Ein abgelehnter Asylbewerber kehrt nach Algerien zurück

Wie geht es Mohamed?
Flüchtlingshelfer - Wie geht es Mohamed?

Laura Maren Knauf

Mohamed wieder in Oran, der algerischen Hafenstadt, aus der er vor 25 Jahren unbedingt wegwollte

Flüchtlingshelfer - Wie geht es Mohamed?

Nach drei abgelehnten Asylanträgen kehrte Mohamed Messaoudi 
zurück nach Algerien. Das war 2001. Die Großeltern von chrismon-Autor Jonas Weyrosta hatten ihm dazu geraten. Bis heute fragen sie sich, 
ob das richtig war. Nun macht sich der Enkel auf die Suche nach 
einer Antwort – diesseits und jenseits des Mittelmeers
Deutschland spricht 2019

In einem Schrank aus Eichenholz im Wohn­zimmer meiner Großmutter liegt eine bibeldicke hell­grüne Mappe. "Mohamed Messaoudi, Gerichts- und Anwalts­akten" steht auf dem abgegriffenen Karton.

Das Telefon klingelt. Meine Großmutter schreckt von ihrem Korbsessel auf und hetzt mit wackeligen Schritten zum Hörer. "Frau Toni, wie geht es dir?", fragt Mohamed Messaoudi. Seine Stimme klingt, als habe er das Atmen vergessen. Meine Großmutter Antoinette heißt für ihn nur "Frau Toni".

Antoinette dreht sich zum Fenster, als würde das den Empfang verbessern. "Wie geht es dir denn?", will sie ­wissen. Er erzählt, sie hört zu. "Mensch, Kerle", sagt ­Antoinette jedes Mal zum Abschied, "es war schön, dich zu hören." Für einen kurzen Moment bleibt sie dann am Telefontisch stehen und schüttelt den Kopf.

Jonas Weyrosta

Für Jonas Weyrosta, Jahrgang 1988, war die Rekonstruktion der Freundschaft zwischen seinen Großeltern und Mohamed ein tiefer Blick in die damaligen Asyldebatten, die er nur aus Büchern kannte. Er lernte etwas für die Gegenwart: Jeder noch so kleine Akt der Menschlichkeit in einem unmenschlichen System lohnt sich. Immer.
Laura Maren KnaufJonas Weyrosta

Laura Knauf

Laura Knauf kocht seit der Reise die algerischen Familiengerichte von Mohammeds Frau in Berlin.
privatLaura Maren Knauf, Fotografin, chrismon 09/2018, Wie geht es Mohamed?
Seit 17 Jahren telefonieren die beiden miteinander. Mindestens einmal im Monat. Mohamed in Oran, einer Hafen­stadt im Norden Algeriens. Antoinette in Krautheim, einem kleinen Dorf in Nordwürttemberg. Manchmal klingt ­Mohameds weniges Deutsch sogar noch nach dem Dialekt des Jagsttals, in dem Krautheim liegt, inmitten einer Landschaft aus buckligen Wäldern und weiten Wiesen.

Meine Großmutter glaubt Mohamed nicht, dass es ihm gut geht. Auch wenn er das am Telefon immer wieder sagt. Algerien klingt für sie so fern und gefährlich. "Wahrscheinlich will er mich nur nicht belasten." Diese Zweifel hat Antoinette seit dem Tag im August 2001, als sie und Wulf, mein Großvater, Mohamed davon überzeugten, nach Algerien zurückzugehen. Sie gaben damals einen Kampf auf – den Kampf um Asyl für den 32-jährigen Algerier, der acht Jahre zuvor plötzlich vor ihrem Haus gestanden hatte.

Mohamed ging zurück nach Algerien, und Antoinettes Gedanken kreisen bis heute um die Frage, ob sie zu ­wenig für ihn getan haben. "Man hört heute ja immer noch Schlimmes aus diesen Ländern." Sie meint: Terror, Islamismus, Flucht. Fast immer wenn sie ihr kleines Küchenradio einschaltet, hört sie davon. "Menschenskinder", flucht sie dann und klatscht mit der flachen Hand auf den Tisch. Es klingt wie ein Vorwurf an die ganze Welt, die sich einfach nicht beruhigen will.

 "Frau Toni" kann jetzt sehen, dass es ihr Schützling am Ende doch ganz gut getroffen hat. Jetzt hat sie BilderLaura Maren Knauf

Lange war ich zu jung, um zu verstehen, was genau die Geschichte des fremden Mannes ist, dem ich als kleiner Junge im Garten meiner Großeltern auf Schritt und Tritt folgte. Bei dem ich mich fragte, warum er oft so traurig aussah.

17 Jahre später blättere ich im Haus meiner Großmutter durch die grüne Mappe. Sie erzählt die Geschichte einer Flucht nach Europa. 192 Seiten Kampf gegen die Abschiebung. Als der Abschiebebefehl kam, wollte Mohamed untertauchen. Meine Großeltern sprachen lange mit ihm. "Deutschland wird dir nie eine Chance geben", sagten sie zu ihm und buchten einen Flug. Das klingt herzlos – aber war es richtig? Mit dieser Frage lebt meine Großmutter seit 17 Jahren. Kein Telefonat kann ihr das nehmen.

Gemeinsam entscheiden wir, ich könne nach Algerien reisen und nach einer Antwort suchen; sehen, wie es Mohamed heute geht. Mit ihren 80 Jahren fühlt sich die Groß­mutter zu alt für eine lange Reise. Mein Großvater Wulf war gestorben, kurz bevor er Mohamed besuchen wollte. Ganz vorne in der Mappe liegen seine ausgedruckten Flugverbindungen. Am Telefon erzähle ich Mohamed von meinem Plan. Er fragt nicht, er sagt: "Herzlich willkommen." Vor meiner Reise sehe ich mir die Unterlagen in der Mappe genauer an. Ich finde alte Zeitungsartikel und bin überrascht, denn manche klingen sehr aktuell:

Schwerer Druck lastet auf den Politikern. Rechtsextreme Parteien wittern Morgenluft. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Asylbewerber [. . .] fast verdoppelt [. . .]. Die Überfälle auf Ausländer [. . .] haben Deutschlands Antlitz verdunkelt. (DIE ZEIT 21/1993)

Einheimische Familien bringen Brote oder Kekse, andere nehmen eine Flüchtlingsfamilie mit nach Hause – aus Solidarität oder aus Mitleid. [. . .] Aber das reicht nicht. Denn es kommen immer mehr und immer mehr. (SPIEGEL 14/1999)

Damals ging es um die Zuwanderung aus Osteuropa. In dieses Deutschland kam auch Mohamed. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Als vor vier Jahren 40 syrische Männer in das kleine Krautheim kamen, trat der Bürgermeister vor die Bewohner und kündigte die Umnutzung eines leerstehenden Wohnhauses als Flüchtlingsunterkunft an. Viele brüllten ihre Angst in den Saal. Sie bräuchten Elektrozäune um ihr Grundstück und Selbstverteidigungskurse für die Mädchen. Meine Großmutter hörte nur schweigend zu. Auf dem Heimweg fragte ich sie, wie das im Dorf war, als sie Mohamed bei sich versteckten. "Ach, weißt du, jeden Morgen steht irgendwo auf der Welt ein Depp auf." So klingen Trotz und Überzeugung. "Noch lange kein Grund, einfach nichts zu tun", schob sie nach und hakte sich bei mir ein.

Meine Reise zu dem Mann, für den meine Großeltern kämpften, beginnt an einem kalten Morgen mit einer Zugfahrt nach Frankreich. 2315 Kilometer trennen Krautheim und Oran, dazwischen liegen acht Stunden Zugfahrt und 26 Stunden mit dem Schiff. Am Hafen von Marseille schleifen alte Männer ihre ausgeleierten Taschen über den Boden der Wartehalle. Die Fahrt beginnt, und ich frage mich: Was, wenn ich meiner Großmutter sagen muss, dass es Mohamed nicht gut geht?

Die Mappe erzählt mir auch, wie seine Reise nach 
Europa begann.

In meinem Rucksack liegt die Mappe. Dutzende Male habe ich alle Dokumente durchgelesen. Sie erzählen mir: Mohamed ist Berber. Erst 2002 wurde die Berbersprache offiziell anerkannt, lange wurden die Namen der Berber arabisiert, ihre Kultur galt als Folklore.

Die Mappe erzählt mir auch, wie seine Reise nach 
Europa begann. Mit einem Touristenvisum reiste er im März 1993 nach Rom. Als er den Flughafen verließ, zerstörte er seinen Pass, dann stieg er auf einen Vieh­transporter nach Frankreich und lief zu Fuß weiter nach Deutschland. Nach fünf Tagen landete Mohamed in Karlsruhe und stellte seinen ersten Asylantrag. Neun Monate wartete er in Heilbronn auf seine Anhörung durch das Flüchtlingsamt (BAFI):

BAFI: Was waren die Gründe für Ihre Ausreise?
Messaoudi: Ich bin wegen der Bücher und meiner Zeichnungen ausgereist.
BAFI: Bedeutet das, dass Sie nicht wegen der Probleme mit der Polizei, sondern wegen Ihrer Bücher und Zeichnungen ausgereist sind?
Messaoudi: Beides waren die Gründe. Mit der Polizei hat man immer Probleme, weil sie gegen die Berber sind. Meine Bücher waren verboten. Der Führer unserer ­Partei hat die Bücher geschrieben, und ich habe die Zeichnungen dazu gemacht. [. . .]
Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich hier Asyl ­beantragen konnte.

(Anhörungsprotokoll des Bundesamts für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAFI), Außenstelle ­Rastatt, 2. Dezember 1993, Uhrzeit: 10.45–11.40 Uhr)

Der Ablehnungsbescheid kam schon nach wenigen Tagen.

"Es scheidet die Annahme aus, es seien ausreichende, bei einem vernünftig denkenden, besonnenen Menschen ernsthafte Furcht erweckende objektive Anhaltspunkte für die beachtliche Wahrscheinlichkeit politischer Verfolgung nach Rückkehr gegeben."

(Ablehnung des Asylantrags, Verwaltungsgericht 
Stuttgart, 6. Dezember 1993)

Mohamed verstand kein Wort, aber er legte Widerspruch ein. Er erhielt eine vorläufige Duldung, durfte umziehen, landete rund 50 Kilometer nordöstlich im überschaubaren Krautheim und saß wegen eines harmlosen Hustens in der Arztpraxis meines Großvaters. "Wer sind Sie denn?", fragte ihn Wulf. "Mohamed aus Algerien", antwortete er und erzählte seine Geschichte. "Wenn du mal Hilfe brauchst, meldest du dich", sagte Wulf zu Mohamed. Ein Satz, den man weglächeln kann. Mohamed nahm ihn ernst. Und der Doktor hielt sein Wort. Mohamed lebte fortan über Monate mit ihm in Krautheim. Ein Dorf mit Vorgärten, so übersichtlich wie das Weltbild vieler Bewohner.

Immer wieder saß Mohamed in den folgenden Wochen mit meinen Großeltern unter dem großen Walnussbaum in deren Garten. Sie tranken Tee und lachten viel. Wulf sprach von den Deutschen, Mohamed von den Berbern. Wir ­Enkelkinder erklärten Mohamed die deutsche Sprache, die wir damals selbst erst lernten. "Mit uns leben" stand auf ­seinem "Deutschbuch für Aussiedler". Für uns waren es schöne ­Tage. Wir ahnten nichts von Mohameds Kampf.

 In Deutschland vermisste Mohamed seine Heimat. Die engen Gassen, das Meer, die Menschen. Heute hat er vier Kinder, seine Frau ist wieder schwanger. Das Kleidergeschäft, sechs Quadratmeter groß, läuft gut, sagt er.Laura Maren Knauf

 Davon erzählt mir heute die Mappe. Über Jahre füllte sie sich mit Anwaltsbriefen, Anträgen, Einsprüchen und Nachfragen zu insgesamt drei Asylanträgen. Ich finde Briefe an Politiker, die Kirchen und Dutzende Menschenrechtsberichte.

Auf einem Papier lese ich, der Anwalt hatte erreicht, dass die aus der ersten Asylanhörung resultierende ­Duldung um fast vier Jahre verlängert wurde. Die Ab­schiebung wurde bis zum April 1998 ausgesetzt. Auch danach gaben Wulf und Antoinette nicht nach:

"Bei einer Rückkehr in seine Heimat fürchtet ­Messaoudi Verfolgung durch die Polizei, aber auch durch die opposi­tionelle Partei FIS und deren radikale Anhänger, welche, wie man auch aus in Deutschland zugängigen Informations­quellen wie Fernsehen und Zeitung erfährt, vor Massakern an der Zivilbevölkerung nicht zurückschrecken. Insbesondere in der Heimatstadt Oran gibt es viele Anhänger dieser radikalen Partei FIS; der Kläger ist dort auch als Mitglied der Partei RCD bekannt. Mohamed Messaoudi fürchtet um Leib und Leben."
(Eidesstattliche Versicherung zur Glaubhaftmachung der Fluchtgründe, Stuttgart, 30. April 1998)

"Mohamed Messaoudi fürchtet um Leib und Leben", ­diesen Satz unterstrich mein Großvater mit einem dicken gelben Stift.

Das Verwaltungsgericht in Stuttgart lehnte auch den Folgeantrag ab, später auch das dritte Asylgesuch. Am 17. Juli 2001 war die Abschiebung rechtskräftig. Deutschland hatte den Kampf gegen einen Schutzsuchenden gewonnen.

In der Nacht vor Mohameds Abreise blieb in Krautheim das Licht an. Wulf machte kein Auge zu. Auf der Fahrt zum Flughafen sprach keiner ein Wort. "Als schickte ich mein eigenes Kind in die Ferne", sagt meine Großmutter. Immer wieder drehte sie sich zur Rückbank, versuchte, in Mohameds Augen zu lesen, und fand Angst.

Bis hierhin kenne ich die Geschichte aus der Mappe und den Erzählungen meiner Großmutter. Esist eine Geschichte des Scheiterns und der vergeblichen Suche nach einem neuen Leben. Jetzt reise ich zu Mohamed. Jetzt geht es um seine Sicht, die sich als ganz anders herausstellen wird.

Mit der Morgensonne erreiche ich Algier im Nebel. Kreideweiße Häuser kriechen aus dem Dunst. Mohamed verspätet sich, ich starre zwei Stunden lang auf den lauten Straßenverkehr. In jedem Auto, das vor mir hält, vermute ich ihn. Die Minuten schleichen. Dann ist er da, und wir sind einander sofort vertraut. Seine warmen Augen erinnern mich an früher. Wir umarmen uns, er küsst meine Stirn. Lange schauen wir uns wortlos an. Mohamed strahlt eine überwältigende Zärtlichkeit aus. Er ist nicht groß, vielleicht 1,70 Meter. Sein grauer Bart schimmert auf der sommerbraunen Haut.

Für ihn bleibt die Frage, warum sie all das für ihn taten

Unsere Gespräche dauern zwei Wochen und beginnen bei viel Hühnchen und Pommes frites. Wir sitzen in seiner Wohnung im siebten Stock eines alten Hochhauses. Draußen drängt die Mittagssonne die Menschen in den Schatten, in der kleinen Wohnung breitet sich der Geruch von süßem Tee aus. Mohamed, seine schwangere Frau und die vier Kinder leben in einer Vierzimmerwohnung, die Wände verziert mit bunten Fliesen, die Couch überzogen mit schwarzem Samt. Ich esse mehr, als ich kann, aber weniger, als ich soll.

Aus Krautheim habe ich Bilder mitgebracht, von "Frau Toni" und dem "Doktor", wie Mohamed meine Großeltern konsequent nennt. Er küsst die Bilder. "Sie waren wie ­Eltern für mich. Ohne sie wäre ich in Deutschland ver­loren gewesen", sagt er. Für ihn bleibt die Frage, warum sie all das für ihn taten. Ohne Gegenleistung. Seine Blicke wirken, als erwarte er eine Antwort von mir. Aus Ver­legenheit sage ich: "Das war doch selbstverständlich." Wir beide ­wissen, das war es nicht. In solchen Momenten sind wir uns zugleich fremd und merkwürdig vertraut.

Auch seine Frau und die Kinder sollen die Bilder aus Krautheim sehen. Sie sollen endlich erfahren, von wem Mohamed in all den Jahren so viel erzählt hat, von wem die Briefe sind, die sich im Schlafzimmerschrank stapeln. Er hat alles aufbewahrt – jede Karte, jede Notiz, jede Quittung, jede Briefmarke aus Krautheim. Auch unser altes Deutschbuch liegt jetzt in Oran. Mohamed tippt mit dem Zeigefinger auf den Titel und lächelt mich an: "Mit uns leben."

Später ziehen wir durch die Stadt. Die Abend­sonne taucht alles in warmes Licht. In den ­engen Gassen riecht es nach Kaffee und Bratfett. An jeder Ecke klopft mir Mohamed auf die Schultern, "Yunus, wie gefällt dir?", will er wissen und deutet schon auf das nächste Gebäude: die Cathédrale du Sacré-Cœur, ein sandfarbener Steinbau mit dunkel-
blauem Fensterglas. Wir schlängeln uns weiter durch enge Marktgassen.

Mohamed nimmt mich mit in seine Welt. Heute darf er zeigen und erklären. In Deutschland war er es, der immer nur lernen sollte. Mohamed erzählt, wie sehr er seine Heimat in Deutschland vermisst hat. Das konnten ihm auch meine Groß­eltern nicht nehmen. Immer wieder schaltete er seinen kleinen Fernseher an, suchte vergeblich Bilder aus seiner vertrauten Welt. Er fühlte sich gefangen in der Warteschleife. Irgendwann musste er auch vor der Hilfe meiner Großeltern fliehen. Er hielt es nicht aus, auf andere angewiesen zu sein. Er ging für ein paar Monate nach Paris, wo er unter dem Holztisch schlief, den er tagsüber auf dem Markt nutzte, um Kleider zu verkaufen. Dann wieder ­zurück nach Deutschland.

Er fühlte sich schuldig, weil der Doktor viel Geld für ihn zahlte

Um arbeiten zu können, fälschte Mohamed seinen Pass. Er wurde zu Vincent Bender aus Frankreich, ging nach Köln, fand Arbeit in einer Schokoladenfabrik, später in ­einer Buchbinderei. "Ich hatte eine kleine Wohnung und Arbeit. Ich hatte Geld, Kleider und ein Bett. Ich hatte Alltag." Er rief erst den Doktor an, dann seine Mutter in Algerien. "Ich bin in Köln, ich habe Arbeit." Er kaufte ­einen Fern­seher, ein Radio und CDs von Phil Collins. Sobald er eigenes Geld hatte, fühlte er sich verpflichtet zu helfen. Er nahm einen Algerier bei sich auf, der begann, mit Drogen zu handeln. Er wurde erwischt und erzählte der Polizei von Mohameds gefälschtem Pass. Die Polizei stand vor dem Haus, in letzter Minute warnte ihn seine Vermieterin. "Ich nahm nur mein Geld, ein Foto meiner Mutter und sagte meinem Fernseher Tschüss, Phil Collins Tschüss. Mein Kühlschrank, meine Kleidung – Tschüss." Mohamed ging zurück nach Krautheim.

Dann wurde er Antonio Fontonato aus Italien. Mohamed wollte mit dem falschen Pass nach Kanada fliegen, Europa schien aussichtslos. Die Zollbeamten hielten ihn am Flughafen Düsseldorf auf. Der Doktor kaufte ihn frei. Mohamed fühlte sich schuldig, weil die einzigen Menschen, die an ihn glaubten, viel Geld für ihn zahlten. "Wer bin ich, dass er das für mich tut?", fragte er sich damals, und er fragt es sich bis heute. "Der Doktor gab mir einen Schlüssel zu seinem Haus. Ich wollte ihm auch eine Freude machen, aber ich wusste oft nicht wie", sagt er und weint. Mohamed hasste das Gefühl, nicht auf eigenen Beinen zu stehen.

Wir gehen weiter zur Straße seiner Kindheit, zu ­seinem Elternhaus, vorbei an einer kurzen Marktpassage. Von den Laternen an den Hausfassaden fällt Licht auf die Gemüse­berge. Ich erzähle Mohamed von der Mappe, von den ­vielen Dokumenten, die bis heute im Schrank ­meiner Großmutter liegen. Davon wusste er nichts. Das war der Kampf seiner Helfer. Verlängerung der Duldung, Abschiebung, Wiedereinreiseverbot – Begriffe, die für ihn am ­Ende alle nur bedeuteten, dass er gehen musste.

In diesem Gespräch erfahre ich, dass nicht alles stimmt, was in der Mappe steht. "Bevor ich in Deutschland ankam, wusste ich nichts von eurem Asylsystem." Ein anderer Flüchtling hatte ihm in Karlsruhe gesagt: "Entweder du heiratest eine Frau, du lebst vom Drogenschmuggel, oder du beantragst Asyl." Das sind die drei Möglichkeiten auf ein Leben in Europa. War Mohamed also kein Flüchtling? Was war mit den Karikaturen? "Ich träumte von Arbeit in Europa. Ich suchte mein Leben." In Algerien fühlte er sich früher wie ein Adler ohne Flügel. "Du hast viel Kraft, kannst aber nicht fliegen." In Europa sei das anders, erzählten ihm Freunde und ausländische Filme. Das politische Asyl schien ihm die einzige Chance, bleiben zu dürfen. Ich bin verunsichert. War die Flucht inszeniert? Später ist auch meine Großmutter überrascht, als ich ihr davon erzähle, aber sie sagt: "Ist das wirklich wichtig, Jonas? ­Mohamed brauchte Hilfe, und wir haben geholfen."

 Antoniette hätte nicht selbst nach Algerien reisen können. Ihr Enkel Jonas war an ihrer Stelle dortLena Maren Knauf

Am Abend treffen wir Mohameds Bruder. Die beiden Familien sitzen zum Essen zusammen. Auf dem Tisch viele Teller, mit Hühnchen, Rindfleisch, Kartoffeln und Reis. Soufien, der 19-jährige Neffe von Mohamed, möchte auch nach Europa. Europa, sagt Mohamed mit energischer Stimme, sei nicht das Paradies, von dem der Junge träume. "Wir schliefen auf Styropor, aber schickten Fotos von uns mit einem Porsche in die Heimat. Nichts von dem, was sie euch auf Facebook als Europa verkaufen, ist die Wahrheit." ­Soufien hört ­Mohamed mit gleichgültigem Blick zu, in seinen ­Händen hält er ein Smartphone mit kaputtem Bildschirm. Er erzählt von einer Nachricht auf Facebook: Katalonien wolle junge Algerier aufnehmen, nach drei Jahren Arbeit bekomme jeder einen Pass. Mohamed schüttelt den Kopf. "So läuft das nicht in Europa. Ich wäre verloren gewesen, hätte ich nicht Frau Toni und den Doktor getroffen."

Über dem Esstisch hängt ein Flachbildschirm an der Wand, es laufen die Nachrichten über das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien. Durch das Bild laufen ­junge Männer mit glühenden Augen – das scheint Soufien zu genügen.

Nach dem Essen möchte Mohamed noch zum Hafen spazieren. Das Gespräch mit Soufien hängt ihm nach. Wir setzen uns in ein kleines Straßencafé. Mohameds Blick fällt auf die großen Fährschiffe. Er erinnert sich, wie er als Kind hier mit seinen Freunden saß. Sie träumten, mit dem Schiff über das Meer in ein Land zu fahren, das sie nicht kannten, in dem aber große Autos von den Schiffen rollten. Mohamed erzählt, manche Freunde versteckten sich in den Kaminen der Schiffe. Sie verbrannten. ­Bevor wir aufbrechen, entschuldigt sich Mohamed bei dem ­jungen Kellner, weil wir länger saßen, als wir tranken. Der Kellner antwortet: "Es war schön, dir zuzuhören. Ich verstehe kein Wort, aber es klang nach Europa."

Es scheint, als durfte Mohamed den Traum vieler ­junger Algerier auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen. Er weiß, wie gnadenlos Europa mit Träumen umgehen kann. Für sich hat er erkannt: Sein Leben findet in Algerien statt.

Sechs Quadratmeter Ladenfläche sind der Grund, ­warum sich Mohamed heute nicht mehr in die Ferne träumen muss. In seinem Kleidergeschäft hängen Dutzende ­bunte T-Shirts, Trainingsanzüge und Hemden. Die Geschäfte laufen gut, sagt er. Mit seinem Laden verdient er genug für die Schule der Kinder, die Wohnung, das kleine Auto.

Seit 17 Jahren hat er nicht einen Tag freigemacht, die ­Kollegen wundern sich, wo er die letzten Tage war. Er ­erzählt vom Besuch aus Deutschland, "der Enkel des ­Doktors". Ich empfange Dankbarkeit, die meinen Groß­eltern gebührt. Wir schieben uns durch Menschen­mengen, schütteln Hände, bekommen Küsse.

Zwischen seinen Schaufensterpuppen erinnert sich ­Mohamed, was der Doktor ihm am Abend vor seiner Rückkehr sagte: "Wenn du nicht zurückgehst, verlierst du viel wertvolle Zeit. Vielleicht findest du in Algerien ein richtiges Leben." Vielleicht, sagte Wulf und meinte damit "hoffentlich". Es war richtig, sagt Mohamed. Er sieht mich an und sagt: "Ich bin endlich angekommen. Ich bin glücklich."

Seine Freunde haben ihm den Weg zurück in sein altes Leben gezeigt

Auf seltsame Weise tut mir dieser Satz gut. Nicht nur weil das eine Antwort für meine Großmutter ist. Sondern weil es in eine Zeit fällt, in der Deutschland Tag für Tag über Abschiebungen verhandelt, obwohl niemand ­wirklich weiß, was mit den Menschen in ihrer Heimat passieren wird. Mohamed hat in Europa kein neues Leben gefunden, aber Freunde, die ihm einen Weg zurück in sein altes Leben gezeigt haben.

Vor meiner Abreise nimmt Mohamed mir das Ver­sprechen ab, dass ich Frau Toni in den Arm nehme, dass ich an das Grab meines Großvaters gehe und ihm sage, dass es Mohamed gut gehe. Oft träumt er, dass der Doktor in Sorge um ihn sterben musste.

Zurück in Krautheim zeige ich meiner Großmutter ­Bilder von Mohamed, seiner Familie, der Wohnung und dem Laden. Ihre Augen suchen nach Beweisen der Angst und der Gefahr. Sie findet nichts und weint. "Ich wünschte, Wulf könnte das noch erleben", sagt sie. Ich erzähle ihr von Mohameds Erinnerungen, seinem Dank. Auch sie will von Dank nichts hören. Für sie war es selbstverständlich, für Mohamed war es alles.

 

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Ralf Sanftenberg, Migrationsexperte der GIZ, über Flüchtlinge, ihre Rückkehrbereitschaft und die Reintegration in der Heimat
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Lesermeinungen

Es ist sehr erfreulich, dass der Algerier Mohamed Hilfe bekam und es ihm heute gut geht. Kann er seinen Kindern ein Auskommen sichern?

Es gibt jedoch auch einen anderen Blickwinkel. Mit Sicherheit ist kein Land darauf erpicht, armutsbedingte Kleinkriminelle oder auch Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, aufzunehmen.
Kinderreichtum ist vielfach der Grund der großen Armut, hier muß angesetzt werden. Von uns allen bleibt viel zu tun, aber auch von Seiten der Kirche.

Liebes Chrismon-Team,

als überzeugte Atheistin lese und schätze ich Ihr Magazin schon viele Jahre. Die aufgegriffenen Themen und die oft sehr differenzierten Ausführungen fand ich sehr gelungen. Nur die Veröffentlichungen zum Thema "Flüchtlinge" sind doch aus meiner Sicht recht einseitig, aber da Sie sich da sicher der offiziellen Linie der Evangelischen Kirche verpflichtet sehen, ist auch das o.k.
Aber bei dem neuesten Bericht "Wie geht es Mohamed?" regt sich bei mir doch Widerstand, so dass ich das erste mal in meinem Leben überhaupt eine Leserpost verfasse.
Mohamed hat 1993 einen Asylantrag in Deutschland gestellt, da er politisch verfolgt worden sei. 2001, nach mehrfachen Gerichtsverfahren, wurde der Asylantrag endgültig abgelehnt, und seine Freunde in Deutschland haben ihn unterstützt zurück nach Algerien zu gehen. Jetzt viele Jahre später kommt heraus: Nichts an dem Asylantrag stimmte. Enttäuschung? Wut? Empörung seiner Freunde? Nichts dergleichen. "Frau Toni" meint: Eigentlich gar nicht wichtig. Hauptsache wir haben geholfen. Der Enkel freut sich über ein bisschen Menschlichkeit in einem "unmenschlichen System" und Chrismon findet "eine anrührende Geschichte".
Nun, ich finde: Mohamed wurde nicht politisch verfolgt, er floh nicht vor Krieg, Hunger und Elend. Er träumte halt von Europa. Und dafür beginnt er dann mit Vorsatz zu lügen und zu betrügen. Er belügt das Flüchtlingsamt, er belügt seine deutschen Freunde und benutzt sie, dass sie ihn in seinem Betrug unterstützen, er belügt den Anwalt, den er sicher auf Steuerzahlerkosten gestellt bekommt und er lügt vor Gericht bis hin zu einer falschen Eidesstattlichen Versicherung.
Vielleicht findet "Frau Toni" das ja alles wirklich nicht so schlimm. Vielleicht ist es aber auch so einfacher, als sich einzugestehen, dass sie von Mohamed belogen und benutzt wurde. Und vielleicht kann sie so ja auch weiterhin auf die "Deppen" herab blicken, denen Mohamed wohl schon von Anfang an etwas suspekt war...
Das Asylverfahren hat insgesamt 8 Jahre gedauert, in denen Mohameds Lebensunterhalt sicher vom Sozialamt bestritten wurde. Dazu kommen Kosten für den Rechtsanwalt und Gerichtskosten. Es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn ich schätze, dass Mohamed sich Leistungen von ca. 50.000,00 EUR erschlichen hat. Ein großes Unrechtsbewusstsein scheint er nicht zu haben.
Bin ich eine kleindeutsche Krämerseele, wenn ich daran erinnere, dass auch in Deutschland das Steuergeld nicht an den Bäumen wächst, sondern von vielen Menschen oft mühevoll erarbeitet wird, nicht zuletzt auch von den "Deppen" von denen Frau Toni spricht?
Der Autor des Textes spannt selbst den Bogen zu den Flüchtlingen von 2015. Drum sei es auch mir erlaubt: Keiner bezweifelt, dass es auch viele Menschen gibt, die wirklich vor Krieg und Terror fliehen. Doch wenn die übergroße Mehrheit von ihnen ohne Papiere einreist, darf man seinen gesunden Menschenverstand befragen, wie viele wirklich ihre Papiere auf der Flucht verloren haben? Oder wie viele es machen wie Mohamed: Papiere vernichten und sich eine passende Geschichte ausdenken. Für Menschen wir Frau Toni und ihren Enkel scheint das kein Problem.
Recht? Unrecht? Lüge? Wahrheit? Alles nicht so wichtig, Hauptsache da ist jemand dem wir helfen können? Kann es sein, dass einigen "Menschen mit Haltung" der moralische Kompass abhanden gekommen ist?
Wie eingangs bereits erwähnt, schätze ich Ihre Zeitschrift sehr. Ich würde Ihnen nur gern den Mut wünschen das Flüchtlingsthema weniger mit Haltung als mit Ehrlichkeit zu behandeln.
Viele Grüße,
Kerstin Günther
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