Generalbundesanwalt ermittelt nach Schüssen in Sachsen-Anhalt

epd-bild/Georg Wittmann

Polizisten in Halle (Saale)

Polizisten in Halle (Saale)

In Halle sind am Mittwoch zwei Menschen erschossen worden. Die Schüsse fielen in der Nähe einer Synagoge. Politiker verurteilten die Tat auf das Schärfste. Das Internationale Auschwitz Komitee sprach von einer "Steigerung des rechtsextremen Terrors".

In Halle (Sachsen-Anhalt) sind am Mittwoch zwei Menschen in der Nähe einer Synagoge erschossen worden. Der Generalbundesanwalt übernahm nach den tödlichen Schüssen die Ermittlungen. Hintergrund ist, dass es sich um Mord handele und der Fall eine besondere Bedeutung habe, weil die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland betroffen sei, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Zum Motiv, ob es sich um einen möglichen rechtsextremistischen oder antisemitischen Hintergrund handelte, könne aber zunächst nichts gesagt werden. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

Nach Polizeiangaben fielen mehrere Schüsse. Es wurde von mehreren Tätern ausgegangen, die zunächst flüchtig waren. Es wurde mit Hochdruck nach ihnen gefahndet. Am frühen Nachmittag vermeldete die Polizei die Festnahme einer Person. Die Schüsse fielen den Angaben zufolge "in der Nähe einer Synagoge".

"Verabscheuungswürdige Tat"

Die Stadtverwaltung in Halle sprach von einer Amoklage. Die Bevölkerung wurde vorübergehend aufgerufen, Wohnungen und Gebäude nicht zu verlassen. Am Abend hieß es von der Stadt unter Berufung auf die Polizei, es liege keine akute Gefährdung der Bevölkerung vor.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte: "Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat." Sie sei auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben im Land: "Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer." Landes-Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) zeigte sich tief betroffen und erschüttert, "wozu Menschen - egal was sie dazu bewegt hat - fähig sind".

Gläubige Juden feierten am Mittwoch Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag. Der sogenannte Versöhnungstag ist für viele Juden der heiligste Tag im Jahr. Am jüdischen Buß- und Bettag wird gefastet und zur Aussöhnung mit den Mitmenschen aufgerufen.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sagte: "Dass am höchsten Feiertag des Judentums in Deutschland ein Anschlag gegenüber jüdischen Menschen erfolgen kann, ist für Überlebende ein tiefer Schmerz, der sie an die dunkelsten und mörderischen Zeiten des Antisemitismus in Deutschland erinnert." Dieser Anschlag sei nach Chemnitz und dem Mord an Walter Lübcke die nächste Steigerung des rechtsextremen Terrors in Deutschland.

Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus

UN-Generalsekretär António Guterres nannte die Attacke einen weiteren tragischen Akt des Antisemitismus. Guterres rief zugleich in New York zum entschlossenen Kampf gegen Judenhass auf. Er übermittelte seine Anteilnahme den Familien der Opfer, der Bundesregierung und allen Deutschen.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, sagte der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" (Donnerstag): "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen." Der Mann habe ausgesehen wie von einer Spezialeinheit: "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte er. In der Synagoge, in der die Gemeinde den jüdischen Feiertag Jom Kippur gefeiert habe, seien die Menschen geschockt gewesen.

Nach Medienberichten soll es auch Schüsse in einem Döner-Imbiss und im mehrere Kilometer entfernten Landsberg im Saalekreis. Eine Polizeisprecherin wollte am Mittwochnachmittag dazu jedoch mit Verweis auf die Bundesanwaltschaft keine weiteren Angaben machen. Auch zu Spekulationen zu einer Explosion auf einem jüdischen Friedhof in Halle gab es keine Angaben.

Politiker und Bischöfe bestürzt

Spitzenpolitiker zeigten sich zutiefst betroffen. Außenminister Heiko Maas (SPD) twitterte: "Dass am Versöhnungsfest #YomKippur auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz". Alle im Land müssten gegen Antisemitismus vorgehen, schrieb Maas. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer äußerte im "Tagesspiegel" (Donnerstag) Trauer und Wut: "Ein solcher Angriff am höchsten jüdischen Feiertag ist ein Alarmzeichen, das niemanden in Deutschland unberührt lassen kann." Der SPD-Politiker Lars Castellucci forderte eine Antisemitismus-Konferenz, zu der die Bundesregierung einladen müsse.

Auch die Spitzenvertreter von evangelischer und katholischer Kirche äußerten Entsetzen und Trauer. "Ich bin entsetzt und fassungslos angesichts dieser Gräueltat", erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. "Wir sind den Juden in unserem Land, unseren Schwestern und Brüdern, gerade in diesen Stunden eng im Gebet verbunden", betonte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx.

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann zeigte sich ebenfalls bestürzt. "Wo Juden angegriffen werden, werden Menschen jeden Glaubens angegriffen", erklärte sie am Abend bei einer Solidaritätsaktion für die jüdischen Gemeinden in der Marktkirche in Hannover.

epd lob fu

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