Stimmen für die Armen bei Karneval in Rio

epd-bild/Florian Kopp

Karneval in Rio de Janeiro (Archivbild)

Karneval in Rio de Janeiro (Archivbild)

Kritik an den sozialen Verhältnissen, an Rassismus und Gewalt: Auch in diesem Jahr zeigt der Karneval in Rio wieder ein politisches Gesicht. Im berühmten Sambodrom begann am Sonntagabend (Ortszeit) die Parade der besten Sambaschulen der Stadt.

Der Samba der Schule Mangueira erinnerte dabei an die im März vergangenen Jahres auf offener Straße erschossene linke Abgeordnete Marielle Franco, die gegen Polizeigewalt kämpfte und den Bewohnern der Armenviertel in Rio eine Stimme gab. Ihr Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

Der Gewinner des Vorjahres, die Schule Beija Flor, nahm in der Parade Bezug auf seine 70-jährige Geschichte. Die Schule wurde 1948 in Rios armen Vorort Nilópolis gegründet. Die Schule Salgueiro erinnerte in ihrem prachtvollen Defilee an die afrikanischen Sklaven, die nach Brasilien kamen - an ihre Religion und Kultur.

Prestigeträchtiger Wettbewerb

Insgesamt ziehen bis Montag 14 Sambaschulen durch das 700 Meter lange Sambodrom, das Platz für rund 80.000 Zuschauer bietet. Bei dem prestigeträchtigen Wettbewerb treten die großen Schulen mit jeweils Tausenden Mitgliedern gegeneinander an. Sie bereiten sich fast ein Jahr auf den Wettbewerb vor.

Schon im vergangenen Jahr war der Karneval entgegen der Tradition politisch geprägt. Kritik an Regierenden war zuvor nach einer stillen Übereinkunft der Sambaschulen nicht vorgesehen. Doch auch in diesem Jahr scheint diese Übereinkunft nicht mehr zu gelten, denn viele Teilnehmer stellen sich in ihrem Programm der sozialen Realität mit ihrer Gewalt, Korruption und wachsenden Ungleichheit.

Größte Attraktion in Rio

Rios evangelikaler Bürgermeister, Marcelo Crivella, ist ein Karnevalsgegner und verweigerte wie im Vorjahr seine Teilnahme an der Parade. Die finanzielle Unterstützung für die Feierlichkeiten hat er um die Hälfte zusammengestrichen. Dabei gilt der Karneval als größte Attraktion in Rio, die auch in diesem Jahr rund 1,5 Millionen Touristen anzog.

In Rio de Janeiro gibt es mehr als 100 Sambaschulen. Sie sind in vielen Armenvierteln der einzige Arbeitgeber und zugleich sozialer Treffpunkt.

Mit Spannung wurde am Montag das Duell der beiden größten Schulen Mangueira und Portela erwartet. Auch Portela zeigt sich sozialkritisch und ehrt die Sängerin Clara Nunes, die in den 1970er Jahren als erste Künstlerin in ihren Sambas die afro-brasilianische Kultur thematisierte und damit eine Ikone wurde. Die Kostüme für den Rekordhalter mit 22 Titeln hat der französische Stardesigner Jean-Paul Gaultier entworfen.

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