Medienforscher Gäbler kritisiert Armutsberichterstattung im Fernsehen

Diffamiert das deutsche Privatfernsehen mit "Unterschichtenfernsehen" sozial Benachteiligte? Der Medienforscher Gäbler sieht das so. Doch es gibt auch Befürworter von Boulevardsendungen.

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler vermisst im Massenmedium Fernsehen in Deutschland eine respektvolle Berichterstattung über sozial Benachteiligte und ihre Lebenssituation. Der Privatsender RTL2 zeichne in Sendungen wie "Hartz und herzlich" ein Zerrbild der Unterschichten, "aber weder Medienkritiker noch Sozialpolitiker kümmern sich darum", kritisierte der Bielefelder Hochschullehrer im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Auch ARD und ZDF müssten beim Thema Armut ihre Formate überdenken, da sie die von Armut Betroffenen nicht erreichten.

Gäbler hat für die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall das Diskussionspapier "Armutszeugnis. Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt" verfasst, das am Dienstag online veröffentlicht wurde. Das Papier stieß auf ein geteiltes Echo: Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband begrüßte Kritik und Forderungen des Medienwissenschaftlers, der Deutsche Journalistenverband (DJV) äußerte sich befremdet.

Neue journalistische Formen

Für die Studie hat Gäbler nach eigenen Angaben mehr als 100 Stunden lang Sendungen wie "Hartz und herzlich" oder "Armes Deutschland - stempeln oder abrackern?" auf RTL2 angeschaut und stellt fest: "Diese Sendungen liefern unter dem Deckmantel des Mitgefühls eine Fülle abwertender Klischees." In Deutschland kümmere das jedoch weder Medienkritiker noch Sozialpolitiker. "Bei uns bestimmt Ignoranz das Verhältnis zu den Unterschichten", kritisiert Gäbler.

ARD und ZDF bescheinigt der frühere Direktor des Grimme-Instituts zwar "immer wieder einzelne beeindruckende Dokumentationen, insgesamt aber zu wenig koordinierte Anstrengung". Außerdem müssten Reporter, Autoren und Regisseure stärker über neue journalistische und ästhetische Formen nachdenken. "Daran mangelt es", sagte Gäbler.

Emanzipation, Identität und Psychologie

Er sieht im Programm von RTL2 durchaus eine Gefahr. "Die Unterschichten werden vorgeführt und wahrgenommen wie das ganz Andere in der Gesellschaft, etwas völlig Fremdes, etwas, das man sich vom Leibe halten muss." Die soziale Spaltung der Gesellschaft werde durch eine mediale Spaltung verfestigt.

Bei ARD und ZDF sei das zentrale Problem, dass sie die von Armut Betroffenen nicht erreichten So spielten die meisten Unterhaltungsfilme in gut situierten Familien. "Bearbeitet werden meist Probleme, die um Emanzipation, Identität und Psychologie kreisen. Das ist ein Fernsehen von den Mittelschichten für die Mittelschichten."

Empathie und Unterstützung

Der Medienwissenschaftler fordert eine heftige, kritische öffentliche Debatte wie in anderen europäischen Ländern. So habe in Österreich ein Bündnis von Sozialverbänden einen "Leitfaden für eine respektvolle Armutsberichterstattung" erarbeitet. "Das sollte doch auch bei uns möglich sein", sagte Gäbler. Journalisten- und Sozialverbände rief er auf, mit den Betroffenen einen "Leitfaden zur respektvollen Armutsberichterstattung" zu erstellen.

Der DJV reagierte mit Befremden auf das Diskussionspapier. "Wirtschaftlich benachteiligte Menschen dürfen nicht zusätzlich durch das Privatfernsehen bestraft werden", sagte DJV-Vorsitzender Frank Überall. "Boulevard kann und muss Diskriminierung vermeiden." Dennoch sehe er keinen Anlass für eine Generalkritik des privaten Fernsehangebots, so Überall: "Boulevardsendungen haben ihre Existenzberechtigung im Medienangebot der Sender." Es gebe viele Formate im Privatfernsehen, die ihre Zielgruppen mit adäquaten Informations- und Unterhaltungselementen bedienten und die Fernsehlandschaft insgesamt bereicherten.

Die Nationale Armutskonferenz begrüßte die Untersuchung. Armut sollte nicht in Unterhaltungsformaten verhandelt werden, erklärte der Sprecher des Bündnisses von Verbänden und Initiativen, Gerwin Stöcken. Neben vielen Positivbeispielen in der medialen Öffentlichkeit gebe es auch immer wieder "abwertende Zerrbilder", die Klischees und Vorurteile bedienten.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider, sagte, Menschen mit Armutserfahrung brauchten Empathie und Unterstützung, sie dürften nicht bloßgestellt und diffamiert werden, wie dies im Privatfernsehen geschehe. Armutskonferenz und Paritätischer erklärten sich bereit, an der Erarbeitung eines Leitfadens für respektvolle Armutsberichtserstattung mitzuwirken.

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