Papst will Vatikanarchive aus NS-Zeit für Forschung öffnen

epd-bild / KNA-Bild

Vatikanisches Geheimarchiv (Archivbild)

Vatikanisches Geheimarchiv (Archivbild)

Papst Franziskus will die Vatikanarchive mit Dokumenten aus dem Pontifikat von Papst Pius XII. (1876-1958) öffnen, der in der NS-Zeit amtierte.

Wissenschaftlern werde der Zugang ab dem 2. März 2020 ermöglicht, kündigte das Kirchenoberhaupt Vatikanangaben vom Montag zufolge bei einer Audienz für Mitarbeiter des Vatikanischen Geheimarchivs an. Historiker hatten in der Vergangenheit wiederholt die Öffnung der Archive gefordert, um das umstrittene Verhalten des Pacelli-Papstes im Umgang mit den Nationalsozialisten erforschen zu können.

"Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte", erklärte der Papst bei der Audienz unter Anspielung auf Mutmaßungen, die betreffenden Archivbestände würden aus Angst vor belastendem Material unter Verschluss gehalten. Er sei sicher, dass "ernsthafte und objektive historische Forschung mit angemessener Kritik Momente großer Schwierigkeit, schmerzhafter Entscheidungen, menschlicher und christlicher Vorsicht im rechten Licht beurteilen wird".

Schweigen von Pius XII. zum Holocaust

Das Vorgehen von Pius XII. sei mitunter als Zurückhaltung ausgelegt worden, sagte Franziskus im Zusammenhang mit dem Schweigen von Pius XII. zum Holocaust. Dieser habe vielmehr versucht, in Zeiten finsterster Dunkelheit und Grausamkeit, "die Flamme humanitärer Initiativen, im Verborgenen ausgeübter aktiver Diplomatie und eine Hoffnung auf die mögliche Öffnung von Herzen am Leben zu halten".

Pius XII. sei in einem der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts Oberhaupt der katholischen Kirche gewesen, betonte Franziskus unter Hinweis auf den Zweiten Weltkrieg. Sein Wirken sei bereits unter zahlreichen Aspekten erforscht, diskutiert und "mit manchen Vorurteilen und Übertreibungen sogar kritisiert" worden. Inzwischen habe man seine vielfältigen seelsorgerischen, theologischen und diplomatischen Fähigkeiten jedoch anerkannt.

Anhaltende Kontroverse über den Papst

Der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth löste 1963 mit der Veröffentlichung seines Theaterstücks "Der Stellvertreter" über Pius XII. eine anhaltende Kontroverse über den Papst aus. Dessen Bemühen um das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich von 1933 wurde in der Folge entweder als Versuch gewertet, die katholische Kirche in Deutschland vor Verfolgung zu schützen, oder als Anbiederung an den Nationalsozialismus.

Der Verzicht des Pacelli-Papstes auf öffentliche Verurteilungen des Holocaust galt dessen Anhängern als Vorsichtsmaßnahme, um negative Konsequenzen für Katholiken als Reaktion auf eine ansonsten wirkungslose Kritik am NS-Regime abzuwenden. Kritiker wie Hochhuth sahen dagegen historischen Antijudaismus der Kirche hinter dem Verhalten des Papstes.

Bereits die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bemühten sich, Kritik an Pius XII. durch Teilöffnungen der Archive zu entkräften, die gewöhnlich für ganze Pontifikate erfolgen. Da die Bestände aus dem Pontifikat von Pius XII. bald vollständig katalogisiert seien, könne es zum 81. Jahrestag von dessen Wahl zum Papst im kommenden Jahr geöffnet werden, erklärte nun Franziskus.

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