Anführer der Roten Khmer erstmals wegen Völkermordes verurteilt

Es ist die zweite lebenslange Haftstrafe für die kambodschanischen Rote-Khmer-Chefs Nuon Chea und Khieu Samphan. Die beiden stehen seit 2011 vor Gericht. Wegen der Schwere ihrer Verbrechen ist das Verfahren in mehrere Prozesse aufgeteilt worden.

Ein von den Vereinten Nationen gestütztes Sondertribunal in Kambodscha hat erstmals führende Köpfe der Roten Khmer wegen Völkermordes verurteilt. Wie das Gericht in der Hauptstadt Phnom Penh am Freitag erklärte, müssen der einstige Chefideologe Nuon Chea (92) und der damalige Staatschef Khieu Samphan (87) lebenslang hinter Gitter.

Beide Männer wurden des Völkermordes an ethnischen Vietnamesen für schuldig befunden, Nuon Chea außerdem noch wegen desselben Verbrechens an kambodschanischen Cham-Muslimen. Menschenrechtsorganisationen begrüßten das Urteil, das jedoch 40 Jahre nach den brutalen Verbrechen der Roten Khmer viel zu spät komme.

Nuon Chea ("Bruder Nummer zwei") und Khieu Samphan standen seit 2011 vor Gericht und waren im August 2014 wegen anderer Gräueltaten bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden, unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wegen der Schwere der Vorwürfe waren die Prozesse gegen die einstigen Rote-Khmer-Anführer aufgeteilt worden.

Gewisses Maß an Gerechtigkeit

Der Südostasien-Chef von Amnesty, Nicholas Bequelin, erklärte, die Welt habe viel zu lang auf diesen Moment warten müssen. Zwar bringe das Urteil ein gewisses Maß an Gerechtigkeit. "Jahrzehnte nach den Verbrechen und 13 Jahre nach seiner Einrichtung hätte das Tribunal aber mehr erreichen müssen."

Laut dem Vize-Asienchef von Human Rights Watch, Phil Robertson, stützt die richterliche Entscheidung die "unbestreitbare Wahrheit, dass in Kambodscha ein Völkermord statt gefunden hat, während die Welt wegschaute". Leider würden allerdings andere führende Köpfe der Roten Khmer, gegen die ebenfalls ermittelt wurde, wahrscheinlich nie zur Rechenschaft gezogen. Das liege an der Unnachgiebigkeit von Regierungschef Hun Sen, der darauf bestanden habe, das Gerichtsverfahren zu beschneiden.

Kambodschas autokratisch regierender Ministerpräsident Hun Sen ist selbst ein Ex-Offizier der Roten Khmer. Er lief 1977 zu den Vietnamesen über, die die Roten Khmer schließlich mit einer Invasion stürzten. Wiederholt stellte er klar, dass es unter seiner Regierung außer den ursprünglich fünf Beschuldigten keine weiteren Angeklagten geben werde.

Fast zwei Millionen Menschen fielen den Roten Khmer zum Opfer

Das erste Urteil der Sondertribunals erging im Juli 2010 gegen Kaing Khek Iev alias "Duch" mit einer Haftstrafe von rund 35 Jahren. Der frühere Leiter des Folter-Gefängnisses "Tuol Sleng" wurde daraufhin nach einem Berufungsverfahren 2012 ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Rote-Khmer-Außenminister Ieng Sary starb 2013 mit 87 Jahren. Seine Frau, die einstige Sozialministerin Ieng Thirith, wurde wegen Demenz für verhandlungsunfähig erklärt und starb im August 2015.

Unter der Terrorherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 kamen fast zwei Millionen Menschen ums Leben. Sie starben in Arbeitslagern oder Gefängnissen, wurden gefoltert und hingerichtet oder verhungerten. Der als "Bruder Nummer eins" bekannte Diktator Pol Pot kann nicht mehr juristisch belangt werden. Er starb 1998.

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