Russischer Bischof will Anerkennung von "Genozid" an Deutschen

epd-bild/Gerhard Baeuerle

Der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, Dietrich Brauer

Der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, Dietrich Brauer

Der Erzbischof der Lutheraner in Russland fordert, dass die russische Regierung den "Völkermord" an den Deutschen nach der Oktoberrevolution 1917 anerkennt. Dann könnte man die Rückgabe enteigneter Immobilien beanspruchen.

Der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, Dietrich Brauer, dringt darauf, dass die russische Regierung den "Völkermord" an den Deutschen nach der Oktoberrevolution 1917 anerkennt. In jener Zeit seien Deutsche pauschal als Regierungsgegner verhaftet und getötet worden, sagte Brauer am Montag in Stuttgart. Leitende der lutherischen Kirche habe man hingerichtet und Kirchen enteignet. Eine Anerkennung des Genozids hätte zur Folge, dass die heutige Kirche die Rückgabe enteigneter Immobilien beanspruchen könnte.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland befinde sich bei der Nutzung von Kirchengebäuden weiterhin in einer unsicheren Lage, betonte der Bischof. In mehreren Städten dürften sie in ihren traditionellen Kirchen Gottesdienste feiern, besitzen die Häuser aber nicht. Rechtlich sei es deshalb schwierig, außergottesdienstliche Veranstaltungen wie beispielsweise Konzerte durchzuführen.

Vor zwei Jahren hatte der Staat den Lutheranern die Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau zurückgegeben. Dazu waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, nach Russland gereist. Brauer zufolge sollten nun auch die lutherischen Gotteshäuser in St. Petersburg, Wolgograd, Krasnodar und Smolensk zurückgegeben werden.

Bauer wurde 2011 jüngster lutherischer Bischof

Das Verhältnis seiner Kirche zum Staat bezeichnete der Bischof als "kritisch-solidarisch". Als Staatsbürger wünschten die Lutheraner nur das Beste für ihr Land. Er selbst sei inzwischen Mitglied des Präsidentenrats für die Beziehungen zu religiösen Einrichtungen, in dem unter anderem die russisch-orthodoxe Kirche, Juden, Muslime und Buddhisten vertreten seien.

Dietrich Brauer war 2011 mit damals 28 Jahren als einer der jüngsten Bischöfe einer lutherischen Kirche gewählt worden. 2015 wurde der Sohn einer russlanddeutschen Familie zum Erzbischof der beiden evangelisch-lutherischen Diözesen Europäisches Russland (ELKER) und Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO) geweiht. Die Diözesen haben gemeinsam rund 40.000 Mitglieder. Gottesdienste werden in der Regel in russischer Sprache gefeiert, wobei einzelne Elemente wie das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis teilweise auch auf Deutsch gesprochen werden.

Zurzeit hält sich Brauer auf Einladung des Gustav-Adolf-Werks Württemberg in Deutschland auf, das Werk unterstützt evangelische Minderheitenkirchen im Ausland. Die Vorsitzende des Gustav-Adolf-Werks Deutschland und Württemberg, die Ulmer Regionalbischöfin Gabriele Wulz, sagte, Brauers Wahl sei ein "Quantensprung" für die lutherische Kirche in Russland gewesen. Dass nach Jahrzehnten wieder ein russischer Staatsbürger Bischof wurde, sende die Botschaft: "Wir sind Teil dieses Landes". Das Gustav-Adolf-Werk hilft der Kirche in diakonischen Projekten, beim Erhalt von Gebäuden sowie in der theologischen Ausbildung.

Herausfordernd ist für die Kirche nach wie vor ihre Finanzierung. Pastoren wohnten zwar mietfrei, erhielten aber nur einen Monatslohn von 100 Euro, sagte Erzbischof Brauer. Dieser Betrag werde teilweise von deutschen Partnerkirchen aufgestockt. Dauerhafte Zuschüsse von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und einzelnen Landeskirchen liefen aus, lediglich das theologische Seminar in St. Petersburg erhalte einen jährlichen Zuschuss von 30.000 Euro. Haupteinnahmen für die lutherische Kirche seien Vermietungen und Konzertveranstaltungen in Moskau.

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