Lebenshilfe-Vorstand: "Unsere Selbstvertretung muss stärker werden"

epd-bild/Dieter Sell

Leichte Sprache mit Bildern ist für Menschen mit Behinderungen sehr wichtig, um mitreden und mitbestimmen zu können, sagt Ramona Günther von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. (Archivbild)

Leichte Sprache mit Bildern ist für Menschen mit Behinderungen sehr wichtig, um mitreden und mitbestimmen zu können, sagt Ramona Günther von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. (Archivbild)

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe verstärkt ihre Bemühungen, dass Menschen mit geistigen Behinderungen ihre Anliegen selbstbewusster vertreten können.

Diesem Ziel diene die aktuelle Kampagne "Selbstvertretung - Na klar!" und ein Kongress ab dem 29. August in Leipzig, sagte Vorstand Ramona Günther dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Nur wir selbst können gerade heraus sagen, was Sache ist. So können wir Druck machen, damit die langsamen Politiker endlich mal einen Zahn zulegen", sagte Günther. Kampagne und Kongress sorgten dafür, "dass wir Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter stärker werden".

Die 60-jährige aus Freudenstadt im Schwarzwald verwies auf unterschiedliche Hemmnisse, die eigenen Belange öffentlich zu vertreten. "Das größte Hindernis ist schwere Sprache. Wer etwas nicht versteht, kann nicht mitreden und mitbestimmen. Deshalb ist leichte Sprache mit Bildern so wichtig für uns." Ohne die gehe es nicht. "Und man muss Zeit und Geduld haben, wenn man uns etwas erklärt. Das alles muss selbstverständlich werden. Das hilft zum Beispiel auch Flüchtlingen, die nicht so gut Deutsch können", sagte das Vorstandsmitglied.

"Wir sind die Experten für unser Leben"

Ihrer Ansicht nach sind die Zeiten vorbei, "dass andere immer besser wissen, was gut und richtig für uns ist. Wir sind die Experten für unser Leben." Jeder Mensch habe eine Begabung, stellte Günther klar: "Und wer so schwer behindert ist, dass er nicht für sich selbst sprechen kann, dem geben wir Selbstvertreter eine Stimme."

Günther, die seit 2008 dem Lebenshilfe-Vorstand angehört, will mehr Menschen mit Beeinträchtigung überzeugen, in Werkstatt- und Wohnbeiräten mitzuarbeiten. Noch trauten sich zu wenige solche Ämter zu. Es gebe zwar schon Kurse, wo man lernen kann, welche Aufgaben man im Werkstattrat oder Wohnbeirat hat. "Aber wir brauchen noch mehr Fortbildungsangebote." Zur Vernetzung und zum Austausch diene auch der Selbstvertreter-Kongress vom 29. bis 31. August in Leipzig. Über 700 Besucher würden erwartet, die an rund 30 Workshops und Vorträgen teilnehmen.

Menschen mit Handicap kaum präsent

In Vereinen, Verbänden und Parteien der "Normalgesellschaft" seien Menschen mit Handicap noch kaum präsent: "Da sind wir noch am Anfang." Aber sie fühle sich selbst auch als Politikerin, wenn sie sich in der Öffentlichkeit für Menschen mit Beeinträchtigung einsetze.

Günther sieht es kritisch, dass viele Eltern ihre Kinder mit Behinderung nicht alleine entscheiden lassen. "Viele denken, die Welt ist so kompliziert und gefährlich, da müssen die Menschen mit Beeinträchtigung beschützt werden." Doch das sei falsch: "Wir wollen nicht immer beschützt werden, wir wollen raus aus unserem Schneckenhaus. Lasst uns einfach mal machen."

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