Studie: Zahl der Hartz-IV-Bezieher wird nicht kleiner

epd-bild/Juergen Blume

Jobcenter Berlin-Neukölln

Jobcenter Berlin-Neukölln

Die Zahl der Hartz-IV-Bezieher verharrt auf hohem Niveau: Sechs Millionen Menschen beziehen die Hilfsleistung. Erschreckendes berichtet der Kinderschutzbund: Nach seinen Berechnungen leben 1,4 Millionen mehr Kinder in Armut als bisher angenommen.

Die Zahl der Hartz-IV-Bezieher ist laut einer Studie trotz des Arbeitsmarktbooms seit 2011 nicht zurückgegangen. Sie liegt relativ konstant nahe der Sechs-Millionen-Marke, wie aus einer am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht. Die Zahl der unter Armut leidenden Kinder ist dem Deutschen Kinderschutzbund zufolge deutlich höher als bisher bekannt.

Der Kinderschutzbund macht folgende Rechnung auf: Für drei Millionen Kinder zahlt der Staat Sozialleistungen, damit deren Existenzminimum gesichert ist. Zählt man aber auch diejenigen Familien hinzu, die Anspruch auf Hartz IV, Kinderzuschlag oder Wohngeld haben, dies aber nicht nutzen, ist die Zahl der in Armut lebenden Kinder deutlich höher. "Denn viele Familien beantragen Leistungen erst gar nicht, die ihnen aufgrund ihres geringen oder fehlenden Einkommens eigentlich zustehen", erklärte der Präsident der Organisation, Heinz Hilgers, am Mittwoch in Berlin.

Anerkennung als Asylberechtigte

Im vergangenen Jahr bezogen deutlich weniger Arbeitslose Hartz IV bezogen als zehn Jahre zuvor: Die Zahl der erwerbslosen Personen, die Arbeitslosengeld II erhielten, sank von knapp 2,6 Millionen auf etwa 1,6 Millionen im Jahr 2017. Dank der guten konjunkturellen Lage hätten auch viele gering Qualifizierte eine Beschäftigung gefunden, erklärte DIW-Forscher Karl Brenke.

Zugleich ist jedoch die Zahl der Aufstocker, also der Erwerbstätigen, die trotz des 2015 eingeführten Mindestlohns von 8,50 Euro nicht ohne Hartz-IV-Leistungen über die Runden kommen, kaum gesunken. "In der Gruppe der abhängig Beschäftigten, die mehr als 1.200 Euro im Monat verdienen, müssen heute sogar mehr Personen als vor Einführung des Mindestlohns ihren Verdienst aufstocken", stellte Brenke fest. Der Mindestlohn verhindere also keine Abhängigkeit von Hartz-IV-Leistungen.

"Mentalitätswechsel" unter den Erwerbslosen

Auch die Zuwanderung Asylsuchender habe dazu beigetragen, dass die Zahl der Hilfebedürftigen insgesamt nicht weiter gesunken sei. Nach ihrer Anerkennung als Asylberechtigte stehen die Flüchtlinge dem Arbeitsmarkt oftmals zunächst noch nicht zur Verfügung und beziehen zumindest vorübergehend Hartz IV, erklärte das Institut. Unter den ausländischen Staatsangehörigen ist die Hilfebedürftigkeit insgesamt besonders groß: Im vergangenen Jahr bezog fast jeder vierte Ausländer Hartz IV, wie das DIW erklärte.

Die Zahl der Hartz-IV-Arbeitslosen, die sofort eine angebotene Stelle annehmen würden, ist den Angaben zufolge deutlich gesunken: von 80 Prozent im Jahr 2008 auf zwei Drittel im Jahr 2016. Brenke sprach von einem "Mentalitätswechsel" unter den Erwerbslosen.

Dennoch ist die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher, die vom Jobcenter wegen Fehlverhaltens sanktioniert wurden, nach wie vor klein: Im ersten Quartal 2018 traf das laut DIW 130.000 oder 3,1 Prozent aller erwerbsfähigen Hilfebedürftigen.

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