Studie: Pflegende Angehörige an der Grenze der Belastbarkeit

epd-bild/Juergen Blume

Häusliche Pflege

Häusliche Pflege

Dem Pflegenotstand in Deutschland droht nicht nur durch den Fachkräftemangel eine dramatische Verschärfung. Auch viele pflegende Angehörige stehen kurz davor, ihr Engagement aufzugeben.

Pflegende Angehörige fühlen sich einer Studie zufolge überlastet. Fast 200.000 sogenannte Hauptpflegepersonen stehen kurz davor aufzugeben, wie aus dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten "Pflegereport 2018" der Barmer Krankenkasse hervorgeht. "Ohne pflegende Angehörige geht es nicht", sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub. "Es ist höchste Zeit, dass sie schon frühzeitig besser unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden." Der Patientenschützer Eugen Brysch forderte in einer Reaktion auf die Barmer-Studie eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld. Dies könne zur Entlastung von pflegenden Angehörigen beitragen.

Ruf nach weniger Bürokratie

Rund 2,5 Millionen Menschen pflegen Angehörige zu Hause, darunter rund 1,65 Millionen Frauen. Die Barmer befragte nach eigenen Angaben mehr als 1.900 pflegende Angehörige. Demnach sagten fast 60 Prozent an, sie wünschten sich weniger Bürokratie bei der Beantragung von Leistungen.

Ein Drittel der Pflegenden geht der Studie zufolge einer Erwerbsarbeit nach, jeder Vierte hat seine Arbeit aufgrund der Pflege reduziert oder ganz aufgegeben. 85 Prozent der Befragten sagten, die Pflege bestimme ihren Alltag. Die Hälfte von ihnen kümmert sich sogar mehr als zwölf Stunden täglich um den Pflegebedürftigen.

In der Rolle gefangen

"Viele pflegende Angehörige sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Fast 40 Prozent von ihnen fehlt Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen, und jedem Fünften ist die Pflege eigentlich zu anstrengend", sagte der Autor des Pflegereports, Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Allerdings finde mehr als die Hälfte der Hauptpflegepersonen niemanden, der sie für längere Zeit vertreten würde.

Wie aus dem Report weiter hervorgeht, geben knapp 440.000 Pflegende ihren pflegebedürftigen Angehörigen nicht in Kurzzeitpflege; je knapp 380.000 Personen nehmen Tagespflege und Betreuungs- und Haushaltshilfen nicht in Anspruch. Dies begründen sie neben einem fehlenden Angebot hauptsächlich mit Zweifeln an der Qualität und den Kosten der vorhandenen Angebote.

Oft krank

Pflegende Familienangehörige sind nach den Angaben der Barmer relativ häufig krank. So leiden 54,9 Prozent von ihnen unter Rückenbeschwerden und 48,7 Prozent unter psychischen Störungen. Bei Personen, die niemanden pflegen, trifft dies nur auf 51,3 Prozent beziehungsweise 42,5 Prozent zu.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte in Dortmund, das Problem sei hausgemacht. "Der größte Pflegedienst Deutschlands geht am Stock. Immer weniger Angehörige können ein Familienmitglied pflegen." Die bestehenden Angebote zur Entlastung von Angehörigen würden der Lebenswelt nicht gerecht. "Pflegezeiten, Pflegeunterstützungsgeld, Kurzzeit- und Verhinderungspflege sind bei weitem nicht ausreichend und laufen oft ins Leere", sagte Brysch.

Beruf und Pflege ließen sich nur vereinbaren, wenn es für pflegende Angehörige eine staatlich finanzierte Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld gibt, fügte Brysch hinzu. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse "endlich handeln und ein solches Pflegezeitgeld auf den Weg bringen".

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