HIV-Selbsttests sollen bald frei verkäuflich sein

Je früher eine HIV-Infektion entdeckt wird, desto besser - das ist bekannt. Aus Scham lassen sich trotzdem viele Menschen nicht testen. Das soll sich bald ändern: mit Selbsttests für zu Hause. Nachteile gibt es laut Experten nur wenige.
Deutschland spricht 2019

Ab Herbst soll nach Plänen des Bundesgesundheitsministeriums jeder selbst testen können, ob er mit dem HI-Virus infiziert ist. "Der HIV-Selbsttest ist ein Meilenstein beim Kampf gegen Aids", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Freitag). "Er kann auch jene erreichen, die sich sonst nicht testen lassen würden." Experten und Verbände begrüßten die Pläne.

Spahn zufolge wissen schätzungsweise 13.000 Menschen in Deutschland nichts von ihrer HIV-Infektion. Je früher Betroffene die Diagnose kennen würden, desto früher könnten sie gut behandelt werden. "Und andere haben bei Unsicherheit die Chance auf schnelle Gewissheit, nicht infiziert zu sein", sagte der Minister.

Bislang dürfen HIV-Schnelltests in Deutschland nur an Ärzte, ambulante und stationäre Einrichtungen des Gesundheitswesens, Blutspendedienste und Beratungseinrichtungen abgegeben werden. Damit Privatpersonen die Tests künftig selbst kaufen dürfen, muss die Medizinprodukte-Abgabeverordnung geändert werden. Das soll bis zum Herbst geschehen.

Hohe Hemmschwellen

Zuverlässige Ergebnisse liefern Selbsttests laut der Deutschen Aids-Hilfe erst zwölf Wochen nach dem letzten Risiko, etwa ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Außerdem kann das Ergebnis positiv ausfallen, obwohl keine Infektion vorliegt. Daher sollte man bei einem positiven Testergebnis in jedem Fall einen Arzt aufsuchen, rät die Aids-Hilfe.

Laut dem Münchner HIV-Experten Josef Eberle haben Selbsttests vor allem den Vorteil, dass sie die teils hohe Hemmschwelle senken. Nach zwölf Wochen seien die Tests zudem fast genauso zuverlässig wie jene im Labor, sagte Eberle dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Gegen die Einführung könne sprechen, dass der Testende in einer Situation alleingelassen werde, die über sein weiteres Leben entscheide. "Wird der Test bei einem Arzt gemacht, klärt dieser über die Aussage der Ergebnisse und die nächsten Schritte auf", sagte der Virologe der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Selbsttests enthielten jedoch Beilagen mit ausreichenden Informationen: "Man kann den Nutzern zutrauen, diese auch zu lesen." Dass jemand in Panik verfalle, sei natürlich immer möglich. Man rechne aber nicht damit, dass das in einem großen Ausmaße passieren werde: "Daher überwiegt die Aussicht, dass sich die Dunkelziffer verringert", betonte Eberle.

Jedes Jahr 3.000 Neu-Infizierungen mit HIV

Sylvia Urban vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe lobte die geplante Einführung des Selbsttests als wichtigen Fortschritt. Dies werde "dazu beitragen, dass mehr Menschen möglichst früh von ihrer HIV-Infektion erfahren und eine Therapie in Anspruch nehmen können", erklärte sie. Das verhindere Aids-Erkrankungen und weitere HIV-Übertragungen.

Auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) begrüßte die Pläne des Ministeriums. Ein Sprecher erklärte auf epd-Anfrage, der Verband ermutige dazu, sich regelmäßig testen zu lassen. Frei verkäufliche HIV-Schnelltests könnten "bestehende Hemmschwellen abbauen und folglich das Testverhalten verbessern".

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts infizieren sich in Deutschland jedes Jahr rund 3.000 Menschen neu mit HIV. Insgesamt leben mehr als 88.000 Infizierte in Deutschland. In Österreich können seit diesem Monat Selbsttests in Apotheken erworben werden. Auch in Frankreich und Großbritannien sind die Tests frei verkäuflich.

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