Studie: Strukturschwachen Regionen droht weitere Schwächung

epd-bild/Steffen Schellhorn

In Deutschland bestehen ungleiche Lebensverhältnisse (Archivbild)

In Deutschland bestehen ungleiche Lebensverhältnisse (Archivbild)

Mit dem politischen Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse würden Erwartungen geweckt, die nicht zu erfüllen sind, sagt eine neue Studie. Die Lebensbedingungen in den Regionen seien naturgemäß vielfältig. Dies solle die Politik akzeptieren.

Strukturschwache Regionen in Deutschland drohen einer neuen Studie zufolge weiter den Anschluss an wohlhabendere Regionen und Kommunen zu verlieren. Bevölkerungsrückgang und schwindende Daseinsvorsorge würden sich weiter verstärken, wenn von der Politik nicht gegengesteuert werde, heißt es in dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten "Teilhabeatlas Deutschland".

Anstatt eine "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" zu versprechen, sollte die Politik vielmehr eine bundesweit einheitliche Grundversorgung definieren, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bei der Präsentation der Studie. Dazu gehöre etwa eine garantierte Elektrizitätsversorgung und eine ordentliche Internetverbindung. Wichtigste Grundvoraussetzung für nachwachsende Generationen seien gleiche Bildungschancen.

Mehr Autonomie für Kommunen

Nötig sei zudem eine Stärkung der Eigenverantwortung der Kommunen. Diese bräuchten mehr Finanz- und Entscheidungsautonomie, sagte Stefan Krämer von der Wüstenrot Stiftung, die die Studie mitfinanziert hat. "Damit sie dort ansetzen können, wo es am dringendsten ist, ob das der Erhalt der Grundschule oder der Bau eines weiteren Verkehrskreisels ist", heißt es im "Teilhabeatlas".

Die Studie zu ungleichwertigen Lebensverhältnissen in Deutschland basiert auf einer Auswertung von acht Indikatoren aus 401 kreisfreien Städten und Landkreisen sowie Interviews zur Wahrnehmung der eigenen Region. Zu den Teilhabe-Indikatoren gehören neben der Quote von Hartz-IV-Empfängern und dem Wanderungssaldo auch das jährlich verfügbare Haushaltseinkommen je Einwohner. Außerdem flossen in die Studie Zahlen zu kommunalen Steuereinnahmen, die Schulabbrecherquote, die Lebenserwartung, die Internet-Breitbandversorgung sowie die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des alltäglichen Lebens wie Ärzten, Supermärkten und regelmäßigem öffentlichen Nahverkehr.

Schlechte Chancen im Osten

Wie gut Menschen heute am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten, hänge in Deutschland stark von ihrem Wohnort ab, sagte Klingholz weiter. "Besonders gut sind die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen." Nördlich davon böten nur vereinzelte Regionen ihren Bewohnern vergleichbare Teilhabechancen, im Osten lediglich der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald.

Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung würden die meisten ostdeutschen Regionen noch in vielen Bereichen zurückhängen, heißt es in der Studie weiter. Dieses Schicksal teilten sie mit den Bewohnern einiger westdeutscher Städte, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

"Großstädte mit Problemlagen"

Im Ergebnis zerfalle die Republik in sechs Bereiche, die sich in ihren Rahmenbedingungen ähneln: drei städtische und drei ländliche "Cluster" mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen. Zu den "reichen Großstädten und ihren Speckgürteln" gehören 19 Kreise sowie etwa München, Stuttgart und Frankfurt am Main. "Großstädte mit Problemlagen" finden sich in 51 Kreisen; dazu zählen etwa Gelsenkirchen, Bremerhaven, Berlin und Dortmund.

In insgesamt fast 300 Einzelinterviews und Gruppengesprächen hätten Bürger und Politiker "ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch eingeschätzt", sagte Manuel Slupina als Mitautor der Studie. Die befragten Landbewohner seien sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln müssen und für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen sind: "Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben."

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