KZ-Aufseher Palij gab sich als NS-Opfer aus

Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende wurde der frühere KZ-Aufseher Palij am Dienstag aus den USA abgeschoben. Wie jetzt bekannt wurde, hatte sich Palij Ende der 1940er Jahre in Deutschland als NS-Opfer ausgegeben und wurde daher finanziell unterstützt.

Der aus den USA nach Deutschland abgeschobene frühere KZ-Aufseher Jakiw Palij hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Hilfeleistungen für NS-Opfer erschlichen. Der heute 95-Jährige hielt sich in sogenannten DP-Camps für von den Nazis verschleppte und verfolgte Menschen auf und erhielt Unterstützung für seine Auswanderung in die USA, wie das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen (ITS) dem Evangelischen Pressedienst (epd) bestätigte. Über den Fall hatte zuerst die "Bild"-Zeitung berichtet. Palij soll unter anderem in DP-Lagern in Bamberg und im Resettlement Center in Schweinfurt gewesen sein.

Laut Unterlagen des ITS-Archivs habe Palij seine SS-Zugehörigkeit offenbar verschwiegen und sich so Hilfeleistungen erschlichen, hieß es. Der Leiter der ITS-Abteilung Forschung und Bildung, Henning Borggräfe, sagte der "Bild", die Alliierten hätten Palij als "Displaced Person" (DP) anerkannt und seine Emigration unterstützt: "Unterlagen zum Anerkennungsverfahren liegen jedoch nicht vor, so dass unklar bleibt, wie er sich gegenüber den alliierten Hilfsorganisationen zu seiner Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs geäußert hatte."

"Nicht allzu schwer"

Borggräfe sagte dem epd, es sei wahrscheinlich "nicht allzu schwer gewesen" nach Kriegsende die Seiten zu wechseln und sich statt als KZ-Aufseher als NS-Opfer auszugeben. Grundlagen für die Anerkennungsverfahren der alliierten Hilfsorganisationen seien ausgefüllte Fragebögen und Befragungen gewesen. "Danach wurde das Ganze auf Plausibilität geprüft und entschieden", erklärte der Experte. Es sei gut denkbar, dass unter den anerkannten DP "auch einige Tausend Menschen mit fragwürdiger Vergangenheit waren", etwa aus den Baltikum-Verbänden, die mit der Wehrmacht kämpften.

Borggräfe betonte, dies sei nicht Anschuldigung zu verstehen: "Die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg war extrem unübersichtlich. Die Menschen hatten entweder gar keine Papiere - oder welche, die leicht gefälscht werden konnten." Es sei kaum überprüfbar gewesen, ob ein Mensch aus der Ukraine nun NS-Opfer oder KZ-Aufseher gewesen sei. Anders als etwa Mitglieder der Waffen-SS und anderer SS-Verbände, die eine sogenannte Blutgruppentätowierung hatten, habe man Mitgliedern der SS-Hilfstruppen ihre Mitgliedschaft äußerlich nicht nachweisen können, erklärte er.

Lüge begann bereits in Deutschland

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, sagte der "Bild": "Offensichtlich hat sich Palij auch noch direkt nach Kriegsende in DP-Camps unter die Opfer eingeschlichen. Die Lüge seines Lebenslaufes, die er in den USA fortgesetzt hat, begann also bereits in Deutschland." Gegenüber den US-Behörden hatte der ehemalige KZ-Aufseher Ende der 1940er Jahre bei seiner Einreise falsche Angaben gemacht. Seine SS-Tätigkeit wurde von US-Behörden um die Jahrtausendwende enttarnt. Die USA versuchten seit 2004, Palij nach Deutschland abzuschieben.

Seit seiner Abschiebung nach Deutschland am Dienstag wird Palij vom Land Nordrhein-Westfalen untergebracht und versorgt. In Deutschland laufen gegen ihn zurzeit aber keine strafrechtlichen Ermittlungen, wie die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg erklärte. Die Staatsanwaltschaft Würzburg hatte zwar in der Vergangenheit schon einmal gegen Palij ermittelt, das Verfahren aber aus Mangel an Beweisen eingestellt.

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