Darf man noch "Gastarbeiter" sagen?

Darf man noch Gastarbeiter sagen?

Lena Gerlach, PR

Darf man noch Gastarbeiter sagen?

Sprachstunde - Folge 18: Gastarbeiter

Darf man noch "Gastarbeiter" sagen?
Sprachstunde - Folge 18
Ursula Ott im Gespräch mit Ferda Ataman.

Am 30. Oktober 1961 schlossen die Türkei und die Bundesrepublik Deutschland das Anwerbeabkommen. In den folgenden Jahren kamen Millionen Türkinnen und Türken nach Deutschland, um hier zu arbeiten.

Damals wurden die Menschen, die nach Deutschland kamen, "Gastarbeiter" genannt. Die Journalistin und Autorin Ferda Ataman, deren Eltern zu den damaligen Migranten zählten, hält "Gastarbeiter" für ein "schräges Wort": "Normalerweise lässt man seine Gäste nicht die Toiletten putzen, am Fließband arbeiten oder bringt sie in schlechten Behausungen unter", sagt Ataman in der neuen Folge der Sprachstunde.

Ferda Ataman

Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin, Autorin und Diversitätsexpertin. Sie studierte Politikwissenschaft, war Redenschreiberin bei Armin Laschet und Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit in der "Antidiskriminierungsstelle des Bundes". Sie ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Initiative "Neue deutsche Medienmacher", die sich für mehr Diversität in den Redaktionen und für diskriminierungskritische Berichterstattung einsetzt. Seit 2017 ist sie Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von über 130 Vereinen und Initiativen, die sich gegen Rassismus und für Vielfalt in der Gesellschaft einsetzen. 2019 erschien im S. Fischer Verlag ihr Buch "Hört auf zu fragen. Ich bin von hier" und hat mit dem Hashtag #vonhier eine Debatte über Zugehörigkeit in Deutschland ausgelöst. Ataman lebt in Berlin.
Sarah Eick

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Sie möchte das Wort aber nicht aus dem Sprachschatz streichen. "Ich nutze Gastarbeiter*innen als historischen Begriff. Ich finde es nicht politisch unkorrekt, aber es war damals schon eine Lüge, die Menschen so zu nennen", sagt Ataman, weil schon sehr bald klar war, dass ein Großteil von ihnen in Deutschland bleiben würde.

Warum "ausländische Mitbürger*innen" für sie auch nicht besser klingt, wie das Leben in Deutschland für die Türkinnen und Türken aussah, warum sich die Lage für Einwandererfamilien in Deutschland in den letzten zehn Jahren deutlich verschlechtert hat und welche Bezeichnung sie besser fände als "Gastarbeiter", diskutiert sie mit chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott im Podcast.

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Lesermeinungen

Wir wollen und sollen gesellschaftlich und polititsch korrekt sein. Wir wollen gut und für alle ein Vorbild sein.
Der Karnevalist soll snmen namen ändern, die M-Apotheke auch, Schokoküsse sind in. Paradebeispiel wird man wohl auch bald nicht mehr sagen düfen, da militärisch angehaucht. Ich wohnte mal in der Thorner Str. Da jetzt Polen, kam die Forderung, die polnische Bezeichnung zu verwenden. Karl Marxstrasse ist noch unanefochten. Allgemeinwissen ist ja, dass man/frau keine schwarzen Jeans mehr tragen sollte um nicht in die braune Ecke gestellt zu werden. Auf keinen Fall nicht Globalist sagen. Die Bezeichnung charakterisiert einen AFD-Anhänger. Die Lösung des Problems ist, in allen Ländern nachzufragen, welche Bezeichnungen denn dort noch zweifellos sind. Auch sollte man ständig prüfen, welches Vokabular die fiesen Rechten bevorzugen. Gendergerecht sollte man/frau sowieso sein. Also zuerst die/den Verkäuferin/er fragen, wie man/frau denn gendergerecht angeredet werden möchte. Bekommt eine Abmahnung, wenn man nicht neigungsgemäß LBGDITQ anspricht?