Dündar: Europa hat mit "Flüchtlings-Deal" seine Werte verkauft

epd-bild/Juergen Blume

Can Dündar

Can Dündar

Der türkische Journalist Can Dündar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihren "Flüchtlings-Deal" mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf kritisiert.
Deutschland spricht 2019

Deutschland habe vor zwei Jahren dafür gesorgt, dass die Europäische Union sechs Milliarden Euro an die Türkei zahlt, weil die Bundesrepublik keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen wolle, sagte der frühere Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet" am Montagabend auf einer Veranstaltung der Corvinus-Stiftung zur Förderung der Evangelischen Akademie Loccum in Hannover. "Das ist beschämend. Europa hat seine Werte verkauft", erklärte Dündar.

Die deutsche Regierung habe mit dem Geld offiziell die Lebensumstände der Flüchtlinge in der Türkei verbessern wollen, sagte er. Tatsächlich seien Lager und zugehörige Sicherheitsdienste angemietet worden, damit niemand mehr nach Deutschland weiterreisen könne. Nun missbrauche Erdogan die Flüchtlinge als Erpressungspotenzial gegen die EU, erklärte Dündar. Insgesamt lebten mehr als 3,5 Millionen syrischer Flüchtlinge in türkischen Sammellagern und der türkische Präsident könnte für sie jederzeit die Grenze nach Europa öffnen. Merkel fürchte sich vor diesem "Damoklesschwert".

Unterdrückung der Pressefreiheit

Dündar war im November 2015 wegen eines Berichts in seiner Zeitung über Waffenschmuggel des türkischen Geheimdienstes an syrische Islamisten festgenommen worden. Erdogan warf ihm Landesverrat und Spionage vor. Nach drei Monaten kam der Journalist aus der Untersuchungshaft frei. Im Juli 2016 reiste er aus der Türkei aus und lebt seitdem in Berlin. Dündar betonte am Montag, nicht er habe Landesverrat begangen, indem er über Waffenschmuggel berichtete. Dies sei seine Arbeit. Landesverrat sei es vielmehr, Kriege zu planen und Islamisten zu unterstützen.

In seinem Heimatland habe es immer Repressionen gegen Journalisten gegeben, sagte Dündar. Aber nie sei die Unterdrückung der Pressefreiheit dort so stark gewesen wie heute. Rund 150 Journalisten säßen derzeit in türkischen Gefängnissen. Reporter und Redakteure bewegten sich in der Türkei wie in einem Minenfeld. Es gebe viele Menschen, die jede Äußerung des Präsidenten unhinterfragt glaubten, erklärte er. Jeder Journalist stehe täglich vor der Frage, ob und wie er kritische Beiträge veröffentliche. Verständlicherweise sei nicht jeder bereit, seine Existenz zu riskieren, sagte Dündar: "Die größten Feinde der Türkei heute sind Ignoranz und fehlende Bildung."

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