Politikwissenschaftler: Netanjahu-Karikatur ist antisemitisch

Der Forscher Samuel Salzborn sieht "ein zentrales antisemitisches Motiv" in der Karikatur, die in der "Süddeutschen Zeitung" erschienen ist.
Deutschland spricht 2019

Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn hat die umstrittene Netanjahu-Karikatur aus der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert. "Besagte Karikatur ist israelfeindlich und antisemitisch, aus einer Reihe von Gründen", sagte der Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die gesamte Bildinszenierung verballhorne den israelischen Ministerpräsidenten und zeige ihn physiognomisch derart überzeichnet, dass er als "extrem aggressiv und zugleich als effeminiert und damit als abwertend-verweiblicht" erscheine. Dies sei "ein zentrales antisemitisches Motiv, indem Juden zugleich extreme Macht und Machtlosigkeit unterstellt wird".

Salzborn: Juden werden zur Zielscheibe

Die Karikatur des Zeichners Dieter Hanitzsch, die am Dienstag in der "Süddeutschen Zeitung" erschien, zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Sängerin Netta, die den Eurovision Song Contest in der vergangenen Woche gewann. Netanjahu ist mit großer Nase und mit überdimensionierten Ohren abgebildet. In der Hand hält er eine Rakete, auf der ein Davidstern zu sehen ist, über seinem Kopf erscheint eine Sprechblase mit dem Satz: "Nächstes Jahr in Jerusalem!"

Indem die Karikatur Netanjahu mit einer Rakete in der Hand zeigt, transportiere sie mit Blick auf die aktuellen Gefechte an der Grenze zu Gaza falsche Annahmen, kritisierte Salzborn: "Völlig ausgeblendet bleibt dabei, dass Israel sich aktuell gegen terroristische Angriffe wehrt, also nicht der Aggressor ist." Bei der Formulierung "Nächstes Jahr in Jerusalem" handelt es sich nach Worten des Politikwissenschaftlers um einen Ausspruch aus der Zeit der Diaspora, der hoffnungsfroh gemeint sei. Durch die Rakete werde er jedoch in Aggression umgedeutet.

Zugleich mache die Karikatur alle Juden zur Zielscheibe von Anfeindungen, hob Salzborn hervor. Indem die Abbildung den Davidstern an zwei Stellen zeigt, bilde sie Aggressionen ab, die sich gegen das Judentum in seiner Gesamtheit richten, betonte Salzborn. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Die Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" hat sich inzwischen für die Karikatur entschuldigt und die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Dieter Hanitzsch beendet. Der 85-jährige Zeichner sieht darin eine "Überreaktion" und hat den Vorwurf des Antisemitismus zurückgewiesen.

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