Ökonom: Grundsicherung kann Kinderarmut bekämpfen

epd-bild/Maike Gloeckner

Symbolbild Kinder

Symbolbild Kinder

Der Mannheimer Ökonom Holger Stichnoth hält eine Kindergrundsicherung für ein wirksames Mittel im Kampf gegen Armut. "Es darf nicht sein, dass Kinder aufgrund ihrer Herkunft in Armut aufwachsen und häufiger in einen Teufelskreis hineingeraten", sagte der Wissenschaftler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung dem epd.
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Die derzeitigen Familienleistungen bevorzugten oft Kinder aus höheren Schichten. Die Grünen warben ebenfalls für das Instrument der Kindergrundsicherung und schlugen ihr Modell des Familienbudgets vor.

Die Einführung einer Grundsicherung, die alle bisherigen Familienleistungen ersetzt, wird von Sozialverbänden und Wissenschaftlern vorgeschlagen, die sich zum "Bündnis Kindergrundsicherung" zusammengeschlossen haben. Demnach sollen jedem Kind monatlich 573 Euro zustehen. Die Summe orientiert sich an den steuerlichen Freibeträgen für Kinder. Der Betrag soll besteuert werden.

Langfristige Einsparungen

Das Bündnis hat ausgerechnet, dass die Kindergrundsicherung im Vergleich zu heutigen Leistungen 17 Milliarden Euro mehr kostet. Die Grundsicherung lasse sich trotzdem ökonomisch begründen, sagte Stichnoth. "Ein Teil der Finanzierungslücke lässt sich vermutlich langfristig durch Einsparungen bei späteren Sozialleistungen und Umschulungen schließen", erläuterte der Wirtschaftswissenschaftler.

Die Grundsicherung beseitige die derzeitige Bevorzugung von Besserverdienern, erläuterte der Ökonom. Denn Spitzenverdiener profitierten von den Kinderfreibeträgen bei der Steuer mehr als die Mittelschicht durch das Kindergeld. Der Unterschied betrage pro Kind bis zu 764 Euro im Jahr. "Denjenigen Kindern mehr zu geben, die von zu Hause weniger haben, finde ich persönlich sehr sinnvoll", betonte Stichnoth. Auch wenn manche Eltern für die "schwierigen Verhältnissen" mitverantwortlich seien, sollten nicht die Kinder darunter leiden.

Familienbudget einführen

Die steuerpolitische Sprecherin der Grünen, Lisa Paus, sagte, es sei dringend notwendig, eine Kindergrundsicherung einzuführen. "Kinderarmut ist weit verbreitet und beweist, dass das Ehegattensplitting als Familienförderung versagt." Dieses veraltete Instrument erreiche vier Millionen Familien in Deutschland nicht, darunter alle Alleinerziehenden, deren Kinder besonders von Armut bedroht seien. Der bestehende Kinderfreibeitrag dagegen begünstige die einkommensstärksten Familien am meisten.

"Wir brauchen einen Systemwechsel in der Familienförderung", sagte Paus. Deshalb schlage ihre Partei vor, für Alleinerziehende, Unverheiratete und neu Verheiratete das Familienbudget einzuführen. Es bestehe aus den Bausteinen Kindergrundsicherung von mehr als 300 Euro für alle Kinder, einem zusätzlichen Kindergeld-Bonus für Geringverdiener-Familien und höheren Kinderregelsätzen für Hartz IV-Familien. So sei sichergestellt, dass gerade die Familien mit geringem bis mittlerem Einkommen am meisten profitieren.