage der Kriminalpolizei Zwangsprostitution der Alltag. „Kompetente, kriminalpolizeiliche Ermittler gehen davon aus, dass in Deutschland 96 bis 98 Prozent der Frauen in der Prostitution fremdbestimmt sind“, so Kriminalhauptkommissar a.D. Manfred Paulus. Helmut Sporer, Leiter des Kommissariats 1 der Kriminalpolizeiinspektion in Augsburg sagt, dass 90 Prozent der Frauen nicht freiwillig der Prostitution nachgehen..."

(Quelle: Das Nordische Modell zu Prostitution - Ein Perspektivwechsel zum Schutz der Menschenwürde)

Ich kenne diese Zahlen. Die Frage ist allerdings, was genau die Herren Paulus und Sporer unter "Frauen in der Prostitution" verstehen. Es ist zu vermuten, dass sie ein sehr eingeschränktes Bild haben, das ergibt sich allein schon aus dem Wort "Frauen", das offensichtlich die gesamte Stricherszene unter den Tisch fallen lässt.
Fakt 1: Herr Sporer hat die Anzahl aller Prostituierten auf 250.000 geschätzt.
Fakt 2: laut einer Umfrage unter Berliner Studierenden finanzieren 3,7% von ihnen ihr Studium durch Prostitution, das wären auf ganz Deutschland hochgerechnet mehr als 100.000. (Diese Zahl dürfte stimmen, weil Umfragen aus anderen Ländern ähnliche Ergebnisse gebracht haben.) Diese Studierenden sind garantiert nicht fremdbestimmt, denn die gehen doch nicht ins Rotlichtviertel und suchen sich einen Zuhälter, sondern sich machen völlig eigenständig heimliche Haus- und Hotelbesuche.
Zu diesen 100.000 Studierenden kommen noch jede Menge Strichjungen, Dominas, Masseur*innen für erotische bzw. Tantramassagen etc. hinzu, die selbstverständlich alle selbstbestimmt arbeiten. Und die alle zusammen sollen nur 10% der Prostituierten = 25.000 Personen ausmachen? Das sieht doch jeder Hilfsschüler, dass die 90% von Herrn Sporer sich keineswegs auf sämtliche "Frauen in der Prostitution" beziehen können.

Am Anfang war ich noch optimistisch, einen sachlichen Dialog zu hören. Aber die zwei Versuche von Frau Ott, über die Studierenden zu sprechen, wurden von Frau Reckermann immer ganz schnell in Richtung Zwangsprostitution abgebügelt. Das ließ schlimmes ahnen.
Zuhälterei ist nach wie vor verboten, siehe Paragraph 181a des StGB. Wer behauptet, Zuhälterei wäre legal, hat es nicht verdient, als "Expertin" bezeichnet zu werden.
Es stimmt, dass lediglich 40.400 von den 250.000 Prostituierten registriert sind. Dass Frau Reckermann daraus den Schluss zieht, dass alle Nichtregistrierten ausgebeutete Osteuropäerinnen wären, ist völlig realitätsfern.
Am Anfang war von 70.000 Studierenden in Großbritannien die Rede, die ihr Studium durch Prostitution finanzieren. In Deutschland sind es über 100.000. Die wenigsten von ihnen sieht man auf dem Straßenstrich oder in Bordellen, die meisten von ihnen machen heimliche Haus- und Hotelbesuche, die sie selbständig über einschlägige Internetseiten organisieren. Ihre Eltern wissen nichts davon, ihre Freunde nicht, die Behörden nicht und das Finanzamt nicht. Deswegen sind sie auch nicht als Prostituierte registriert. Und da haben wir bereits die Hälfte der genannten Dunkelziffer. Die andere Hälfte der Dunkelziffer sind vermutlich Nicht-Studierende, die einen "normalen" Beruf haben und sich hin und wieder etwas durch Prostitution hinzu verdienen, z.B. um sich einen schönen Urlaub leisten zu können.
Die vielgenannten Osteuropäerinnen dürften eher in den 40.400 stecken: sie sind registriert, weil ihre Zuhälter keinen Stress mit der Polizei haben wollen, denn während die Polizei Stress macht, können die Frauen kein Geld verdienen. Auch Kriminalhauptkommissar Helmut Sporer sagte in der "Emma", dass seines Wissens die meisten angemeldet seien.
Und wo wir bei der Sprachstunde sind: Prostitution ist NICHT wie hier dargestellt der Verkauf von Geschlechtsverkehr durch Frauen an Männer, sondern der Verkauf von sexuellen Handlungen aller Art bis hin zur Tantramassage von Menschen aller Geschlechter an Menschen aller Geschlechter. Und Menschen, die ihren Körper verkauft haben, leben in Bangladesh: Männer, die eine ihrer Nieren an reiche Inder verkauft haben aus purer Geldnot.
Last not least möchte ich eine weitere Sprachstunde anregen: was ist ein Freier?
Sind Strichjungen auch Freier? Sind Frauen, die Prostituierte wie Salomé Balthus buchen, Freierinnen? Wenn eine Frau einen Mann für Sex bezahlt - wer von beiden ist der Freier? Ist ein Mann, der eine Tantra-Massage genießt oder der sich von einer klassischen unberührbaren Domina demütigen lässt, ein Freier?

Danke, dass Sie über die menschenunwürdigen Verhältnisse der Prostitution aufklären!

Es ist einer der heftigsten Blinden Flecken unserer Gesellschaft: Die einen sehen weg, die anderen diskutieren es "weg", die Betroffenen leiden und haben kaum Fürsprecher.

Es ist höchste Zeit, dass der Bundestag dem guten Beispiel Schwedens und Frankreichs folgt und das Nordische Modell einführt.

Je weniger Männer für "Sex" bezahlen, desto weniger lohnt sich der Menschenhandel für di Mafia.